Firmendaten aus der Region in der Cloud

Es geht um Mitarbeiterdaten, um Aufträge, um die Buchhaltung: Unternehmen stehen vor der Frage, ob sie die Datenverarbeitung im Haus belassen – oder der Cloud anvertrauen. Stimmen aus der Region.

REGINA FRANK |

Warum eigene, teure Server und IT-Experten vorhalten, wo es die Cloud gibt? Sagen die einen. Bin ich dann noch Herr meiner Daten? Fragen sich andere. Über die Cloud in Ulm und Umgebung und Cloud-Verweigerer.

Skeptiker Geheimhaltung ist für das Unternehmen Teufel Prototypen ein Mega-Thema – nicht erst seit der NSA-Skandal die Öffentlichkeit alarmierte. Die Nersinger Firma stellt Prototypen für große Konzerne her. Daimler, Harman Becker und Playmobil lassen bei dem Mittelständler Muster ihrer Neuentwicklungen bauen. Bis zur Markteinführung des Produkts darf nichts nach außen dringen. Die Kunden von Teufel Prototypen lassen sich das in Geheimhaltungsverträgen zusichern. „Wir müssen das gewährleisten“, sagt der IT-Spezialist und Prokurist des Prototypenbauers, Dennis Böhm. Um sicher zu gehen, werden keine Daten an Cloud-Dienstleister gegeben. Die komplette IT befindet sich im Haus. Auf eigenen Servern.

Das Problem mit der Cloud ist für Böhm vereinfacht gesagt dieses: „Ich gebe die Daten in die Obhut eines anderen, kann aber nicht kontrollieren, ob der damit ordentlich umgeht. Und wenn ich das Vertragsverhältnis nach zwei Jahren auflöse, weiß ich nicht, ob er die Daten wirklich löscht.“ Verträge, in denen ein Unternehmen seine Sicherheitsanliegen gegenüber dem Cloud-Dienstleister regelt, sind aus Sicht des IT-Spezialisten nicht viel wert. „Wenn doch Daten in Umlauf kämen, müsste Teufel gegenüber seinen Kunden beweisen, dass wir nicht dafür verantwortlich sind.“ Mit digitalen Daten verhalte es sich aber so, dass Kopien beliebig möglich seien, ohne dass das Original sich verändert. Werden Daten aus der Cloud entwendet, sei dieser Vorgang nicht rekonstruierbar – somit der Verantwortliche nicht greifbar.

Die Geheimhaltungspflicht ist nur einer von mehreren Gründen, sich gegen den landläufigen Trend zu stellen und nicht mit Clouds zu arbeiten. Die Unabhängigkeit zu erhalten und die IT-Kompetenz sind weitere. Teufel Prototypen hat früher mit IT-Dienstleistern zusammengearbeitet und die Erfahrung gemacht, ihnen ausgeliefert zu sein. „Wenn deren Mitarbeiter immer wieder wechseln, hat man ständig neue Ansprechpartner und andere Meinungen. Da ist keine klare Linie drin.“ Geschweige denn eine Strategie für die Weiterentwicklung der eigenen IT. Das Nersinger Unternehmen bringt seine Haltung auf die Kurzformel „No cloud !!“ und sieht sie als Wettbewerbsvorteil. Teufel Prototypen wirbt auf seiner Homepage mit dem Slogan.

Anbieter Die Cloud wird beherrscht von großen US-Anbietern. Auf dem Markt spielen aber auch Unternehmen in der Region Ulm/Neu-Ulm mit. Die Cloud wohnt genauso in Rechenzentren und Servern von Wilken, Fritz & Macziol oder, nicht ganz so bekannt, die S.I.G (System Informations Gesellschaft). Das IT-Unternehmen hat zwei kleine Rechenzentren in Neu-Ulm und eines in Erfurt. Fast die Hälfte der Speicherkapazität wird von Cloud-Kunden genutzt. Es handelt sich um Daten von großen börsennotierten Unternehmen und klassischen Mittelständlern, darunter Teva mit seiner Tochter Ratiopharm (Ulm) und Alfred Ritter (Ritter Sport, Waldenbuch), aber auch Daten von kleinen Handwerksbetrieben. Basis für das Cloud-Computing ist in der Regel eine langjährige Geschäftsbeziehung, berichtet Inhaber Guido Fetzer. Die S.I.G. habe für viele der Firmen zuvor als herkömmlicher IT-Dienstleister gearbeitet und sich ihr Vertrauen erworben, bevor sie dann auch Cloud-Lösungen nachfragten. Fetzer meint, „die deutsche Bastion wird sich der Entwicklung nicht verschließen“, auch wenn noch Skepsis herrscht und Unwissenheit darüber, was die Cloud eigentlich ist. Verständlich einerseits, weil Cloud ein synthetischer Name ist. Andererseits, so Fetzers Argumentation, sei die ganze Welt vernetzt – das wiederum werde als selbstverständlich angesehen. Ungeachtet dessen erklärt sein Unternehmen auf der Homepage die Cloud und zwar mit Hilfe einer kleinen Wolke namens „Claude“. Zur Frage, wie sicher die Cloud ist, heißt es im Antwortkatalog: „Die Sicherheit muss auf jeden Fall vertraglich geregelt sein. Möglich sind eine verschlüsselte Übertragung, sowie eine mehrfache Authentifizierung.“ Fragt man Fetzer nach möglichen Sicherheitslöchern, so lautet die Antwort: „Wenn Daten verloren gehen, dann werden sie in den meisten Fällen von eigenen Firmenmitarbeitern abgefischt.“

