In Gedanken noch im Schiff
Asch. Wilfried Kress schaut die Bilder von der "Costa Concordia" nicht mehr an. "Sonst kriege ich das nie mehr aus dem Kopf." Der Ascher und seine Frau Christa, die an dem Tag 50 wurde, überlebten die Havarie.
"Plötzlich machte es einen lauten Schlag", schildert Wilfried Kress. Er spürte die Erschütterung. Als das Kreuzfahrtschiff "Costa Concordia" am Freitag, 13. Januar, um 21.30 Uhr einen Felsen vor der italienischen Insel Giglio rammte, saß der 56-Jährige aus Blaubeuren-Asch gemeinsam mit seiner Frau in der Piano-Bar. Ein Geschirrkorb rutschte über die Theke, Gläser zerbarsten. Eine Rollstuhlfahrerin fand sich zehn Meter entfernt wieder.
Als der Tischnachbar, der draußen beim Rauchen gewesen war, berichtete, dass das Schiff auf einen Felsen gekracht sei, habe das keiner geglaubt, berichtet Wilfried Kress. Über Lautsprecher hieß es, das Schiff habe einen technischen Defekt, niemand müsse sich Sorgen machen. "Hätte der Kapitän nicht erst eine Stunde später die Evakuierung eingeleitet, hätte es keine Toten und Verletzten gegeben", ist Kress überzeugt. Denn der mit 4200 Menschen besetzte Ozeanriese neigte sich nur langsam zur Seite, zuerst Richtung See, dann Richtung Insel. "Wir sind nicht auf dem offenen Meer", lautete Kress Einschätzung beim Blick vom Schiff. Das Personal hatte bereits Schwimmwesten an, als für die Passagiere das Signal zum Anlegen der Westen ertönte. Nur das war bei einer Übung zu Beginn der Reise eine Woche zuvor geprobt worden. Nicht aber der Einsatz von Rettungsbooten.
Christa Kress wollte noch die Ausweise aus der Kabine holen, kam aber nicht weit. In Abendgarderobe und nur eine kleine Digitalkamera und 20 Euro bei sich, ging das Ehepaar zu einem Rettungsboot. Problem dort: Die Seile zum Herablassen der Boote ließen sich nicht lösen. Vielleicht wegen der Lackfarbe, vermutet Kress. Optisch sei auf dem Schiff alles in Ordnung, gewesen. Auch der Service stimmte. Noch am Abend vorher hatten die beiden Ascher einen Bewertungsbogen ausgefüllt. "Wir waren zu 95 Prozent zufrieden." Mit Äxten gelang es Besatzungsmitgliedern, die Seile zu lösen. "Es ist nicht so, dass das Personal nichts gemacht hat", schildert Kress. Er selbst half einem hysterischen italienischen Mädchen ins Boot. "Sie wollte meine Hand nicht mehr loslassen."
40 Leute und drei Mann von der Crew saßen in dem Rettungsboot, als es in Richtung Insel fuhr. Wilfried Kress weiß nicht, warum 15 Plätze frei blieben. Manche Boote konnten wegen der Schieflage der "Costa Concordia" nicht mehr zu Wasser gelassen werden. Angekommen auf der Insel, trafen sich die Geretteten auf dem Dorfplatz. Eine riesige Menschenmenge, ein Sprachengewirr und "eine Lautstärke, die ich heute noch höre", berichtet Kress. "Die Erstversorgung machten die Inselbewohner", lobt er die Bevölkerung. Auf der Insel herrschte Winterpause. Bürger öffneten Cafés und Toiletten. Wilfried und Christa Kress kamen in einem Hotel unter, das nicht beheizt war - bei Temperaturen von 8 Grad Celsius. Sie trafen auf Leute, die an Land geschwommen und pitschnass waren.
Am Samstagmorgen brachten die Behörden die Urlauber per Fähre aufs Festland. "Ich stand während der einstündigen Fahrt draußen", erzählt Kress. An Land drückten Soldaten und Feuerwehrleute jedem einen halbvollen Becher mit heißem Tee in die Hand. "Das war eine Wohltat", erinnert sich Kress, der sonst gar keinen Tee mag. Mit Bussen gings zu einer Schule, dann in die Provinzhauptstadt Savona. Erst von dort konnte das Ehepaar am Samstagabend um 22 Uhr die Familie in Asch anrufen, "um zu sagen, dass wir am Leben sind." Am Sonntagmorgen trafen Wilfried und Christa Kress mit einem Bus in Ulm ein. Ein Reiseteilnehmer, der als Rechtsanwalt tätig ist, sammelte Informationen der Geretteten.
Die Reederei bot dem Ehepaar Kress inzwischen 11 000 Euro an als Schmerzensgeld und für verloren gegangene Kleidung. An der Klage gegen Kapitän Francesco Schettino beteiligen sich die Ascher nicht. Wilfried Kress fragt sich, wie der Mann "so mit Menschenleben spielen" konnte. Er will die Sache aber nicht in die Länge ziehen, schaut sich auch keine Fernsehberichte über das Unglück mehr an. Er leidet, wie auch seine Frau, unter dem Eindruck der Havarie. Beide sind in Behandlung. Der Schlaf ist gestört. "Wenn ich die Augen schließe, bin ich noch im Schiff", sagt Kress. Einen Arbeitsversuch musste er abbrechen. Auch der Sport - Kress ist Vorsitzender des Schützenvereins - brachte keine Ablenkung.
Eine Freude ist für das Ehepaar der zwölf Wochen alte Labrador-Welpe Luc, den die Familie als Überraschung zum 50. Geburtstag der Mutter gekauft hat.
Trotz der traumatischen Erfahrung, kann sich das Ehepaar gut vorstellen, wieder per Schiff zu reisen. "Eigentlich eine sichere Sache, wenn man nicht das Sonar ausschaltet", meint Wilfried Kress. So hat er auch keine Bedenken, wenn die 23-jährige Tochter Anja demnächst wieder in See sticht. Sie arbeitet als Kabinen-Stewardess auf der "MS Europa" und ist überzeugt von den Fähigkeiten ihrer Kollegen auf der Kommandobrücke.
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Autor: JOACHIM STRIEBEL | 04.02.2012
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