Jugendliche bewerfen Radler Bögel mit Steinen
Bermaringen. Auf seinem Rad hat Hartmut Bögel aus Blaustein bisher rund 12.000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt zurückgelegt. Pünktlich zum ersten WM-Spiel der deutschen Nationalelf möchte er in Durban sein. In loser Folge berichtet Hartmut Bögel über seine Erlebnisse von unterwegs.
4. Juni East London
Gestern hat mich Geerd aus George angerufen und mir erzählt, dass in einem der hiesigen Sportkanäle im TV ein Bericht über die Tour d’Afrique im Allgemeinen und über unsere Ankunft in Kapstadt im Speziellen gesendet wurde und dass dabei auch ein Interview mit mir kam, das am Atlantikstrand geführt wurde! Hey, das müsst ihr euch mal geben... Ein Interview mit mir in meinem zungenbrecherischen Englischkauderwelsch im südafrikanischen Fernsehen... Meine legendäre, unvergessliche und erste Englischlehrerin Frau Greif würde vor Stolz in die Luft hüpfen, wenn sie das sehen würde und sagen: "Das habe ich doch immer schon gewusst, dass der Bub das mit dem Englischen auch noch mal hinkriegen wird. Na, und wegen der Grammatik wollen wir mal ein Äuglein zudrücken, da hat er sich schon immer schwer mit getan!" Ich hoffe ja, ich kriege das auch mal irgendwie zu sehen!
In Port Alfred hat mich eine Journalistin von der dortigen Lokalpresse morgens beim zweiten Frühstück im Supermarkt angetroffen und befragt. Sie war sehr angetan von meiner Reise, möchte einen Artikel für die Zeitung verfassen und hat mich auch zu sich nach Hause eingeladen, aber ich muss doch zuschauen, dass ich es rechtzeitig nach Durban schaffe und da kann ich nicht schon morgens um 10:00 Uhr Quartier beziehen und die Radlerei einstellen. Deswegen lehnte ich dankend ab.
Das Etappenziel hieß Kidds Beach und wartete in 110 km Entfernung. Es sollten ziemlich anstrengende Kilometer werden, denn es ging pausenlos und heftigst bergauf und bergab. Tiefe Flusstäler galt es zu überqueren, die Anstiege gingen mir doch ganz nett in die Beine und so zwischendurch hab ich doch glatt die Lust etwas verloren. Ich war auch ziemlich ausgepowert und müde und auch der überraschend starke Verkehr auf der engen Straße setzte mir zu. Ich brauchte um die Mittagszeit eine lange lange Pause und fand ein nettes Restaurant mit einem Souvenir- und Möbelladen dabei am Rande einer Schwarzensiedlung in der Ciskei, so heißt die Gegend hier. Ich ließ es mir dort echt gut gehen und bekam einen sensationellen Spinat-Feta-Pilz-Pie mit Salat, einen vorzüglichen Käseblaubeerkuchen zum Milchkaffee und obendrein noch drei Schokocookies geschenkt. Dann fühlte ich mich danach wieder jung, frisch und energiegeladen, um die verbleibenden 55 km vollends zu schaffen.
