Der leise Querdenker

Berghülen.  Der Kabarettist Jess Jochimsen hat in leisen Tönen in der Berghüler Auhalle philosophiert. Die hintersinnige Art dieses sympathischen Querdenkers strapazierte die Lachmuskeln seiner Zuhörer gehörig.

Jess Jochimsen ist einer der Ernsten und Stillen seines Genres, er wütet nicht geifernd ob gesellschaftlicher Missstände oder erbricht sich verbal über seinem Publikum. Nein, Jess Jochimsen ist ein Denker unter den Kabarettisten, breitet in leisen Tönen seine Erlebnisse aus, hinterfragt mit stoischem Ernst, ja fast schon tiefsinniger Philosophie - die auch mal Kneipenphilosophie sein kann. Und dann purzeln sie, die Assoziationen, teilweise so weit her geholt, dass die Ernsthaftigkeit schon wieder in Frage gestellt wird, dann wieder so folgerichtig, dass einem das Lachen durchaus auch mal im Hals stecken bleibt. Schön entspannt soll der Abend werden, verspricht der leise Kabarettist seinem Publikum in der gut besuchten Berghüler Auhalle, "alles andere ist freiwillig".

So sitzt er an einem antiquarischen Tisch, erzählt im Plauderton von der Essenseinladung von Freunden, die ihn in Panik versetzt: "Das heißt, zum Fisch Weißwein und zum Rauchen auf den Balkon", aber er sage nichts, "aus Feigheit vor dem Freund". Eine Ruhe strahlt er aus, die schon melancholisch wirkt. Da muss der "depressive Jahresrückblick" her, damit das vorüber geht. Und er holt die Ehestatistik hervor, wonach 2011 so viele Paare wie noch nie geheiratet haben. "Warum wohl", sinniert er, "von Torschlusspanik und Steuererleichterung redet niemand". Die Antwort stellt sich dem Querdenker rasch: "Die Deutschen heiraten aus Sicherheitsbedürfnis." Als der Rock"n Roll aufkam, ging es noch um Drogen und Vögeln, heute heißen die Hits "Gib mir ein bisschen Sicherheit".

Die Statistik hat es ihm angetan: Alle 47 Minuten gelingt es einem Selbstmörder, sich umzubringen. "Das sind schrecklich viele", entsetzt er sich und spinnt den Gedanken im Laufe des Programms weiter: "Im Zug ruckelt es und die Fahrgäste schauen auf die Uhr: Schon wieder sind 47 Minuten um." Am Ende seiner Show kann er jedoch beruhigt festzustellen: "Statistiken sagen nichts aus, jetzt geht das Programm genau 48 Minuten und es ist nichts passiert."

Dann holen ihn Kindheitserlebnisse ein: "Ich habe die haptische Erinnerung von blauen Turnshorts, darunter kackbraune, von meiner Mutter selbst gestrickte Wollstrumpfhosen." Oder er albert über den Begriff "Latte to go" herum, denn die Art, wie die Bestellung aufgegeben werde, sei kennzeichnend für die Person. Dabei scheut er nicht den Vergleich mit Armutsländern und spricht von "Latte Togo".

Zu plätschernden Klavierakkorden aus dem Off plaudert er subtil über die Ungereimtheiten dieser Welt und erinnert damit - ob bewusst oder nicht bleibt unklar - an die Nonchalance eines Klavier spielenden Kabarettkollegen aus dem Ruhrpott. Jochimsen fährt philosophisch wie dieser im Gedankenkarussell, bis er zur Erkenntnis kommt: "Ich muss in den Tempel des Konsums eintauchen, um zu verstehen." Zum Beispiel, weshalb sein Herz für den Obdachlosen schlägt, der die Pfandflaschen in den Rückgabeautomat zittert, derweil die hinter ihm stehenden "Casualwearer" (Anzugträger) ungeduldig werden und Jochimsen dennoch nicht den Mut aufbringt, nach vorne zu gehen und dem Obdachlosen seine Pfandflaschen zu schenken.

"Durst ist schlimmer als Heimweh" lautet der Titel von Jochimsens Programm, der zur Abwechslung auch mal "Gschtanzl" zum Akkordeon singt oder Balladen mit Gitarrenbegleitung darbringt. Doch selbst ganz ohne Worte kommt das Multitalent aus, nämlich dann, wenn seine Dias von abblätterndem Putz und der Tristesse einer deutschen Heimat erzählen, von in sich unschlüssigen Geschäftsnamen, wie dem Friseursalon "Scham", der "Bar zur Hölle" oder so typischen verbalen Sinnvergewaltigungen, wie "Veteranen - Instandsetzung - Reparaturen". Spätestens dann weiß der Zuschauer, weshalb Heimweh weniger schlimm ist, als Durst.


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Autor: SABINE GRASER-KÜHNLE | 17.01.2012

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