Der goldene Ski aus Erbach

Erbach.  Auf Erbacher Ski zur Goldmedaille bei Olympischen Spielen. Das gelang Heidi Biebl 1960 in Squaw Valley. Nicht nur das: Als "Stift" machte sie bei den Heinrich-Hammer-Werken damals eine Ausbildung.

"Die Fräsmaschinen schrien. Späne wurden aufgewirbelt. Es roch nach Holz und Wärme. In der großen Halle verstand man kein Wort." So erinnert sich Heidi Biebl in ihrem 1961 erschienenen Buch "Goldene Skispuren" an ihre Zeit als Erbacher "Stift". In Oberstaufen geboren, macht sie von 1958 bis 1960 eine kaufmännische Ausbildung in der Erbacher Skifabrik. Die damals 19-Jährige wird bei den Olympischen Spielen in Squaw Valley/USA mit dem Sieg in der Abfahrt den Heinrich-Hammer-Werken die einzigen "goldenen" Skier bescheren (siehe auch Infokasten). Auch sie selbst hat mit den Sportgeräten aus der Donaugemeinde ihre "erfolgreichste Zeit", wie sie vor einigen Tagen im Gespräch einräumt.

Nach Erbach kommt sie über die Wangener Brüder Lothar und Rainer Weiß. Lothar ist in dieser Zeit ihr Konditionstrainer, Rainer Weiß bei Hammer für den Einkauf von Holz zuständig. Die Lehre ist eine Art Sponsoring für die aufstrebende Rennläuferin. Heute sagt sie dazu: "Das ist doch ganz einfach: entweder hattest du von Haus aus Geld oder du gehst in eine Skifabrik." Als Kriegerwitwe habe ihre Mutter die Rennleidenschaft nicht finanzieren können. Die Fabrik stellt Heidi Biebl im Winter frei für Trainingskurse und Rennen im In- und Ausland. "Ich weiß nicht, ob ich sportlich so weit gekommen wäre, wenn ich in den entscheidenden Jahren nicht die freizügigen Möglichkeiten gehabt hätte, die mir von meiner Lehrfirma eingeräumt wurden", bedankt sie sich in ihrem Buch.

Die Freizügigkeit hat ihre Grenzen. So muss sie die verlorene Zeit nacharbeiten. Das Training im Sommer findet nach Feierabend statt. So geht es zum Beispiel mit dem Fahrrad ins Ulmer Stadion, wo Sprints über die Aschenbahn stattfinden und Leichtathletik für Kraft sorgt. "Mein Trainer verlangte mir einiges ab. Am Tag danach musste ich in der Firma die Treppen rückwärts runter gehen, solchen Muskelkater hatte ich", sagt Heidi Biebl.

Weiß setzt schon damals auf Vielfalt. So gehören Schwimmen, Tennis auf dem firmeneigenen Platz und Radfahren zum Programm. An das Rennrad erinnert man sich bei der Familie Keller in der Laupheimer Straße noch gut, wo Heidi Biebl ein Zimmer hatte. "Das war damals für ein Mädchen schon etwas Ungewöhnliches", erzählt ihre damalige Vermieterin. Ansonsten ist der später so berühmte Gast als "aufgewecktes, sehr ehrgeiziges Mädchen" in Erinnerung.

In Erbach lernt die mehrfache Jugendmeisterin den Trainer der Damen-Nationalmannschaft Fritz Huber kennen. Er wird ihr wichtigster Trainer auf dem Weg in den Kader für Squaw Valley. So talentiert die junge Oberstauferin auch ist, der Sieg in der Abfahrt ist eine Riesenüberraschung. Einkaufsleiter Rainer Weiß erinnert sich an die am 19. Februar 1960 gegen Abend über das Radio verkündete Meldung.

Die Firmenleitung habe sofort alle Führungskräfte zusammengerufen, um zu beraten, wie die Goldmedaille für den restlichen Winter vermarktet werden könne. "Auch die Firma wollte ihr Stück an dem Kuchen sichern", sagt Weiß. Mit dem ersten Angebot an die Siegerin - eine Armbanduhr mit Gravur - ist diese nicht ganz einverstanden. "Das hatte ich schon. Ich wollte den Führerschein machen. Das war für mich als junges Mädchen viel wichtiger." Er wird genehmigt.

Noch im selben Jahr verlässt Heidi Biebl Erbach, in Richtung Wangen - wegen der Nähe zu Oberstaufen und den von ihr vermissten Bergen. Ihren Triumph kann sie in Innsbruck vier Jahre später nicht wiederholen. Zweimal - in der Abfahrt und im Slalom - belegt sie den "undankbarsten aller Plätze", den vierten. Bald danach tritt sie vom Rennsport zurück.


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Autor: FRANZ GLOGGER | 20.03.2010

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