Ausstellung und Vortrag in Langenau über NSU-Prozess

Zehn Menschen wurden vom NSU ermordet. Jahrelang ermittelte die Polizei nicht gegen die Neonazis, sondern im Umfeld der Opfer. In Langenau ist eine Ausstellung über die Aufarbeitung der Verbrechen zu sehen.

HELGA MÄCKLE |

"Jahrelang wurde gegen die Opfer ermittelt, nicht gegen die Neonazis." Birgit Mair stellte in ihrem Vortrag über die Verbrechen des Nationalsozialistischen Untergrunds - kurz NSU - die Arbeit der Polizei in wenig schmeichelhaftem Licht dar. Die Sozialwissenschaftlerin aus Nürnberg hat die Ausstellung "Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen" konzipiert, die derzeit in Langenau zu sehen ist (siehe Info-Kasten). Gestern berichtete sie im Pfleghofsaal vor Zehntklässlern des Robert-Bosch-Gymnasiums über die Ermittlungen der Polizei, die Opfer, die Hintergründe des NSU.

Zehn Morde, begangen zwischen 2000 und 2007, werden dem NSU inzwischen zugeschrieben: Die mutmaßlichen Haupttäter sind Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, beide haben sich 2011 selbst getötet, und Beate Zschäpe. Gegen sie und vier mutmaßliche Helfer wird seit Mai 2013 am Oberlandesgericht in München verhandelt.

Die Ermittler "hatten offenbar von deutscher Geschichte keine Ahnung", meint Mair. Oder wie sei es sonst zu erklären, dass ein Polizeiexperte 2006 eine Fallanalyse erstellt habe, darin steht: "Vor dem Hintergrund, dass die Tötung von Menschen in unserem Kulturraum mit einem hohen Tabu belegt ist, ist abzuleiten, dass der Täter hinsichtlich seines Verhaltenssystems . . . weit außerhalb des hiesigen Normen- und Wertesystems verortet ist." Übersetzt heiße das: Ausländer töten so grausam, Deutsche nicht. "Unglaublich", sagte Mair dazu.

Sie zeigte Bilder von Tatorten, berichtete vom Prozess in München, in dem insgesamt 600 Zeugen gehört werden, und zeigte Teile des "riesigen Netzwerkes" auf, das sich der NSU seit den 1990er Jahren in Deutschland geschaffen hatte. Einige der Zehntklässler waren gut informiert, etwa, dass der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn dem NSU erst zugeordnet wurde, nachdem 2011 ein Bekenner-Video der rechten Terroristen aufgetaucht war. Eine Zuhörerin sagte, es sei ihr "schleierhaft", dass zwei von Kiesewetters Kollegen bei der Bereitschaftspolizei Heilbronn Mitglieder des rassistischen Ku-Klux-Klan waren und das zu keinen Konsequenzen geführt habe. Doch darauf wusste auch Birgit Mair keine Antwort.

Einer der Schüler wollte wissen, warum drei der NSU-Morde ausgerechnet in Nürnberg geschahen. Nach Mairs Einschätzung liegt das zum einen an der Geschichte der Stadt, die im Nationalsozialismus eine herausragende Rolle gespielt habe. "Es war Hitlers Stadt". Zum anderen liege das an der "seltsamen Politik" Nürnbergs in den 1990er Jahren des "aktiven Ignorierens". Damals habe man geglaubt, es sei richtig, die Nazis und ihre Umtriebe schlicht nicht zu beachten und nicht darüber zu berichten. "Aber das war falsch", sagte Mair: "Natürlich muss man was gegen Nazis tun. Immer und überall."

Ausstellung im Gymnasium, Vortrag eines Opferanwalts

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