Nutzer Der international agierende Pistenbully-Hersteller Kässbohrer Geländefahrzeuge (Laupheim) macht sich die Cloud zu nutze – beispielsweise für die Steuerberechnung seiner Tochtergesellschaft in den USA, die extrem komplex ist, weil dort zig verschiedene Steuersätze gelten. Um den jeweils richtigen zu ermitteln, wenn ein Produkt von A nach B verkauft wird, klinkt sich Kässbohrer in der Cloud in eine spezielle Anwendung ein. Das ist kostengünstiger als eine eigene Lizenz zu erwerben, sagt IT-Leiter Matthias Rausch, und er muss sich auch nicht um Updates kümmern. Er hat allerdings keine Ahnung, wo die Anwendungen physisch liegen. „In irgendeinem Rechenzentrum.“ Aber das beunruhigt ihn nicht: Die Daten, die er nach außen gibt, besagen lediglich, „von wo nach wo welches Produkt geschickt wird“.

Ganz anders ist die Haltung des IT-Spezialisten, wenn es um personenbezogene Daten geht. In diesem Fall spielt die Rechtssicherheit eine große Rolle – die Daten bleiben deshalb im Haus. Das Unternehmen beschäftigt neben Rausch sieben weitere Mitarbeiter in der IT, sie betreuen ein für das Unternehmen optimiertes internes System. Dabei spielen auch die Kosten eine Rolle, die nach Rauschs Erfahrung beim Cloud-Computing nicht generell niedriger sind. „Die Wahrheit ist: Wenn wir alles vergeben würden, wäre die IT mindestens um die Hälfte teurer.“ Bei Kässbohrer gilt der Grundsatz: In jedem Einzelfall ist zu prüfen, was hinsichtlich Kosten, Sicherheit und Verfügbarkeit Sinn ergibt. Selber machen oder nicht.

Berater Es kommt drauf an. So lässt sich die Haltung der Beratungsfirma Soft-Consult in Langenau zusammenfassen. Mitunter seien Firmendaten in professionellen Händen besser aufgehoben, als in der Firma selbst, sagt der Inhaber der Beratungsfirma, Gerhard Häge. Früher sei es für ein Unternehmen vergleichsweise einfach gewesen, seine Daten vor unerlaubten Zugriffen zu schützen. „Der Hausmeister hat die Tür abgeschlossen.“ Heute, in einer vernetzten IT-Welt, sind die Türen schwer auszumachen, über die Hacker eindringen oder eigene Mitarbeiter an sensible Daten herankommen können. „Die Komplexität nimmt zu. Das kann eine Firma nicht mehr so ohne Weiteres alleine.“

Werden Daten ausgelagert, so ist laut Häge das Wichtigste, sein Gegenüber zu kennen. Der Einstieg ins Cloud-Geschäft ist, „wie wenn ich einen Steuerberater auswähle“. In beiden Fällen gehe es um ein vertrauensvolles Verhältnis mit einem Partner, von dem man weiß, wie er reagiert, ob er verlässlich ist. Naturgemäß lässt sich das leichter beurteilen, wenn er sich in der Nähe befindet. „Alles, was im eigenen Dunstkreis ist, ist von vornherein seriöser.“ Grundsätzlich rät Häge: „Es muss der deutsche Rechtsraum gelten – sonst ist man einem anderen hoffnungslos ausgeliefert.“

Attraktiv - aber nicht in jedem Fall transparent

Definition Der Kunstbegriff Cloud-Computing (zu deutsch: Rechnen in der Wolke) steht für die Nutzung von Speicherkapazitäten in einem entfernten Rechenzentrum übers Internet und/oder für die Nutzung von Programmen, die nicht auf einem eigenen Rechner installiert sind, sondern in der so genannten Wolke.

Vorteile Für das Cloud-Computing wird unter anderem das Kosten-Argument ins Feld geführt: Der Anwender muss nicht in eigene Systeme investieren, er bezahlt in der Regel eine monatliche Benutzergebühr für den Bezug der Dienste. Diese Form der Informationstechnik reagiert schnell auf Veränderungen; neue Anwendungen werden schon bald bereitgestellt.

Nachteile Die Orte, an denen ausgelagerte Daten gespeichert werden, sind nicht immer transparent. Es gibt viele offene Fragen in puncto Sicherheit/Datenschutz. Infolgedessen herrscht eine große Verunsicherung – insbesondere im Mittelstand.

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