Doch es war schon auch klar, dass es zeitlich knapp werden wird bei all den Steigungen und im Anbetracht dessen, dass es eben um 17:30 Uhr schon so dämmerig ist, dass man besser nicht mehr auf der Straße mit dem Fahrrad unterwegs sein sollte. Bei einem der Anstiege dann riefen mir aus einer Anhöhe einige Jugendliche zu und wollten, dass ich anhielt, ich winkte und grüßte zurück, stoppte aber nicht und wurde dann von ihnen mit Steinen und dicken Erdklumpen beworfen. Hey, das war echt kein Spaß, denn die Teile hatten es in sich und es waren vor allem verdammt viele, die mir da um die Ohren flogen. Das stellte alles in den Schatten, was ich in Äthiopien erlebte oder von der anderen berichtet bekam. Ich versuchte mit lautem Schimpfen und Schreien dem Beschuss ein Ende zu machen doch erreichte dadurch eher das Gegenteil und an Flucht in Form von Wegradeln war wegen des Anstieges nicht zu denken. Zum ersten Mal bereute ich es, dass ich seit Kapstadt keinen Helm mehr auf dem Kopf trage, denn zumindest in solchen Situationen wäre der nun sehr schützend und hilfreich. Ein Dreckklumpen traf meine Lenkertasche und einer meine Tasche am Gepäckträger, den anderen konnte ich ausweichen und sie schlugen neben mir auf der Straße auf. Andere Autos und die zunehmende Entfernung von den Jugendlichen zu mir bereiteten dem Spuk dann zum Glück bald ein Ende. Aber dieser Angriff – und als solchen empfand ich ihn – setzte mir doch zu, versetzte mich in Angst und Schrecken währenddessen und machte mich nachdenklich. Nun wurde mir bewusst, auf was ich mich da womöglich einlasse in den nächsten Tagen und dass die Warnungen vor der Transkei doch nicht so ganz aus der Luft gegriffen waren. Andererseits wollte ich es nun auch nicht überbewerten, denn bislang hatte ich ausschließlich nur allerbeste Begegnungen und Erfahrungen gemacht, auch in den Schwarzensiedlungen. Ich werde also meine Sinne und Augen wach halten und darauf vertrauen, dass – sollte so etwas nochmals passieren – es auch Menschen geben wird, die mir helfen werden. Dessen bin ich mir, nach allem was ich bislang erleben durfte, hier auch sicher. Doch etwas aufgewühlt erreichte ich dann im schönsten Abendrot gerade noch rechtzeitig Kidds Beach und hatte nach dem Erlebten irgendwie das Bedürfnis nach einer guten und sicheren Bleibe. Diese fand ich auch schnell in einem schönen Bed&Breakfast-Zimmer bei Malcom und Terri, wo es obendrein auch noch Tee und Kekse und ein Bierchen zu meinem Käsebaguette gab.
Nach einer heißen Dusche fühlte ich mich dann rundum wieder wohl und die Vorstellung, morgen nur 30 km bis East London radeln zu müssen, wo ich bei Barry und seiner Familie übernachten darf, behagte mir sehr und ermöglicht mir einen halben Tag am Strand. Barry ist im Übrigen der Sohn von Daphne und Peter, das sind die beiden, bei denen ich in Port Elisabeth zuhause sein durfte.
So machte ich mich also heute früh nach dem Frühstück (Spiegeleier mit Bohnen und Pilzen, davor Müsli mit Joghurt und Obstsalat und Toast) auf und spazierte bei leichtem Nieselregen am einsamen Strand entlang und schaute was das Meer über Nacht so alles an Land gespült hat. Mächtige Wellen und die aufgewühlte See faszinierten mich dabei ebenso wie all die Muscheln und Schnecken, die es am Sandstrand zu finden gab und die ich leider oder zum Glück alle nicht mitnehmen kann... Und als ich mich später dann von meinen Gastgebern verabschiedete, wollten sie kein Geld von mir, sondern gaben mir noch ein Vesperpaket mit auf den Weg und wünschten mir viel Glück auf meinem weiteren Weg. Sie zeigten sich einfach erfreut, dass ich bei ihnen eine gute Rast gefunden hatte. Zudem bekam ich von Terri noch eine Adresse der UNICEF Zentrale in Pretoria und eine Kontaktperson, die sie dort gut kennt, da sie auch die Arbeit von UNICEF unterstützt. Echt unglaublich phänomenal wie sich manchmal eins zum anderen fügt. Ach, wie hat mir dies nun alles gut getan, gerade auch nach dem bösen Erlebnis am gestrigen Nachmittag. Frohen Mutes und voll Freude über all die gute Fügung strampelte ich so vollends die 30 km nach East London. Danke Terri und Malcom für eure geniale Unterstützung!
Um East London herum ließen sich vor nun mehr gut 150 Jahren viele Aussiedler aus Deutschland nieder und so findet man hier Orte mit den vertraut klingenden Namen Braunschweig, Hamburg, Potsdam oder Berlin. In der Stadt beleuchtet ein Museum diesen Teil der Geschichte und zeigt auf, wie sich die Menschen damals hier ansiedelten und aus welchen Gründen sie die weite und gefährliche Seereise auf sich nahmen, getrieben von der sehnsüchtigen Hoffnung auf ein besseres Leben... Auch tauschte ich meine letzten 100 Euro und durfte so unmittelbar den "Sturz" unserer Währung mitansehen. Hätte ich dafür im Januar noch knapp 1100.- Rand erhalten, gab es nun gerade mal noch 902.- Rand dafür. So schnell geht das manchmal, verrückt irgendwie! Und bevor ich nun meinen Bericht abschicke, habe ich noch das große Vergnügen Constanze in Bermaringen und meiner Tante Elfriede in Sonderbuch zum gestrigen Geburtstag gratulieren zu dürfen: Alles Gute, viel Gesundheit und Glück von ganzem Herzen wünsche ich Euch!
