Datenbank mit Gedächtnislücken
Memmingen. Viele Zahlen, wenig Klarheit. Auf diesen Nenner lässt sich die Auswertung eines mit Spannung erwarteten Gutachtens bringen, das Experten gestern im Memminger Gammelfleisch-Prozess vorgestellt haben.
Im Illertisser Kühlhaus Kollmer hat es Unregelmäßigkeiten im Geschäftsablauf gegeben. Reichlich sogar. Das haben Computer-Experten des Landesamts für Lebensmittelsicherheit vor dem Landgericht Memmingen gestern bestätigt. Dort muss sich, wie berichtet, seit gut vier Monaten der frühere Geschäftsführer des Kühlhausbetriebs verantworten. Die Staatsanwaltschaft Memmingen wirft dem 45-Jährigen schwere Verstöße gegen das Lebensmittelhygiene-Gesetz und Betrug in 15 Fällen vor. Der Unternehmer soll mehrere hundert Tonnen Fleisch der Kategorie III an Lebensmittelbetriebe verkauft haben. Ware also, die nur noch zu Hunde- oder Katzenfutter hätte verarbeitet werden dürfen. Der Angeklagte weist, wie berichtet, sämtliche Vorwürfe zurück.
1000 Seiten stark ist das Gutachten, das die Fachleute aus Erlangen gestern vor der Großen Strafkammer erläuterten. Das umfangreiche Werk wimmelt nur so von Zahlen. Das Gutachten, so die Hoffnung des Gerichts, soll einen entscheidenden Beitrag zur Wahrheitsfindung leisten. Ob die Hoffnung berechtigt ist, darf seit gestern bezweifelt werden.
Die Gutachter berichteten zwar von vielen Auffälligkeiten im elektronisch verwalteten Geschäftsablauf bei Kollmer, von Mehrfachbuchungen, technischen Fehlern, fehlenden oder möglicherweise gelöschten Datensätzen. Ob in dem Illertisser Kühlhausbetrieb Daten tatsächlich manipuliert worden sind, um genussuntaugliches Fleisch an der Kontrolle vorbei in den Lebensmittelkreislauf zu schleusen, ist jedoch weiter unklar. Wochenlang hatten sich die Experten vom Landesamt mit den Warenströmen bei Kollmer befasst. Bewerten wollten die Gutachter ihre Analyse gestern nicht. "Das ist Sache des Gerichts", sagte einer der beiden Fachleute.
Die Verteidigung zog die Aussagekraft des Gutachtens grundsätzlich in Zweifel. "Die Daten in dem Gutachten sind nicht verlässlich", sagte Horst Koller. Der Fachanwalt für Lebensmittelrecht kritisierte vor allem die Methode der Computer-Experten. Diese hätten "ungeeignete mathematische Formeln" zu Berechnung der Warenströme bei Kollmer benutzt. Die Argumentation der Gutachter sei für die Verteidigung deshalb schwierig nachzuvollziehen. Zu Prozess-Beginn hatte die Verteidigung bereits die Ermittler des Zolls scharf kritisiert. Die Fahnder hätten, so der Vorwurf, bewusst etliche Hinweise ignoriert. "Weil sonst die Anklage nicht aufrecht zu erhalten gewesen wäre", wie es hieß. Kurzum: Anklage und Gericht seien mit falschen Zahlen gespeist und damit in die falsche Richtung geführt worden.
Der angeklagte frühere Kühlhaus-Chef wiederum hatte vor Wochen eingeräumt, dass in seinem Unternehmen mit einer veralteten elektronischen Datenerfassung gearbeitet wurde. Mit dieser EDV habe man damals Warenströme "leider nur unzureichend" zurückverfolgen können. Es sei nicht immer klar gewesen, was ein- und ausgebucht wurde. Daten jedoch seien niemals manipuliert worden. Illegale Praktiken habe es bei Kollmer nicht gegeben.
Nach zehn Verhandlungstagen hat die Große Strafkammer unter Vorsitz von Brigitte Grenzstein gestern die Beweisaufnahme abgeschlossen. Mehr als 50 Zeugen wurden seit Prozessbeginn im vergangenen November gehört. Nun werden am kommenden Freitag, 12. März, von 8.30 Uhr an die Plädoyers von Staatsanwaltschaft und Verteidigung folgen.
Nach Angaben des Gerichts wird am kommenden Freitag auch ein Urteil erwartet.
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Autor: CARSTEN MUTH | 06.03.2010
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