"Am liebsten ist mir der Austausch"
Die Klasse 9a des Albert-Einstein-Gymnasiums Wiblingen hat die Europa-Koordinatorin der Stadt Ulm Dorothea Hemminger interviewt: zu ihrer Tätigkeit und zu europäischen Themen.
Wer ist die Zielgruppe des neuen "Europe Direct"?
DOROTHEA HEMMINGER: Angesprochen werden die Bürgerinnen und Bürger der Stadt Ulm von jung bis alt, außerdem die Menschen im Umland. Jeder kann kommen und Fragen stellen. Der Schwerpunkt liegt auf jungen Leuten. Es sind bereits sehr viele Schulklassen zu Besuch da gewesen. Wir wenden uns an Schüler aller Schularten.
Was ist der Unterschied zwischen "Europe Direct" und "Europa-Büro"?
HEMMINGER: Das "Europe Direct"-Informationsbüro ist für jeden Bürger zugänglich. Dort kann man z.B. live die Debatten des Europäischen Parlaments verfolgen. Das "Europa-Büro" ist eine Einrichtung zur Beratung des Gemeinderats und der Verwaltung der Stadt Ulm.
Welche Ausbildung haben Sie?
HEMMINGER: Ich habe in Tübingen Anglistik und Germanistik studiert und dann das Referendariat an Gymnasien gemacht. Anschließend war ich am Sozialministerium Baden-Württemberg in Stuttgart tätig, bevor ich 1988 bei der Stadt Ulm angefangen habe. Seit 2001 bin ich hier Europakoordinatorin.
Wie gut kennen Sie Brüssel und den Politikprozess dort? Wie oft kommen Sie nach Brüssel?
HEMMINGER: Ich war dort zunächst beim baden-württembergischen Städtetag und danach ein Vierteljahr bei der Landesvertretung Baden-Württemberg. In der Regel komme ich mehrmals im Jahr nach Brüssel. Entscheidend ist, zu wissen, was läuft und wo man die Leute trifft, auf die es ankommt.
Wie häufig kommen Sie in andere europäische Länder?
HEMMINGER: Im Europabüro sind zwei europäische Projekte angesiedelt. Die Treffen der Partner finden jeweils in einem anderen Land statt. Eines der beiden Projekte hat 16 Partner aus 11 Ländern, das andere 11 Partner aus sieben Ländern. In den letzten zwölf Monaten war ich je zweimal in Belgien, Italien und Spanien und je einmal in Finnland, Großbritannien, den Niederlanden und den USA. Allerdings komme ich kaum dazu, meinen Urlaub zu nehmen, bevor er verfällt.
Worin besteht Ihre Arbeit im Ausland?
HEMMINGER: Im einen Projekt geht es um die Frage Was kann eine Stadt tun, damit es den kleinen und mittelständischen Unternehmern gut geht?" Zum Beispiel hat die Stadt Ulm die Solarstiftung gegründet, damit sich Betriebe, entwickeln, die im Bereich Solarenergie arbeiten. Die Stadt Ulm zahlt mit anderen z.B. einen Lehrstuhl an der Universität Ulm zur Förderung des Mittelstands. Das andere Projekt behandelt das Thema Nachhaltiger Öffentlicher Personennahverkehr". Es findet ein gegenseitiges Lernen statt. Wir sehen, was andere machen. Zum Beispiel können wir davon lernen, wie in Großbritannien der Busverkehr optimiert wird und in Italien Elektroautos eingesetzt werden. Außerdem können wir von Schweden, und Spanien lernen. Im Großen und Ganzen steht Ulm aber gut da, und die anderen können auch von uns lernen.
Wie sieht für Sie ein typischer Arbeitstag aus?
HEMMINGER: Gestern hatten wir zum Beispiel eine Abendveranstaltung mit auswärtigen Referenten zum Thema Klimawandel und EU". Vorab habe ich am Nachmittag dem SWR ein Radio-Interview gegeben und heute Vormittag hat meine Mitarbeiterin Katharina Tenta ein Interview mit Radio Free FM Ulm gehabt. Sonst kommen sehr viele Anfragen über E-Mail. Viele wollen wissen, welche Europa-Abgeordneten für Ulm zuständig sind. Die notwendigen Informationen erhalte ich überwiegend übers Internet. Ich habe sehr viele Ansprechpartner, die alle mit Europa zu tun haben. Meine Aufgabe besteht darin, wichtige Informationen zu sammeln und sie auch weiterzugeben, vor allem an den Oberbürgermeister und den Gemeinderat.
Was machen Sie besonders gerne? Was nicht?
HEMMINGER: Am liebsten ist mir der internationale Austausch, weil die Kommunikation durchweg auf Englisch stattfindet. Ich lerne dabei die unterschiedlichsten Menschen aus Europa kennen. Was mir nicht gefällt, ist, dass es sehr strenge Regeln für Abrechnung und Verwaltung von Projekten gibt und dafür unverhältnismäßig viel Zeit draufgeht.
