Höhle mit wunderbarer Geschichte

Sonnenbühl.  Eine der schönsten, längsten und meistbesuchten Tropfsteinhöhlen der Schwäbischen Alb findet sich im Landkreis Reutlingen: Die Nebelhöhle mit dem Versteck Herzog Ulrichs wird in der Literatur besungen.

"Die Nebelhöhle hat eine wunderbare Geschichte", sagt Inge Eissler. Und zahlreiche Geschichten, die sich um sie ranken. Diese erzählt die 71-Jährige gern. Seit sie vor neun Jahren in Rente ging, tut die Undingerin abwechselnd mit acht anderen Höhlenführern einmal die Woche an und in der Tropfsteinhöhle Dienst. Das hält sie nicht davon ab, auch privat ab und zu die 141 Stufen in die 40 bis 50 Meter unter der Erde gelegene Höhle hinabzusteigen.

Inge Eissler gefällt es in diesem Wunderreich aus Tropfsteinen und Sintervorhängen. Ruhig ist es da. Friedlich. Das mag sie.

Wenn sie ihre Führungen macht - besonders gern für Kinder -, ist es mit der Ruhe in den meterlangen unterirdischen Gängen und Hallen allerdings erstmal vorbei. Da wird geschildert, ausgeschmückt, gestaunt und gelacht. Die Taschenlampe wandert unermüdlich von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten. "Schaut, wie das glänzt, wenn ein Licht drauffällt", sagt Inge Eissler. Besonders der ganz junge Tropfstein mit dem "weißen Käpple".

Unter den hiesigen Gegebenheiten - acht Grad Celsius und 95 Prozent Luftfeuchtigkeit - wächst solch ein Stalagtit (von oben herab) oder Stalagmit (von unten hoch) in 60 bis 80 Jahren um die Größe eines Stücks Würfelzucker. Wenn die beiden Kalkgebilde lange genug aufeinander zuwachsen, entsteht ein Stalagmat, erklärt sie. Oder einfacher gesagt, eine durchgehende Säule.

Doch von vorn. 1486 wurde eine Höhle unter dem schon seit langem bekannten "Nebelloch", aus dem vor allem im Winter immer die warme Luft als Dampf aus der Erde stieg, erstmals schriftlich erwähnt; 1517 wurde die "Alte Nebelhöhle" entdeckt, durch einen Jäger, dem ein angeschossenes Reh ins Nebelloch getaumelt und damit verschwunden war, und der seine Beute partout nicht aufgeben wollte. 1715 erschien die erste ausführliche Beschreibung der unterirdischen Tropfsteinwelt und 1920 wurde die zunächst separat erschlossene "Neue Nebelhöhle" entdeckt. Diesmal waren die Entdecker zwei Stuttgarter Förster, Willi Kopp und Karl Rau, die mit einer Taschenlampe einer Fledermaus hinterher in einen Spalt leuchteten und dahinter herrlich weiß schimmernde Tropfsteine vorfanden.

Den Stollen, der noch heute hinab führt ins unterirdische Reich, hat eine Genkinger Familie gegraben. Von Hand. "Schotter raus, Zement rein", sagt Inge Eissler. Als der Eingang zu Pfingsten 1921 fertig war, wurde erstmal gefeiert. Mit Most. So lange, bis einer, der August Bahnmüller, in der Höhle eingeschlafen ist und erst am nächsten Morgen vermisst und in seinem kalten Gefängnis aufgefunden wurde. Deshalb heißen die ersten sechs Meter unter Kennern jetzt "Augustgang".

Zunächst herrschte alles andere als Eintracht. Eine Vermessung hatte ergeben, dass die "Neue Nebelhöhle" zur Ortschaft Genkingen gehört. Die "Alte Nebelhöhle" lag aber auf der Gemarkung von Oberhausen. Die Gemeinden konnten sich nicht über die Aufteilung der Eintrittseinnahmen einigen. So gab es zehn Jahre lang zwei Höhlen zu besichtigen, die "Alte" und die "Neue Nebelhöhle". Zugänglich durch separate Eingänge und getrennt durch einen von Menschenhand errichteten Wall.

1931 dann brachte der damalige Vorsitzende des Schwäbischen Albvereins die Bürgermeister beider Kommunen auf dem nahen, neutralen Traifelberg zusammen - und erreichte so im wörtlichen wie übertragenen Sinn den Durchbruch: Seither sind beide Höhlenteile am Stück zu sehen, betrieben wird die Schauhöhle heute von der Nebelhöhlenvereinigung Sonnenbühl-Lichtenstein GbR.

