Gastronomie für alle Sinne
Erbach. Erbach ist nicht Berlin, und das Varieté der Sinne nicht "Pomp, Duck and Circumstance". Die Kombination aus gutem Essen und kurzweiliger Unterhaltung lässt sich einmal im Monat aber auch in Erbach erleben.
Wem der Magen in den Kniekehlen hängt, der wird erstmal leiden. Denn die Ankündigung ist ernst gemeint: "kulinarischer Abend mit Magie, Comedy, Gesang und Drei-Gänge-Menü". Auch, was die Reihenfolge betrifft. So beginnt das Varieté der Sinne im Erbacher Schloss pünktlich um 19 Uhr, aber vor der Vorspeise stehen ein Zaubertrick, zwei Sketsche, mehrere Gesangs-Nummern und eine Jonglier-Darbietung. 45 Minuten, während derer manch Blick verstohlen über die Menü-Karte huscht. Der 2006er Côte du Roussillon ist zwar ganz wunderbar, macht aber nicht satt. Also, um diesen erlebnisgastronomischen Abend im stilvoll gestalteten Gewölbe des Schlosskellers richtig genießen zu können, vorher besser schnell noch ein Vesperbrot schmieren und verdrücken.
Die seit Januar einmal im Monat freitagabends angebotene kulinarisch-kleinkünstlerische Veranstaltung im Kellergewölbe am Schlossberg ist zwar nicht ausgebucht, aber gut besucht. Die vorwiegend elegant gekleideten Gäste mittleren und höheren Alters sind an acht festlich geschmückten Zehner-Tischen rund um zwei Bühnen gruppiert. Junge Frauen und Männer des achtköpfigen Service-Teams geleiten jeden Gast zum reservierten Platz.
Gespräche mit den Tischnachbarn ergeben sich im Lauf des Abends von selbst. Unter anderem, da die beiden Komödianten aus dem Biberacher Raum mit ihrem Dialekt teilweise schwer zu verstehen sind. "Was hat er gesagt?", "Wie war das?" tönt es über den Tisch hinweg - schon ist das Eis zwischen sich vorher unbekannten Paaren und Freundeskreisen gebrochen.
"Wenn zwei Schwaben Comedy machen, kommt bestimmt etwas Schräges, Skurriles, Verklemmtes, aber sicherlich auch was Luschdigs raus", schicken Jörg Weggenmann und Werner Zell alias "Die Hauptkerle" ihrer ersten humoristischen Einlage voraus. Stimmt: Vom Missverständnis-gespickten Slapstick zwischen behäbigem Eigentümer und hippeligem türkischstämmigen Angestellten an der Tankstelle über Szenen einer Ehe in Zeiten von Barbara Salesch bis hin zur fein beobachteten Schilderung eines Zahnarztbesuchs - lustig sind die Sketsche und gespielten Witze des Duos allemal. Und mit minimalistischer Ausrüstung, aber ausladender Mimik überzeugend rübergebracht. Der Sinn für Humor wird bei diesem Varieté also gut bedient - vorausgesetzt, der Besucher ist des Schwäbischen mächtig.
Der ausgebildete Musical-Sänger Torsten von Borstel, der zwischen Elvis-Medley, Les Misérables und deutschem Schlager den richtigen Ton sucht, bereitet dem Gehörsinn ein zweifelhaftes Vergnügen.
Scharfsinn schließlich ist bei Thomas Liebeskind gefordert: Einem Conférencier gleich führt der Informatiker durchs - mit Essensunterbrechungen - mehr als vierstündige Programm und gibt dazwischen Seil-, Ring- und Bechertricks zum Besten. Nicht perfekt, aber mit charmanter Selbstironie dargeboten.
Ein Zufall hat den 41-Jährigen vor einigen Jahren zum nebenberuflichen Zauberer, Magier und Jongleur werden lassen. Mit seinen drei Kompagnons zauberte er 2006 im oberschwäbischen Steinhausen erstmals das Varieté der Sinne aus dem Hut. Das Programm funktioniert nicht durch tadellose Stars, sondern durch Vielfalt und sympathische Akteure. Aber Erbach ist eben auch nicht Berlin, und das Varieté der Sinne nicht "Pomp, Duck and Circumstance".
Zum Schluss zu dem, was Gästen, die hungrig zum Varieté der Sinne kommen, am wichtigsten ist: das Essen. In aller Kürze: Zuckerschoten-Schaumsuppe mit Ziegenkäseravioli, in Rotwein geschmortes "Bürgermeisterstück" mit Apfel-Selleriepüree und Vanillekarotten sowie ein göttliches Dessert unter dem Titel "Dreierlei von der Schokolade" lassen in punkto Geschmackssinn keinerlei Wünsche offen.
Das Ganze kostet ohne Getränke 49 Euro. Ab Herbst soll es Brigitte Settele von Schloss Erbach Gastro zufolge mit neuem Menü und inklusive Getränken - bis auf Hochprozentiges - 69 Euro kosten. Die nächsten Termine: 9. April, 7. Mai, 2. Juli. Neben regelmäßigen Krimi-Dinners ist am Schlossberg 1 am ersten Sonntag im Monat Brunch.
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Autor: CLAUDIA REICHERTER | 11.03.2010
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