Gestern hat mich Geerd aus George angerufen und mir erzählt, dass in einem der hiesigen Sportkanäle im TV ein Bericht über die Tour d’Afrique im Allgemeinen und über unsere Ankunft in Kapstadt im Speziellen gesendet wurde und dass dabei auch ein Interview mit mir kam, das am Atlantikstrand geführt wurde! Hey, das müsst ihr euch mal geben... Ein Interview mit mir in meinem zungenbrecherischen Englischkauderwelsch im südafrikanischen Fernsehen... Meine legendäre, unvergessliche und erste Englischlehrerin Frau Greif würde vor Stolz in die Luft hüpfen, wenn sie das sehen würde und sagen: "Das habe ich doch immer schon gewusst, dass der Bub das mit dem Englischen auch noch mal hinkriegen wird. Na, und wegen der Grammatik wollen wir mal ein Äuglein zudrücken, da hat er sich schon immer schwer mit getan!" Ich hoffe ja, ich kriege das auch mal irgendwie zu sehen!
In Port Alfred hat mich eine Journalistin von der dortigen Lokalpresse morgens beim zweiten Frühstück im Supermarkt angetroffen und befragt. Sie war sehr angetan von meiner Reise, möchte einen Artikel für die Zeitung verfassen und hat mich auch zu sich nach Hause eingeladen, aber ich muss doch zuschauen, dass ich es rechtzeitig nach Durban schaffe und da kann ich nicht schon morgens um 10:00 Uhr Quartier beziehen und die Radlerei einstellen. Deswegen lehnte ich dankend ab.
Das Etappenziel hieß Kidds Beach und wartete in 110 km Entfernung. Es sollten ziemlich anstrengende Kilometer werden, denn es ging pausenlos und heftigst bergauf und bergab. Tiefe Flusstäler galt es zu überqueren, die Anstiege gingen mir doch ganz nett in die Beine und so zwischendurch hab ich doch glatt die Lust etwas verloren. Ich war auch ziemlich ausgepowert und müde und auch der überraschend starke Verkehr auf der engen Straße setzte mir zu. Ich brauchte um die Mittagszeit eine lange lange Pause und fand ein nettes Restaurant mit einem Souvenir- und Möbelladen dabei am Rande einer Schwarzensiedlung in der Ciskei, so heißt die Gegend hier. Ich ließ es mir dort echt gut gehen und bekam einen sensationellen Spinat-Feta-Pilz-Pie mit Salat, einen vorzüglichen Käseblaubeerkuchen zum Milchkaffee und obendrein noch drei Schokocookies geschenkt. Dann fühlte ich mich danach wieder jung, frisch und energiegeladen, um die verbleibenden 55 km vollends zu schaffen.
Doch es war schon auch klar, dass es zeitlich knapp werden wird bei all den Steigungen und im Anbetracht dessen, dass es eben um 17:30 Uhr schon so dämmerig ist, dass man besser nicht mehr auf der Straße mit dem Fahrrad unterwegs sein sollte. Bei einem der Anstiege dann riefen mir aus einer Anhöhe einige Jugendliche zu und wollten, dass ich anhielt, ich winkte und grüßte zurück, stoppte aber nicht und wurde dann von ihnen mit Steinen und dicken Erdklumpen beworfen. Hey, das war echt kein Spaß, denn die Teile hatten es in sich und es waren vor allem verdammt viele, die mir da um die Ohren flogen. Das stellte alles in den Schatten, was ich in Äthiopien erlebte oder von der anderen berichtet bekam. Ich versuchte mit lautem Schimpfen und Schreien dem Beschuss ein Ende zu machen doch erreichte dadurch eher das Gegenteil und an Flucht in Form von Wegradeln war wegen des Anstieges nicht zu denken. Zum ersten Mal bereute ich es, dass ich seit Kapstadt keinen Helm mehr auf dem Kopf trage, denn zumindest in solchen Situationen wäre der nun sehr schützend und hilfreich. Ein Dreckklumpen traf meine Lenkertasche und einer meine Tasche am Gepäckträger, den anderen konnte ich ausweichen und sie schlugen neben mir auf der Straße auf. Andere Autos und die zunehmende Entfernung von den Jugendlichen zu mir bereiteten dem Spuk dann zum Glück bald ein Ende. Aber dieser Angriff – und als solchen empfand ich ihn – setzte mir doch zu, versetzte mich in Angst und Schrecken währenddessen und machte mich nachdenklich. Nun wurde mir bewusst, auf was ich mich da womöglich einlasse in den nächsten Tagen und dass die Warnungen vor der Transkei doch nicht so ganz aus der Luft gegriffen waren. Andererseits wollte ich es nun auch nicht überbewerten, denn bislang hatte ich ausschließlich nur allerbeste Begegnungen und Erfahrungen gemacht, auch in den Schwarzensiedlungen. Ich werde also meine Sinne und Augen wach halten und darauf vertrauen, dass – sollte so etwas nochmals passieren – es auch Menschen geben wird, die mir helfen werden. Dessen bin ich mir, nach allem was ich bislang erleben durfte, hier auch sicher. Doch etwas aufgewühlt erreichte ich dann im schönsten Abendrot gerade noch rechtzeitig Kidds Beach und hatte nach dem Erlebten irgendwie das Bedürfnis nach einer guten und sicheren Bleibe. Diese fand ich auch schnell in einem schönen Bed&Breakfast-Zimmer bei Malcom und Terri, wo es obendrein auch noch Tee und Kekse und ein Bierchen zu meinem Käsebaguette gab.
