Holzfassade mit Feuer abgehärtet

Manchmal muss man einen Schritt zurück gehen, um vorwärts zu kommen. Das gilt auch fürs Bauen. Mit Handwerksmethoden aus Japan haben zwei Ehinger Architekten alte Techniken aufleben lassen.

IGOR STEINLE |

Darüber, was gelungene Architektur ausmacht, hat Steffen Glöckler keinen Zweifel. "Architektur muss brennen, sie muss weh tun", sagt er. Natürlich will niemand, dass die eigenen vier Wände ihm Schmerzen bereiten. Geht man in Ehingen allerdings von der Fischersteige aus in die Hechtstraße hinein, versteht man, was Glöckler meint. Das Holzhaus, das der 53-jährige Architekt dort Mitte 2015 nach einem Jahr Bauzeit mit seiner Frau bezogen hat, fällt auf. In einer Straße, in der ein Einfamilienhaus dem anderen gleicht, überrascht der dunkle Holzkubus der Glöcklers wie eine japanische Nagoya-Harfe beim Grand-Prix der Volksmusik. Das war auch so geplant. "Wenn man an einem Gebäude vorbeiläuft und man nimmt nichts wahr, muss man sich fragen, ob das falsch ist", sagt Glöckler. Es könne ruhig auch mal eine andere Sprache in einem alten Baugebiet stehen. Vor allem im Bregenzerwald habe man das begriffen, findet er. Dort sieht man allerorts futuristische Bauhaus-Würfel neben traditionellen Almhütten, ohne dass das jemanden stört.

Das Haus wirkt modern, wurde aber zum Teil nach althergebrachten Handwerksmethoden gebaut. "Wir haben neue Ideen über alte Technik aufleben lassen", sagt Glöckler. Zum Beispiel durch die Holzständerbauweise. Die tragenden Wände, das Dach, die Decke - das ganze Haus ist eine Holzkonstruktion. Gebaut hat es die Firma Reinhold Müllers. "Wir denken in Kuben, in geometrischen Formen", sagt der Zimmerermeister aus Blaustein. Die Form des Hauses komme der Holzbauweise entgegen.

Der 44-Jährige hat bereits viele Holzhäuser errichtet. Eine Fassade wie in der Hechtstraße zuvor jedoch nur ein Mal. Um das Holz haltbar zu machen, hat er es nach einer jahrhundertealten japanischen Methode mit Feuer angekohlt. "Damit das wirtschaftlicher geht, haben wir eine Maschine dafür entwickelt", sagt Müller. Denn jede einzelne Holzlamelle muss bearbeitet werden. Das Holz bekommt ein einheitliches Farbbild und braucht keine zusätzliche Behandlung. "Weinbauern kennen diese Technik", sagt Glöckler. Unten angekokelt, werden auch Weinstöcke haltbar.

Das Haus in der Hechtstraße ist nun so etwas wie ein Ausstellungsstück. Bauherren, die Glöcklers Büro mit dem Entwurf ihres Hauses beauftragen, können ihn besuchen und die unkonventionellen Ideen besichtigen. Denn "alles was wir hier ausprobieren, ist ein Wagnis". Die Holzfassade hätte man zum Beispiel zwei Millimeter tiefer verkohlen müssen, weiß er nun. "Jetzt bekommt alles seine Patina." Was aber nicht so schlimm ist: Im Sommer schimmert das Holz nun in Orange, im Winter wird es dunkler. Vom Tannenholzboden, den er im Haus verlegt hat, haben ihm die Handwerker komplett abgeraten. Der sei zu weich und würde schnell kaputt gehen. Glöckler blieb stur: "In Alpen-Gaststuben liegt der 100 Jahre lang rum." Bislang ist er zufrieden.

Glöckler ist selbstständig. Mit seiner Frau Bettina Frei, einer Landschaftsarchitektin, betreibt er in Ehingen ein Architekturbüro. Die beiden arbeiten seit 20 Jahren zusammen. Seit 25 Jahren sind sie ein Paar.

Wärme holt sich die Familie übrigens über geothermische Tiefenkollektoren aus dem Gartenboden. Im Sommer wird der Effekt umgedreht: Über die Polyethylenrohre gelangt die Hitze aus dem Haus zurück ins Erdreich und wird somit gekühlt. Aufgrund der Kollektoren, die auf 22 Meter verteilt in 30 Zentimeter breiten Löchern rund fünf Meter tief in den Gartenboden reichen, beschränken sich die Energiekosten der Glöcklers auf 70 Euro im Monat - inklusive Strom. "Wir wollen weiter runter", sagt der Architekt und plant eine Photovoltaik-Anlage.

Vor dem Haus gibt es kaum versiegelte Flächen, stattdessen wurden Kieselsteine gestreut. Das Wasser versickert in der Erde. Wie man so denn Schnee schippen könne, werden sie oft gefragt. "Gar nicht", antwortet Bettina Frei dann. "Wir warten einfach, bis er taut."

Die 50-jährige Landschaftsarchitektin ist für den Außenbereich des Hauses verantwortlich. Momentan tüftelt sie an einem Selbstversorgergarten. Den Obstgarten hat sie bewusst erhalten: "Wir haben keinen Baum gefällt außer einem kranken, aus Respekt vor der Natur." Äpfel, Birnen, Zwetschgen und vor allem Mirabellen wachsen in ihrem Garten. Bewundern kann man diesen aus den riesigen Fenstern der Wohngalerie. Der komplette Innenraum wirkt geräumig - obwohl der Wohn- und Essbereich im Erdgeschoss keine 70 Quadratmeter misst.

Jetzt sei das Gebäude ziemlich genau auf seine Familie abgestimmt, erzählt Glöckler. Das Ehepaar hat zwei Söhne im Alter von zehn und zwölf Jahren. Ihre Zimmer liegen im zweiten Stock. "Das Haus passt zu uns", sagt Glöckler.

Innen wurde alles schlicht gehalten. Klare, glatte Linien bestimmen die Räume. Sie schaffen eine aufgeräumte Atmosphäre. Es scheint nichts Überflüssiges zu geben. "Das sind wir", sagt Frei. Die Reduktion entspreche ihrem Charakter. "Wir fragen uns oft: Was brauchen wir eigentlich?", beschreibt Glöckler seine Familie. "Wenn wir nicht genau das finden, warten wir lieber ab."

Vom Schlafzimmer aus, das im dritten Stock über den Kinderzimmern liegt, ist eine Terrasse zugänglich. Die Aussicht ist abgeschirmt durch Holzwände. Man kann nur nach oben sehen. "Ich habe einmal in einem Vulkan übernachtet", berichtet Glöckler. Nur der Raum nach oben sei dort offen gewesen. Nichts hat ihn abgelenkt, die Sinne waren befreit vom Überfluss. "Das wollte ich wieder haben."

Ungewöhnlich wohnen

Serie Einfamilienhaus, Reihenhaus, Wohnung. Das ist normal. Wir haben uns in der Region umgeschaut, wo Menschen auf besondere Art und Weise wohnen: in ungewöhnlichen Gebäuden, in ungewöhnlicher Umgebung, in ungewöhnlichem Ambiente. Was wir dabei entdeckt haben, stellen wir in einer Serie vor.

 

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