480 Meter der insgesamt 830 Meter langen Nebelhöhle sind auf ausgebauten Wegen bequem im Schein warmer Lampen und nur teilweise von einem niedrigen Zaun geschützt zu begehen. Durch den 1921 vollendeten Stollen betreten die Besucher die Höhle jetzt "eigentlich verkehrtherum", erklärt Inge Eissler. Nämlich von dort, wo sich früher der Ausgang aus der "Neuen Nebelhöhle" befand. Über den Eingang neben einem Kiosk und dem lauschig gelegenen Gasthaus "Maultaschenwirt" verlassen die Besucher die Höhle auch wieder. "Fotos könnt ihr auf dem Rückweg machen, sage ich immer", berichtet Inge Eissler. "Denn während der Führung sollt ihr zuhören."

Schließlich handelt es sich bei der Nebelhöhle um eine der größten, schönsten und am längsten erschlossenen Schauhöhlen der Schwäbischen Alb. Durch die Eingangs- und die 380 Meter lange Säulenhalle führt Inge Eissler die Besucher am "Marterpfahl", einer deckenhohen Tropfsteinsäule, vorbei am "Sintervorhang" und in Kalk gewachsenen "Wasserfällen" zur sagenumwobenen Ulrichshöhle und über die "Kapelle" in den "Dom".

Unterwegs zeigt die Undingerin auf eine Muschel in der niedrigen Höhlendecke. "In der ersten Biegung der Höhle war einst der Ursprung der Unteren Lauter", erklärt sie. Die ganze Höhle war vor Millionen Jahren mit Wasser gefüllt. Das zeigt auch ein versteinerter Fisch am Ende der Nebelhöhle. "Man rechnet, dass die Tropfsteine fünf bis zehn Millionen nach Versiegen des Flusses angefangen haben zu wachsen."

Wer sich solche Zeitspannen nicht vorstellen kann, dessen Phantasie stellt Inge Eissler auf die Probe: Bei der "Schatzsuche" mit Kindern fragt sie, "Wer sieht den Mann, der sich von Januar bis November hier versteckt?" Die Pfiffigen unter ihren Zuhörern entdecken da gleich in einem Tropfstein den Nikolaus mit seinem langen Bart. In einem anderen eine Hochzeitstorte, dort einen Springbrunnen und sogar das Schloss Lichtenstein.

"Hier ist ein Märchenreich von Tropfsteinen", schwärmt die Höhlenführerin. Dazu säumen die Gänge zahllose Sinterröhrchen - sie nennt sie "Makkaronis" -, die oben und unten, rechts und links und manchmal mitten aus dem Weg herauswachsen. Dass der durchs Wasser aus dem Karstgestein des weißen Jura ausgewaschene Kalk an manchen Stellen jungfräulich hell ist, zeigt, dass die Tropfsteine zum Teil noch wachsen.

An der Stelle, wo ein Seitengang zur Ulrichshöhle führt, die durch Wilhelm Hauffs Roman "Lichtenstein" berühmt wurde, flattern dem Besucher Fledermäuse um den Kopf. Links weg geht es nochmal 72 schlüpfrige, steile Stufen hoch in einen engen Nebengang, den eine Art Blumenkohl-Tuff ziert. 1519 habe sich Herzog Ulrich dort drei Wochen lang versteckt, erzählt Inge Eissler. Er wurde vom Schwäbischen Bund verfolgt. "Hauffs Darstellung zufolge ging er jeden Tag zum Schloss Lichtenstein, wo er sich aufwärmte und von der Tochter des Schlossherrn, Marie, etwas zu essen bekam." Das hübsche Schloss über Honau wurde übrigens erst nach Hauffs Romandarstellung so erbaut, wie es sich heute zeigt.

Nicht zuletzt verweist Inge Eissler die Nebelhöhlenbesucher auch auf Freveltaten, die Menschen manchmal begehen. Der "größte Stalagmat", ein 1,30 Meter Durchmesser starker und viereinhalb Meter hoher Tropfstein, wurde 1962 abgesägt und in drei Zentimeter dicke Scheiben zerschnitten. Daraus entstand die Wandvertäfelung beim Wiederaufbau des Neuen Schlosses in Stuttgart, berichtet sie. Das ist aus Sicht der Höhlenfreunde keine so wunderbare Geschichte. Doch statt sich darüber zu ärgern, sieht die Rentnerin das Positive:"Auf diese Weise sieht man mal, wie solch ein Stein von innen aussieht."


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Autor: CLAUDIA REICHERTER | 09.07.2011

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