Was sind die bisher größten Erfolge des Europa-Büros?
HEMMINGER: Zuallererst die Einrichtung des "Europe-Direct"-Informationszentrums, die Personalstelle für meine Mitarbeiterin Katharina Tenta, die neuen Räume und dann natürlich die europäischen Projekte, die erfolgreich laufen.
Welche Zukunftschancen für Studienfachwahl und Berufswahl bietet Europa?
HEMMINGER: Es gibt zum Beispiel das Erasmus-Programm, durch welches die Mehrkosten für ein Studium im EU-Ausland finanziert werden. Im Ausland zu studieren ist wegen der Studiengebühren meist teurer als in Deutschland. Durch den Lissabon-Prozess wird das Studium in Europa fortschreitend vereinheitlicht, so dass Abschlüsse gegenseitig anerkannt werden. Als Bürger hat jeder in einigen Jahren das Recht, in jedem anderen Land der EU zu arbeiten.
Ist die Berufsorientierung (Bogy) auch im EU-Ausland möglich?
HEMMINGER: Ja. Es gibt das sogenannte "Euro-Bogy", das vom Regierungspräsidium Tübingen koordiniert wird. Außerdem kann man Bogy auch direkt mit Einrichtungen im Ausland vereinbaren.
Kann ich während der Schulferien europäische Seminare besuchen?
HEMMINGER: Ja, zum Beispiel bei der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg oder bei der Internationalen Begegnungsstätte Bad Liebenzell" im Schwarzwald.
Kann ich den Zivildienst auch im EU-Ausland ableisten?
HEMMINGER: Ja, Voraussetzung ist allerdings, dass der Träger eine deutsche Einrichtung im Ausland ist, zum Beispiel das Goethe-Institut. Es ist aber eine Ausnahme.
Was kann ich selbst tun, um etwas über Europa zu erfahren?
HEMMINGER: Das, was ihr sonst auch tut, im Internet recherchieren. Außerdem hier gedrucktes Informationsmaterial abholen oder sich über weitere Möglichkeiten aufklä-ren lassen.
Gibt es E-Learning zu Europa-Themen?
HEMMINGER: Ja, die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg bietet das an: www.europe.online.de.
Gibt es elektronischen Austausch mit Schülern in EU-Ländern?
HEMMINGER: Ja, die Schulen haben die Möglichkeit, solche elektronische Partnerschaften anzubieten.
Wie komme ich ins EU-Ausland? Muss ich warten, bis ich 16 Jahre alt bin?
HEMMINGER: Es gibt wenige Ausnahmen, dass Schüler ab 14 an Austauschprogrammen teilnehmen, die von Schulen angeboten werden. Sonst gibt es Sprachkurse und Aufenthalte in Pflegefamilien ab 15.
Was hätte Sie seinerzeit als Schülerin an den Angeboten interessiert, welche das "Europe Direct" heute macht?
HEMMINGER: Mich hätte am meisten die Fragen interessiert Wie komme ich ins Ausland?" Was muss ich können, damit ich im Ausland studieren kann?" Eine der wichtigsten Grundvoraussetzungen ist es, sehr gut Englisch zu können. Als Verkehrssprache wird heute fast nur noch Englisch gesprochen. Früher waren die Grenzübertritte kompliziert. Es gab unterschiedliche Währungen, die Studiengänge waren sehr unterschiedlich. Vieles ist gegenseitig nicht anerkannt worden. Trotzdem habe ich ein Jahr in Schottland gearbeitet.
Was finden Sie gut an Europa? Was schlecht?
HEMMINGE: Gut ist, dass die EU die Roaming-Gebühren für Handys einheitlich geregelt hat. Gut ist auch die Rückgabepflicht von Handelsunternehmern bei Elektrogeräten. Ich finde es toll, zu sehen, was die anderen denken. Was machen die Leute? Was studieren sie? Was arbeiten sie? Schlecht sind die extrem komplizierten Abrechnungen und die Pflicht, die Akten zehn Jahre lang aufzubewahren.
Rentiert sich die EU für Deutschland, obwohl es für die EU mehr zahlt als es erhält?
HEMMINGER: Ja, denn der größte Teil der deutschen Exporte geht ins EU-Ausland. Deutschland zahlt rund 20 Prozent der Kosten der EU und bekommt davon nicht alles in Form von Fördergeldern zurück. Es geht allerdings nicht nur ums Geld. Es geht auch um Wissen und Fertigungstechniken und so weiter.
Wo gefällt es Ihnen in Europa am besten? Warum?
HEMMINGER: In Großbritannien wegen der Sprache und den freundlichen Menschen und in Italien wegen der Kunst und der guten Küche.
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20.03.2010
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Die Klasse 9a des Albert-Einstein-Gymnasiums Wiblingen und vorne Dorothea Hemminger (vorne), Europa-Koordinatorin der Stadt Ulm und Katharina Tenta (Europe Direct-Informationsbüro Ulm, vorne links).
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