Nach einer heißen Dusche fühlte ich mich dann rundum wieder wohl und die Vorstellung, morgen nur 30 km bis East London radeln zu müssen, wo ich bei Barry und seiner Familie übernachten darf, behagte mir sehr und ermöglicht mir einen halben Tag am Strand. Barry ist im Übrigen der Sohn von Daphne und Peter, das sind die beiden, bei denen ich in Port Elisabeth zuhause sein durfte.
So machte ich mich also heute früh nach dem Frühstück (Spiegeleier mit Bohnen und Pilzen, davor Müsli mit Joghurt und Obstsalat und Toast) auf und spazierte bei leichtem Nieselregen am einsamen Strand entlang und schaute was das Meer über Nacht so alles an Land gespült hat. Mächtige Wellen und die aufgewühlte See faszinierten mich dabei ebenso wie all die Muscheln und Schnecken, die es am Sandstrand zu finden gab und die ich leider oder zum Glück alle nicht mitnehmen kann... Und als ich mich später dann von meinen Gastgebern verabschiedete, wollten sie kein Geld von mir, sondern gaben mir noch ein Vesperpaket mit auf den Weg und wünschten mir viel Glück auf meinem weiteren Weg. Sie zeigten sich einfach erfreut, dass ich bei ihnen eine gute Rast gefunden hatte. Zudem bekam ich von Terri noch eine Adresse der UNICEF Zentrale in Pretoria und eine Kontaktperson, die sie dort gut kennt, da sie auch die Arbeit von UNICEF unterstützt. Echt unglaublich phänomenal wie sich manchmal eins zum anderen fügt. Ach, wie hat mir dies nun alles gut getan, gerade auch nach dem bösen Erlebnis am gestrigen Nachmittag. Frohen Mutes und voll Freude über all die gute Fügung strampelte ich so vollends die 30 km nach East London. Danke Terri und Malcom für eure geniale Unterstützung!
Um East London herum ließen sich vor nun mehr gut 150 Jahren viele Aussiedler aus Deutschland nieder und so findet man hier Orte mit den vertraut klingenden Namen Braunschweig, Hamburg, Potsdam oder Berlin. In der Stadt beleuchtet ein Museum diesen Teil der Geschichte und zeigt auf, wie sich die Menschen damals hier ansiedelten und aus welchen Gründen sie die weite und gefährliche Seereise auf sich nahmen, getrieben von der sehnsüchtigen Hoffnung auf ein besseres Leben... Auch tauschte ich meine letzten 100 Euro und durfte so unmittelbar den "Sturz" unserer Währung mitansehen. Hätte ich dafür im Januar noch knapp 1100.- Rand erhalten, gab es nun gerade mal noch 902.- Rand dafür. So schnell geht das manchmal, verrückt irgendwie! Und bevor ich nun meinen Bericht abschicke, habe ich noch das große Vergnügen Constanze in Bermaringen und meiner Tante Elfriede in Sonderbuch zum gestrigen Geburtstag gratulieren zu dürfen: Alles Gute, viel Gesundheit und Glück von ganzem Herzen wünsche ich Euch!
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Autor: Hartmut Bögel | 10.06.2010
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