"Der höchste Sprung in meinem Leben"

Einst war sie die Hochsprung-Hoffnung der Region: die Jüdin Gretel Bergmann. Doch in der Nazi-Zeit musste sie fliehen. Von der Versöhnung mit ihrer Heimat Laupheim berichtet sie jetzt in ihrer Autobiografie.

SUSANNE HARTWEIN |

Nach den Erfahrungen der 1930er Jahre wollte Gretel Bergmann nie wieder deutschen Boden betreten. Heute sagt sie: "Ich liebe Laupheim." Die jüdische Hochsprung-Legende hat jetzt die zweite Auflage ihrer Autobiografie veröffentlicht mit dem Titel "Ich war die große jüdische Hoffnung".

Damit schließt sie den Kreis zu ihrer glücklichen Kindheit in Laupheim. Früh zeigte sich dort ihr sportliches Talent, dem die Nazi-Diktatur 1933 mit dem Ausschluss aus dem Ulmer Sportverein ein jähes Ende bereitete. Der Vater schickte sie nach England. Doch die Nazis holten sie schon ein Jahr später zurück nach Deutschland, um sie als "Alibi-Jüdin" für die Olympischen Spiele 1936 in Berlin aufzubauen. Doch Tage später wurde Bergmann mitgeteilt, dass sie wegen schlechter Leistungen von den Spielen ausgeschlossen worden war. Dabei hatte sie drei Wochen zuvor den deutschen Rekord im Hochsprung aufgestellt. Gretel Bergmann emigrierte ein Jahr später nach New York und heißt seit ihrer Heirat Margaret Lambert. Die Versöhnung mit einem Land und einer Region, in der ihr Unglaubliches angetan worden war, lag lange außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

Es ist vor allem der Hartnäckigkeit von Burkhard Volkholz zu verdanken, dass Gretel Bergmann-Lambert 1999 und 2003 Deutschland und ihre Heimatstadt Laupheim besuchte. Volkholz war selbst Heimatvertriebener und pflegte beinahe 20 Jahre lang Briefkontakt zu ihr. Er wollte erreichen, dass ihre Leistungen anerkannt wurden. Ihr Leben hat Gretel Bergmann-Lambert in dieser Zeit für ihre Familie aufgeschrieben. Das Haus der Geschichte Baden-Württemberg erfuhr von dem Manuskript, war "begeistert von ihrem Sprachrhythmus und ihrem Humor", und veröffentlichte die Autobiographie. Das Buch war bald vergriffen - nun ist es in zweiter Auflage erschienen.

Diese ist erweitert um Fotos und Texten von der Autorin, aber auch von Zeitgenossen wie Walther Tröger, der als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees die sportlichen Verdienste von Gretel Bergmann wieder in das öffentliche Bewusstsein gebracht hat. Zu ihrem 100. Geburtstag vergangenes Jahr entstand zudem ein langes Interview, das ebenfalls in Auszügen in der Neuauflage enthalten ist.

Den Besuch in ihrer Heimatstadt Laupheim hat Gretel Bergmann-Lambert als "den höchsten Sprung in meinem Leben" bezeichnet. Sie beschreibt ihn auch als Heilungsprozess, durch den sie ihren Frieden mit der Vergangenheit geschlossen hat. Die Versöhnung mit ihrem Schicksal als Jüdin in Nazi-Deutschland wirkt weiter: Die Schüler des Carl-Laemmle-Gymnasiums Laupheim engagieren sich gegen Rassismus - unterstützt von Gretel Bergmann-Lambert als Patin, die mit 101 Jahren in New York lebt.

Erinnerungen

Gretel Bergmann: "Ich war die große jüdische Hoffnung". Erinnerungen einer außergewöhnlichen Sportlerin. Verlag Regionalkultur; Herausgeber: Haus der Geschichte Baden-Württemberg, 2. erweiterte Auflage. 245 Seiten, 19,90 Euro.

 

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