Freitags ist World Cup Tag

Bermaringen.  Auf seinem Rad hat Hartmut Bögel aus Blaustein bisher rund 12.000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt zurückgelegt. Pünktlich zum ersten WM-Spiel der deutschen Nationalelf möchte er in Durban sein. In loser Folge berichtet Hartmut Bögel über seine Erlebnisse von unterwegs.

5. Juni Butterworth

In East London gab es dann erst mal eine Überraschung. Barry, in Sorge um meine sichere Ankunft bei ihm, arrangierte für mich ein Begleitauto der Verkehrspolizei und so ging es mit Blaulicht 15 km durch die Stadt ans andere Ende nach Beacon Beach, wo Barry, seine Frau Candice und Sohn Eaten wohnen. Das Skurrilste aber war, dass der Polizei nach halber Strecke aufgefallen ist, dass ich keinen Helm aufhatte, und so musste ich anhalten und warten, bis ein anderes Polizeiauto – auch mit Blaulicht – kam und mir einen Helm brachte. Der passte zwar hinten, aber vorne nicht. Aber Ordnung muss nun mal sein: Alle waren zufrieden und es konnte weitergehen.

Barry wiederum kaufte in der Zeit für mich einen neuen Fahrradhelm und schenkte ihn mir später. Der passt auch ganz gut und in Anbetracht der gestrigen Wurfattacke ist es vielleicht ja auch ganz sinnvoll, ein paar Tage mit Helm zu radeln. Auch organisierte Barry einen Reporter der hiesigen Zeitung "Daily Dispatch". Er kam, machte einige Fotos und war an meiner Reise interessiert und vor allem am World Cup und meinem Eindruck, wie sich Südafrika seinen Gäste so präsentiert. Auf seiner Visitenkarte, die er mir mit auf den Weg gab, war zu lesen, dass er als "Crime Reporter" unterwegs und zuständig ist. Bis jetzt ist mir der Zusammenhang zu mir noch nicht ganz klar... aber es war auf jeden Fall ein nettes Treffen und ich hoffe, es gibt auch einen schönen Bericht darüber.

Mehr als nur schön war dann der Abend, den ich mit Barry und seiner Familie verbrachte und wo ich mal wieder sehr sehr gastfreundschaftlich und herzlich verwöhnt wurde. Danke Barry, Candice und Eaten! Überall, wo ich hinkomme, begegnet mir ein Fahnenmeer. Die Flaggen aller Fußballnationen, die an der Weltmeisterschaft teilnehmen, sind wirklich allgegenwärtig: entlang der Straße, in den Geschäften, den Tankstellen, den Fast Food-Restaurants, in den Banken, den Souvenirläden, den Supermärkten... und natürlich sind viele Autos mit einer Südafrikafahne ausgestattet. Wie froh bin ich, dass ich doch da mit meiner kleinen Deutschland- und UNICEF-Fahne am Fahrrad wenigstens einigermaßen mithalten kann.

Immer Freitags ist hier übrigens seit einigen Wochen spezieller World Cup Tag und alle sind aufgefordert an diesem Tag das Trikot der Fußballnationalelf zu tragen. Das Team wird ja liebevoll nur Bafana Bafana (unsere Jungs) genannt und so sieht man freitags wirklich viele Menschen in den wunderschön leuchtenden gelben Trikots. Auch bei der Arbeit wird es stolz und ehrenvoll getragen; anstatt Anzug und Krawatte freitags Jeans und Fußballtrikot. Die Kassiererin trägt es wie der Arzt, die Bedienung oder der Friseur, die Sekretärin oder der Tankwart. Es verbindet so viele viele Menschen und schürt die Vorfreude, die mit jedem Tag mehr wächst...

Ich rufe von meinem Fahrrad auch immer "nur noch 6 Tage..." den Menschen zu, die wissen wollen, woher und wohin und warum! Und dass ich mit dem Fahrrad zu den Spielen komme, finden sie wirklich respektabel und es freut sie sichtlich, wenn ich es erzähle. Meine heutige Etappe von East London nach Butterworth führte mich nun also durch die Transkei; ein Gebiet, in dem fast ausschließlich Schwarze wohnen und das recht bergig und eher unzugänglich ist und sicherlich auch aus diesem Grund noch zu Apartheidszeiten als sogenannte "homelands" der schwarzen Bevölkerung überlassen wurde. Ganz in der Nähe ist übrigens der Geburtsort von Nelson Mandela und die Heimat vieler bekannter Widerstandsaktivisten.

Meine Beine sind schwer geworden in den letzten Tagen und ich verspüre regelrecht einen leichten Muskelkater. Das hatte ich nun echt schon lange nicht mehr. Es ist Spiegelbild der vielen vielen Steigungen und meines schweren Fahrrades, allein am "Kei cuttings Pass" ging es heute inmitten schönster Landschaft 10 km bergab und berghoch und dann wieder und wieder und wieder... Was würde ich doch gerne mal einfach 5 km auf ebener Strecke radeln wollen... Aber davon werde ich auch die nächsten Tage nur träumen dürfen, denn es bleibt einfach wellig, hügelig und zur Abwechslung dann mal bergig...

Die Nacht verbringe ich in einem B&B-Zimmer hier im Ort Butterworth, der alles bietet, was man hier in größeren Ortschaften so an Geschäften, Banken und Tankstellen antrifft, der aber vor allem in seinem Kern furchtbar vermüllt (viele Scherben) und schmuddelig ist und der so schon einen etwas runtergekommenen und verlebten Eindruck vermittelt. Wobei es schon auch gepflegtere Ecken hier gibt. Heute hatte ja Südafrika sein letztes Vorbereitungsspiel und vielleicht lag es daran oder einfach weil Wochenende ist, dass ich auch einigen schwer angetrunkenen Menschen begegnet bin hier in der Stadt. Da schaue ich immer, dass ich Land gewinne und lasse mich auf keine Gespräche groß ein.

Jedenfalls fühle ich mich in meinem Zimmer hier sehr wohl und sicher. Und ich hatte zugleich noch das große Glück hier Gary zu treffen. Gary kommt aus Durban und ist ständig auf Montage unterwegs. Sobald ich Durban höre, werde ich sogleich hellwach und frage, wie und wo ich doch da am besten unterkomme und zum Stadion komme. Und ob ihr es nun glaubt oder nicht, hat Gary gemeint, ich könnte auch einfach bei ihm für zwei Tage vorbeischauen und im Gästezimmer wohnen und dann könnte er mir das alles zeigen... Hey, ist das nicht gigantisch und einfach nur unglaublich und nahezu umwerfend phänomenal! Also auf nach Durban!


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Autor: Hartmut Bögel | 10.06.2010

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