Dreimal Liebe auf den ersten Blick
Balzheim. Wenn einem dreimal im Leben die Liebe auf den ersten Blick beschert wird, ist das eine Geschichte wert. Fiktion? Hermann Jehle sorgte beim Kulturprogramm in Balzheim jedenfalls für Lesevergnügen.
Da kommt sie. Hoch gewachsen, kurzes, rötliches Haar, herrliche Zähne, feine Lippen. Doch das ist nicht das eigentlich Fesselnde an ihr. Das liebreizende Gesicht der Wirtstochter ist es vielmehr, das ihn alles andere vergessen macht. Wem widerfährt es schon, mit 80 Jahren noch einmal, eigentlich schon zum dritten Mal, die Liebe auf den ersten Blick zu erleben. "Schönheit machte ihn hilflos", bekennt der Verfasser Hermann Jehle seinem Publikum beim Balzheimer Kleinen Kulturprogramm. Nicht umsonst heißt sein Abend "Erste Liebe und anEdere Erinnerungen".
Was wird passieren? Hat so eine Neigung überhaupt eine Chance? Dabei will der ältere Herr gar keine Zärtlichkeiten, im Gegenteil, denkt er doch an eine "ganz kleine seelische Beziehung" zu der jungen Britta. Mit ihren 25 Jahren scheint sie dies zu spüren und behandelt ihren Verehrer mit "korrekter Freundlichkeit" - die sie wie eine Art Schutzschild gegen den einsamen Witwer einsetzt. Dieser wiederum ist ein Getriebener, der sich nach etwas sehnt, das fehlt. Für ihn ist überall nirgendwo.
Hermann Jehle, aufgewachsen in Dietenheim als Sohn eines Zahnarztes, ist ein akribisch genauer Betrachter und weiß das in eine adäquate Sprache umzusetzen. Geprägt von leiser Melancholie versteht er es, seine Zuhörer in immer stärkerem Maße zu fesseln. Die Psychologie seines Helden entwickelt sich zu einer Art Kammerspiel - ohne Kitsch, ohne Ironie, ohne Selbstmitleid.
Gleichzeitig vermittelt der Schriftsteller Einblicke in das "Liebesleben" einer Generation, das für junge und jüngere Menschen so nicht mehr nachvollziehbar und doch wiederum so anziehend ist. Eine nostalgisch-schöne Lehrstunde in Sachen Gefühle ist die Lesung auf jeden Fall.
Dass es zu keiner, nicht einmal zur winzigsten Annäherung zwischen dem Helden und der Dorfschönen kommt, möchte fast ein wenig schmerzen. Zwar erkennt er, wie auch die Liebe auf den ersten Blick bröckeln kann, doch dass die Dame ihn am Ende "absolut zornig" anschreit, ihm gar Hausverbot erteilt und mit der Polizei droht, hätte weder er noch das Publikum erwartet.
Und jetzt? Rechnet er knallhart mit ihr ab? Überhaupt nicht. Keine Gegenwehr seinerseits. Hochachtung! Ein wahrhaft liebevoller Geist. Weniger dramatisch hingegen zeigen sich in der Rückschau des Helden Begegnungen mit zwei anderen Frauen. Lang zurückliegend, doch ebenfalls die berühmte Liebe auf den ersten Blick. Mit 25 Jahren lernt er die Zahnmedizinstudentin Ina kennen. Die kapriziöse junge Dame schaut auch aufs Materielle, wie schnell deutlich wird. Dafür lässt sie sich durchaus herzen und kosen. Die Beziehung bleibt unerfüllt, ebenso wie zu der "Faschingserinnerung" Inge, die einen Verlobten hat.
Was nicht thematisiert wird, ist die Liebe zur Ehefrau, die nach 45 glücklichen Ehejahren verstarb. Offenbar keine Liebe auf den ersten Blick, dafür aber umso nachhaltiger und echt.
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Autor: MANUELA RAPP | 12.03.2010
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Stiftungsvorseher Edgar Huber (links) freute sich über seinen Gast Hermann Jehle, der in Balzheim über "Erste Liebe und andere Erinnerungen" las. Foto: Rapp
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