Bögels WM-Tour: Übernachten in der Kirche
Bermaringen. Auf seinem Rad hat Hartmut Bögel aus Blaustein bisher rund 12.000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt zurückgelegt. Pünktlich zum ersten WM-Spiel der deutschen Nationalelf möchte er in Durban sein. In loser Folge berichtet Hartmut Bögel über seine Erlebnisse von unterwegs.
8. Juni Flagstaff
Zwei landschaftlich traumhafte Tage liegen hinter mir und unglaublich viele Steigungen und Abfahrten ebenso. Auf den 12.000 km durch Afrika habe ich meinen ersten Gang der Rohloffschaltung vielleicht zweimal kurz im Einsatz gehabt, in den zurückliegenden Tagen nun gleich ein paar Mal täglich. Immer wieder wuchtete, schwitzte und japste ich mich steile Stiche hoch und mein Fahrrad ächzte bisweilen regelrecht. Selbst im Wiegeschritt hatte ich zu kämpfen und ich beschloss, jedes Mal Ballast abzuwerfen, wenn ich oben bin, aber dann kommt ja immer eine flotte Abfahrt und alles ist vergessen... bis zum nächsten steilen Stich.
Seit langem mal wieder hat sich auch mein linkes Knie zu Wort gemeldet und signalisiert, dass es nun aber doch bald mal genug sein müsste... Ok, heute Abend bekommt es zur Belohnung eine Einreibung mit einer Thermosalbe, die ich seit Kairo nun mit mir herumtrage, noch nie benutzt und zum Glück noch nicht entsorgt habe. Doch die weiten Ausblicke in Täler und Schluchten, über sanfte Hügel und massive Felsen, über dürres Farmland und zerstreute Siedlungen, auf kleine Flüsse und imposante dichte Urwälder lohnen all die Schufterei auf dem Fahrrad allemal. Ach, Zeit müsste man haben oder Urlaub, um all die Natur, Kultur, Kunst und Strände wirklich auszukosten und zu entdecken... Die Transkei bietet viel, vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick, dann aber umso imposanter und beeindruckender, und verdient es, einige Zeit zu verweilen.
Gestern machte ich Station in Port St. Jones bei einem Backpacker und traf da auf die Freundin des Inhabers. Sie kommt aus Berlin. Außerdem traf ich eine Frau, die mit ihren drei Mädchen in Afrika unterwegs ist. Das fand ich nun ja schon spannend, die Kinder sind zwischen 8 und 16 Jahre alt und nach einigen Jahren in Ägypten sind sie nun in Südafrika unterwegs. Die Mädels kommen in Form vom sogenannten "home school-Projekt" ihren Schulaufgaben nach. Schon interessant, wem ich alles so begegne.
In Port St. Johns wird zur Zeit gerade die Lebensgeschichte von Winnie Mandela verfilmt und darauf ist der Ort schon recht stolz. Ich wollte ja unbedingt im Meer schwimmen und dies erwies sich als gar nicht so ganz einfach, weil ich dazu auf die andere Flussseite musste. Es war wohl ganz gut, dass ich dieses Unterfangen nicht gleich bei meiner Ankunft schwimmenderweise in die Tat umgesetzt habe, sondern erst später mit Hilfe einer Bootsfähre. Denn in dem Fluss, der am Ortsende ins Meer mündet, jagen wohl regelmäßig Haie. Hätte nun niemals gedacht, dass die vom Meer in den Fluss rüberkommen... Also immer erst fragen, dann baden – dann macht man nichts verkehrt, jawoll!
Heute ist bestimmt mein Rekordtag, was die Höhenmeter anbelangt, aber da ich keinen Höhenmesser habe, ist das nun eine reine Vermutung und spiegelt meine körperliche Müdigkeit wider. Während ich diese Zeilen in mein kleines Notebook tippe, ist es exakt 18:34 Uhr und draußen stockdunkel. Ich bin in dem Städtchen Flagstaff, sitze in der schlichten methodistischen Kirche mit meiner Kopflampe und habe mich wohnlich ausgebreitet. Mein Fahrrad ist auch mit im Kirchenschiff.
