Am Ursprung der Albecker Birne

Albeck.  Auf dem Wochenmarkt wird sie als "Ulmer Butterbirne" verkauft. Ihr ursprünglicher Name aber lautet "Albecker Birne". Denn von dort kommt sie, von der Baumschule Scheerer an der Albecker Steige.

Rein äußerlich ist sie eher unscheinbar: nicht gelb, nicht rot, nicht grün und auch kleiner als andere Sorten. Aber ihr Fruchtfleisch ist saftig und süß. Das ist die Albecker Birne. Sozusagen erfunden und als erster gezüchtet hat sie Balthasar Scheerer, der Gründer der Baumschule Scheerer im Langenauer Teilort Albeck. Das ist mehr als 100 Jahre her, und noch immer hat die kleine Albecker Birne ihre Fangemeinde. Viele kennen sie vielleicht nur unter ihrem Pseudonym "Ulmer Butterbirne".

Die Albecker Birne war ein Zufallsprodukt, sagt Helmut Scheerer, Urenkel des Firmengründers. Aus einem Sämling, dessen Blätter durch eine besondere Farbe aufgefallen waren, entwickelte der Gärtner Balthasar Scheerer die neue Sorte und nannte sie nach ihrem Herkunftsort. Eine durchaus übliche Art der Namensgebung, wie die Apfelsorten Neenstetter Riesenbeuger und Pfaffenhofer Schmelzberg zeigen.

Dagegen hat sich die Arbeitsweise der Baumschulen gewandelt. Während sein Urgroßvater noch Bäume aus Apfel- und Birnenkernen gezogen habe, kommen die Wurzeln heutzutage aus spezialisierten Zuchtbetrieben, erläutert Helmut Scheerer. Die Veredelung, also das Aufpropfen von Trieben, ist dann Sache des Baumschulers. So wird aus einer Apfelbaumwurzel innerhalb von zwei bis drei Jahren ein kleiner Apfelbaum einer ganz bestimmten Sorte. Wobei die Wurzel Einfluss auf Form, Farbe und Geschmack des Apfels hat. Dieses Prinzip gilt auch für andere Obstarten. Etwa 5000 Obstbäume werden in der Baumschule Scheerer jährlich veredelt, mit 250 Stück gehört die Albecker Birne also nicht zu den Verkaufsschlagern. "Aber sie hat ihre Liebhaber", sagt Helmut Scheerer.

Zum Betrieb, den der 49-Jährige zusammen mit seiner Frau Heidi leitet, gehört natürlich auch eine kleine Plantage mit etwa 70 Birnbäumen. Ungefähr zwei Tonnen Albecker Birnen werden dort an der Albecker Steige jährlich geerntet. "Die kommen alle zum Schnapsen", stellt der Gärtnermeister trocken fest. Das 40-prozentige Produkt, das eine Brennerei im benachbarten Hörvelsingen daraus herstellt, findet sich natürlich auch im Sortiment des zur Baumschule gehörenden Gartenmarkts.

Grundlage des Familienbetriebs ist auch in der vierten Generation die Obstbaumproduktion - auch wenn die Grundstücke der Abnehmer kleiner geworden sind und Äpfel im Supermarkt gekauft und nicht mehr im heimischen Garten geerntet werden. Doch gerade im ländlichen Raum würden nach wie vor viele Streuobstwiesen gepflegt und angelegt, sagt Helmut Scheerer. Mit Apfelsorten wie Jakob Fischer, Gravensteiner und Roter Boskop - "der beste Backapfel".

Zierbäume und Rosen sind weitere wichtige Standbeine des 130 Jahre alten Gärtnereibetriebs. So gehört die Baumschule Scheerer seit elf Jahren zu den Stammausstellern auf dem Ulmer Rosenmarkt. Nicht zuletzt deshalb, weil außer Kommunen und Geschäftskunden die privaten Gartenbesitzer für die Baumschule immer wichtiger geworden sind. Aus diesem Grund kommt Dienstleistung und Beratung für den Betrieb mit sieben angestellten Mitarbeitern - ein Gärtnermeister, drei Gehilfen und drei Auszubildende - wachsende Bedeutung zu. Hier sei Einfühlungsvermögen gefragt, denn der Garten müsse zum Haus und seinen Bewohnern passen, betont Scheerer: "Man darf nicht Sklave des Gartens werden." Die Freude am Garten müsse sich entwickeln, wenn aber der Hobby-Gärtner von Anfang an überfordert sei, "bleibt nur Wildnis".

Gar nicht wild, eher steril wirkt neuerdings mancher Vorgarten, in dessen Beet aus Steinen ein einsamer Bonsai sein Dasein fristet. Solche Versuche, japanische Gärten zu kopieren, sind Helmut Scheerers Sache nicht. "Mir tut das ein bisschen weh", sagt er. Nichts gegen neue Ideen und moderne Gestaltung, betont er, "aber da ist kein Leben, das ist kalt." Doch darauf müsse sich ein Gärtnereibetrieb einstellen, dass auch im Garten eine Modeerscheinung die andere ablöse. So wie in den 80er Jahren Liguster, Blaufichte und Rosen den Obstbaum, den Johannisbeerstrauch und die Himbeerhecke aus dem Garten verdrängt hätten - nur eben in immer schnellerem Wechsel. Demzufolge werde sich auch das Pflanzensortiment weiterentwickeln, werde auch mal exotisches Grün getestet.

Die Sorge, heimische Sorten könnten verdrängt werden, hat Helmut Scheerer nicht. Zumindest nicht in seinem Betrieb, denn der Gärtnermeister hält sich an den Leitspruch seines Vaters: "Man soll viel probieren, aber nicht alles treiben." So dürfte der Fortbestand der Albecker Birne gesichert sein, denn die hat sich einen festen Platz im regionalen Obstkorb gesichert. Selbst wenn sie fast nur noch als "Ulmer Butterbirne" zu haben ist.



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Autor: THOMAS STEIBADLER | 02.09.2010

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