Bögel im Township: Neuen Blickwinkel auf das Leben in Südafrika erhalten

Bermaringen.  Auf seinem Rad hat Hartmut Bögel aus Blaustein bisher rund 12.000 Kilometer von Kairo nach Kapstadt zurückgelegt. Pünktlich zum ersten WM-Spiel der deutschen Nationalelf möchte er in Durban sein. In loser Folge berichtet Hartmut Bögel über seine Erlebnisse von unterwegs.

1.Juni Port Elisabeth

Im Backpacker in Jeffreys Bay konnte ich mir wieder ein deutsches Buch gegen mein ausgelesenes tauschen. Das ist echt eine prima Sache und bei fast allen Backpacker-Herbergen findet sich dazu Gelegenheit. So ist man nie ohne Roman unterwegs und Lesen ist doch, grade wenn man alleine reist, eine schöne Entspannung am Abend. Zumal es hier in Südafrika zur Winterzeit schon um 18 Uhr richtig dunkel ist. Meine Tage sind also recht kurz sind im Vergleich zu den laaaaangen hellen Abenden bei euch in good old Germany.

Mein Ausrüstung hält sich auch noch wacker, lediglich meine Therma Rest-Matratze ist ziemlich hinüber und schiebt eine riesige große Blase, die sich über die Hälfte der Matratze erstreckt und das Liegen etwas uneben und unkomfortabel macht. Ich puste nur ganz wenig Luft hinein um nicht ganz auf dem Boden zu liegen und um die Blase einigermaßen klein zu halten und dann lässt es sich aushalten. Am Fotoapparat ist die Linse mittlerweile total verkratzt und ich wundere mich über jedes Foto, das er doch noch ganz gut hinkriegt. Mein Fahrrad läuft und läuft und läuft... Da bin ich super zufrieden mit, zumal auch meine notdürftig reparierte Bremse ganze Dienste leistet. Auch an das Radeln mit all dem Gepäck habe ich mich nun gewöhnt und komme gut zurecht. Ich brauche halt an den vielen Steigungen ewig, bis ich oben ankomme, aber Zeit habe ich ja, da ich außer Radeln und Landschaft bewundern keine weiteren Aufgaben innehabe, also ein sorgloses und zugleich erfülltes Dasein genieße. Was für ein Glück ist es doch, dies von sich behaupten zu dürfen.

Geführt werde ich ja durch einen speziellen Fahrradreiseführer "Südafrika per Rad " von Dirk Heckmann und den kann ich wahrlich weiterempfehlen, lenkt er mich doch wirklich auf sehr schönen und vor allem verkehrsarmen Wegen durch dieses beeindruckende Land. Weniger schön an so einem Reiseführer ist, dass man darin auch lesen kann, was man alles nicht schafft abzuradeln oder welche Sehenswürdigkeiten, Safaris, Parks usw. man nicht besuchen kann und was man alles sonst noch so an Besonderem links liegen lässt... Ach, ich könnte und müsste viel mehr Zeit haben, um gerade auch einige der vielen Wanderungen hier machen zu können. Lohnen würde sich das allemal! Naja, ein andermal dann halt!

Heute nun mache ich einen spontanen Ruhetag in Port Elisabeth. Das ist die Stadt, in der unsere Nationalelf das zweite Vorrundenspiel gegen Serbien austragen wird und wo ich bei Daphne und Peter eine sehr herzliche Bleibe habe. Die beiden kenne ich von unserer Ankunft in Kapstadt und sie haben mich eingeladen, bei ihnen Rast zu machen. Sie unterstützen ein Projekt für das auch Eric Olverson (Kairo-Kapstadt Radler; www.ericonhisbike.com.uk) Spenden gesammelt hat. Es setzt sich für Behinderte und Kinder in den Schwarzen-Townships nach dem SOS Kinderdorf-Prinzip ein und leistet dort medizinische und soziale Hilfe. Hier im Haus wohnen auch einige Praktikanten, die in diesem Projekt mitarbeiten und so habe ich die spannende Gelegenheit, mal etwas mehr Einblick zu bekommen. Und dafür ist ein Ruhetag doch super angelegt.