Auf der Suche nach einer Unterkunft habe ich das Kirchengelände gesehen und Kinder, die im Garten Fußball spielten. Bei diesem Anblick fühlte ich mich so an meine Jungscharzeiten rund um den Wippinger Pfarrgarten erinnert, dass ich beschloss, dort zu fragen, ob ich im Garten zelten darf. Der Pastor war aber nicht zu Hause, die Kinder mittlerweile beim Singen in der Kirche und so setzte ich mich einfach in die hinterste Sitzreihe, lauschte dem Gesang und fühlte mich willkommen und gut aufgeboben. Ich war mir ganz sicher, hier nicht abgewiesen zu werden mit meinem Wunsch. Und als dann später der Pastor kam und zugleich auch kühle Regenwolken, fragte er mich, ob ich nicht lieber in der Kirche nächtigen möchte, da gibt es Strom und es sei trocken. Und ob ich das wollte!
Ach, was für ein guter und segensreicher Platz und was für ein lebensnaher herzlicher Pastor. Und einsam bin ich auch nicht in der Kirche, zumindest eine Kirchenmaus habe ich schon entdeckt und ihr auch etwas von meinem Brot voller Dankbarkeit hingelegt. Mal sehen, wann sie wieder zum Vorschein kommt, um es sich zu holen. Und die Holzbänke und das Holzgebälk knarren von Zeit zu Zeit – auch so, dass man denken könnte, man ist gar nicht wirklich alleine an diesem besonderen Ort.
Wenn du nicht weißt wohin, dann geh zum Pfarrer oder in eine Kirche... Das ist schon seit meiner Jugend für den Fall der Fälle die Lösung und hat mir auf meinen Reisen schon öfter auch zu einem sicheren Schlafplatz verholfen... Danke! Ach, was werde ich heute Nacht seligst schlafen und morgen gestärkt weiter nach Port Edward an die Küste radeln... Noch 3 Tage bis zum Eröffnungsspiel... und meiner Kollegin Rita – sorry, ein bisschen mit Verspätung – noch alles alles Gute zum Geburtstag!
Zwei landschaftlich traumhafte Tage liegen hinter mir und unglaublich viele Steigungen und Abfahrten ebenso. Auf den 12.000 km durch Afrika habe ich meinen ersten Gang der Rohloffschaltung vielleicht zweimal kurz im Einsatz gehabt, in den zurückliegenden Tagen nun gleich ein paar Mal täglich. Immer wieder wuchtete, schwitzte und japste ich mich steile Stiche hoch und mein Fahrrad ächzte bisweilen regelrecht. Selbst im Wiegeschritt hatte ich zu kämpfen und ich beschloss, jedes Mal Ballast abzuwerfen, wenn ich oben bin, aber dann kommt ja immer eine flotte Abfahrt und alles ist vergessen... bis zum nächsten steilen Stich.
Seit langem mal wieder hat sich auch mein linkes Knie zu Wort gemeldet und signalisiert, dass es nun aber doch bald mal genug sein müsste... Ok, heute Abend bekommt es zur Belohnung eine Einreibung mit einer Thermosalbe, die ich seit Kairo nun mit mir herumtrage, noch nie benutzt und zum Glück noch nicht entsorgt habe. Doch die weiten Ausblicke in Täler und Schluchten, über sanfte Hügel und massive Felsen, über dürres Farmland und zerstreute Siedlungen, auf kleine Flüsse und imposante dichte Urwälder lohnen all die Schufterei auf dem Fahrrad allemal. Ach, Zeit müsste man haben oder Urlaub, um all die Natur, Kultur, Kunst und Strände wirklich auszukosten und zu entdecken... Die Transkei bietet viel, vielleicht nicht gleich auf den ersten Blick, dann aber umso imposanter und beeindruckender, und verdient es, einige Zeit zu verweilen.
