Ganz nah an der Venus

Blaubeuren.  Im Mai 2009 prangte ihr Bild auf den Titelseiten der internationalen Presse. Jetzt ist ein Buch erschienen über die Venus vom Hohle Fels. Es enthält Detail-Fotos der ältesten figürlichen Menschendarstellung.

Prof. Nicholas Conard, der Verantwortliche der Grabungen im Schelklinger Hohle Fels, Reiner Blumentritt von der Museumsgesellschaft Schelklingen und Kustodin Dr. Stefanie Kölbl haben gestern im Urgeschichtlichen Museum Blaubeuren das Buch "Die Venus vom Hohle Fels" vorgestellt. Darin berichtet Conard, wie die rund 40 000 Jahre alte Figurine im September 2008 entdeckt wurde. Er beschreibt den Fundgegenstand und wagt Deutungsansätze. Die Archäologin Sibylle Wolf schreibt unter dem Titel "Vorherrschaft der Frau" über eiszeitliche Venusstatuetten aus ganz Europa.

Insbesondere wegen seines Alters nimmt der Schelklinger Fund unter den Frauenfiguren eine Sonderstellung ein, ist er doch rund 10 000 Jahre älter als die bisher bekannten. Mit der Venus vom Hohle Fels lässt sich der Beginn der Tradition der Herstellung von Frauenfiguren fassen.

Das Grabungsteam der Uni Tübingen war in der untersten Schicht des Aurignacien (28 000 bis 40 000 Jahre) auf Fragmente bearbeiteten Elfenbeins gestoßen, aus denen später die Venus zusammengesetzt wurde. "Es war eine Sensation, dort überhaupt etwas zu finden", sagte gestern Nicholas Conard. Mit der Venus sei es ihm gegangen wie allen Fachleuten: "Es war eine riesige Überraschung".

Der Wissenschaftler hat seit der Präsentation des Fundes viele Vorträge im In- und Ausland gehalten und neben seiner eigenen Deutung viele andere Ansätze gehört. So meldeten sich beim Professor einige Hebammen, die in der Figur mit ihren betonten Geschlechtsmerkmalen eine Frau nach der Entbindung erkennen. Auch Nicholas Conard sieht die knapp sechs Zentimeter große Elfenbeinfigur eher "im Kontext der Fortpflanzung" und "aus der weiblichen Sphäre kommend", denn als Objekt der Pornografie. Es sei kein Individium, denn es fehle der Kopf.

Das gestern vorgestellte Büchlein, das in der Reihe der Blaubeurer Museumshefte erschienen ist und zum Preis von fünf Euro verkauft wird, enthält 39 farbige Abbildungen. Fotografen rückten der kleinen Figur dicht auf die Haut, so dass auch feine Linien zu sehen sind. "Alles ist ganz bewusst gemacht worden", ist sich Conard sicher, denn es sei nicht einfach, mit Steinwerkzeugen Elfenbein zu schnitzen.

In diesem Sommer ist Conards Team wieder mit Grabungen im Hohle Fels beschäftigt, die Kampagne begann am Montag. Das Interesse am Fundort ist auch bei Laien ungebrochen. "Leute, die bei der Landesausstellung in Stuttgart die Venus gesehen haben, wollen jetzt die Höhle besuchen", weiß Reiner Blumentritt. Am Wochenende übernachtete eine Bläsergruppe aus Westfalen, die am Landesposaunentag in Ulm teilnahm, in Schelklingen. Die Musikanten nutzten die Chance, die weltberühmte Höhle zu besuchen und spielten dort mit 23 Blasinstrumenten. "Das war ein Klang", schwärmt Reiner Blumentritt.

Klangvoll wirds im Hohle Fels, der wenige Wochen nach der Venus eine 35 000 Jahre alte Flöte aus dem Knochen eines Geiers freigab, auch am Samstag, 26. Juni, ab 19 Uhr: Christoph Haas und Banda Maracatú geben in der großen Felshalle ein Höhlenkonzert. Sie spielen auf archaischen Instrumenten. Zu Rahmentrommeln, Musikbögen und Rasseln erklingt mehrstimmiger Gesang.


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Autor: JOACHIM STRIEBEL | 23.06.2010

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