So begleitete ich Eva am Nachmittag zu vier der Häuser, die sie besucht und wo jeweils eine Hausmutter bis zu sieben Kinder, teils eigene und teils angenommene, betreut. Heute stand außerdem der wöchentliche Einkauf an und so konnte ich mich auch etwas nützlich dabei machen. Das Township ist riesig, unzählige kleine Häuser stehen eng beieinander und sind in recht unterschiedlichem Zustand. Manche sehr gepflegt und manche auch recht heruntergekommen. Das ist das Spiegelbild im ganzen Township, wo Tausende Menschen leben.

Es gibt recht vermüllte Plätze und dann wiederum auch welche, wo man das Gefühl hat, hier wird Sorge getragen, dass das Umfeld auch in Ordnung gehalten wird. Viele kleine Verkaufsstände stehen entlang der Straße und bieten etwas Gemüse und Obst an, hier und da brennt ein Feuer, wo Maiskolben gebraten werden und große Container sind zu Friseurläden umfunktioniert und laden zum Haare schneiden ein. Ziegen und Kühe laufen scheinbar herrenlos durch die Straßen und viele Kinder spielen mit Autoreifen und mit aus Plastiktüten gebastelten Fußbällen oder sind auf Inliner-Rollschuhen unterwegs. Es ist ein recht buntes Bild, das sich mir da bietet und welches mich an das Straßenbild in anderen Ländern Afrikas erinnert, durch die wir geradelt sind.

Es sind absolut keine Weißen hier anzutreffen. Als wir an einer Tankstelle etwas zu trinken holten, fragten uns die anwesenden Polizisten, ob wir schon wüssten, wo wir uns befänden. Ich fühle mich wohl und sicher und wir werden nur freundlich und neugierig gegrüßt und beobachtet. Die Häuser der Familien, die wir besuchen sind klein und recht ordentlich. Da Eva eine allerherzlichste Beziehung vor allem zu den Kindern pflegt, ist es auch ein Leichtes für mich, Kontakt zu knüpfen und im Nu habe ich Kinder auf dem Arm oder spiele Fußball.

Auch besuchten wir ein Haus, in dem vor ein paar Tagen die junge Mutter an Aids gestorben ist und der ebenfalls sehr kranke Vater nun die Kinder solange noch betreut, wie er es aus eigener Kraft schafft. Denn auch er wird nicht mehr lange zu leben haben und die Organisation wird sich dann der Kinder annehmen. Solche Schicksale sind hier beinahe Alltag und dies mit eigenen Augen zu sehen, macht betroffen, nachdenklich und traurig. Schon am Vormittag durfte ich miterleben, wie Peter eine junge Frau mit ihren beiden kleinen Kindern von der Straße mit ins Haus brachte, weil sie völlig ausgehungert und ausgezehrt waren. Auch diese Frau hat Aids, ist alleine und man sieht ihr die Krankheit und die Not an. Peter gab ihr, nachdem er für sie eine Suppe gekocht hatte, Geld und Kleider und für die Kinder was zum Spielen mit auf den Weg und auch Ratschläge, wohin sie sich wenden könne.

Es ist schier unglaublich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Hingabe hier in diesem Haus lebendige Nächstenliebe praktiziert wird. Eva und Jolanda erzählten mir noch einige solcher und ähnlicher Geschichten. Und ich bekam heute einen völlig neuen Blickwinkel auf Leben in Südafrika, das ich bislang so noch nicht kennengelernt hatte. Und ich bin so froh für die Zeit hier bei Daphne und Peter, zwei sogenannte Coloured in Port Elisabeth. Danke für eure Gastfreundschaft und für euer großes Herz.

Ab morgen geht es dann Richtung East London weiter entlang der Küste und dann folgt mit dem Abschnitt durch die Transkei das Eintauchen in eine der ärmsten Gegenden hier in Südafrika. Manche haben mir abgeraten, dort alleine zu radeln, weil es eben nicht ganz ungefährlich wäre, manche wiederum meinen, ich werde dort die schönsten Erlebnisse und Begegnungen überhaupt machen. Und so bin ich doch etwas aufgeregt vor den Etappen, die da hinter East London in drei Tagen auf mich warten – und das nicht nur, weil es dort recht bergig sein wird... Aber ich will mit guten Gefühlen und einer offenen und freundlichen Einstellung auf die Menschen zugehen und werde dann auch selbiges erfahren. Schließlich verbindet uns der Fußball und die Tatsache, dass wir doch alle "zu Gast bei Freunden" sind, wo immer wir auch unterwegs sein mögen. In diesem Sinne herzlichste und sonnigste Grüße aus Südafrika.




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Autor: Hartmut Bögel | 02.06.2010

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