Gestern machte ich Station in Port St. Jones bei einem Backpacker und traf da auf die Freundin des Inhabers. Sie kommt aus Berlin. Außerdem traf ich eine Frau, die mit ihren drei Mädchen in Afrika unterwegs ist. Das fand ich nun ja schon spannend, die Kinder sind zwischen 8 und 16 Jahre alt und nach einigen Jahren in Ägypten sind sie nun in Südafrika unterwegs. Die Mädels kommen in Form vom sogenannten "home school-Projekt" ihren Schulaufgaben nach. Schon interessant, wem ich alles so begegne.
In Port St. Johns wird zur Zeit gerade die Lebensgeschichte von Winnie Mandela verfilmt und darauf ist der Ort schon recht stolz. Ich wollte ja unbedingt im Meer schwimmen und dies erwies sich als gar nicht so ganz einfach, weil ich dazu auf die andere Flussseite musste. Es war wohl ganz gut, dass ich dieses Unterfangen nicht gleich bei meiner Ankunft schwimmenderweise in die Tat umgesetzt habe, sondern erst später mit Hilfe einer Bootsfähre. Denn in dem Fluss, der am Ortsende ins Meer mündet, jagen wohl regelmäßig Haie. Hätte nun niemals gedacht, dass die vom Meer in den Fluss rüberkommen... Also immer erst fragen, dann baden – dann macht man nichts verkehrt, jawoll!
Heute ist bestimmt mein Rekordtag, was die Höhenmeter anbelangt, aber da ich keinen Höhenmesser habe, ist das nun eine reine Vermutung und spiegelt meine körperliche Müdigkeit wider. Während ich diese Zeilen in mein kleines Notebook tippe, ist es exakt 18:34 Uhr und draußen stockdunkel. Ich bin in dem Städtchen Flagstaff, sitze in der schlichten methodistischen Kirche mit meiner Kopflampe und habe mich wohnlich ausgebreitet. Mein Fahrrad ist auch mit im Kirchenschiff.
Auf der Suche nach einer Unterkunft habe ich das Kirchengelände gesehen und Kinder, die im Garten Fußball spielten. Bei diesem Anblick fühlte ich mich so an meine Jungscharzeiten rund um den Wippinger Pfarrgarten erinnert, dass ich beschloss, dort zu fragen, ob ich im Garten zelten darf. Der Pastor war aber nicht zu Hause, die Kinder mittlerweile beim Singen in der Kirche und so setzte ich mich einfach in die hinterste Sitzreihe, lauschte dem Gesang und fühlte mich willkommen und gut aufgeboben. Ich war mir ganz sicher, hier nicht abgewiesen zu werden mit meinem Wunsch. Und als dann später der Pastor kam und zugleich auch kühle Regenwolken, fragte er mich, ob ich nicht lieber in der Kirche nächtigen möchte, da gibt es Strom und es sei trocken. Und ob ich das wollte!
Ach, was für ein guter und segensreicher Platz und was für ein lebensnaher herzlicher Pastor. Und einsam bin ich auch nicht in der Kirche, zumindest eine Kirchenmaus habe ich schon entdeckt und ihr auch etwas von meinem Brot voller Dankbarkeit hingelegt. Mal sehen, wann sie wieder zum Vorschein kommt, um es sich zu holen. Und die Holzbänke und das Holzgebälk knarren von Zeit zu Zeit – auch so, dass man denken könnte, man ist gar nicht wirklich alleine an diesem besonderen Ort.
Wenn du nicht weißt wohin, dann geh zum Pfarrer oder in eine Kirche... Das ist schon seit meiner Jugend für den Fall der Fälle die Lösung und hat mir auf meinen Reisen schon öfter auch zu einem sicheren Schlafplatz verholfen... Danke! Ach, was werde ich heute Nacht seligst schlafen und morgen gestärkt weiter nach Port Edward an die Küste radeln... Noch 3 Tage bis zum Eröffnungsspiel... und meiner Kollegin Rita – sorry, ein bisschen mit Verspätung – noch alles alles Gute zum Geburtstag!
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Autor: Hartmut Bögel | 10.06.2010
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