Affen-Kiefer in der "Knochenhalle"
Lenningen. Reste von Tieren, die früher auf der Schwäbischen Alb lebten, machten vor 120 Jahren die Gutenberger Höhle bekannt. Sie kann heute mit Führer besichtigt werden, ebenso die benachbarte Gussmannshöhle.
Kieferreste von Affen sind die markantesten Funde aus der Gutenberger Höhle. An nur drei weiteren Stellen in Deutschland wurden Reste entdeckt von Berberaffen, wie sie heute noch auf den Felsen von Gibraltar vorkommen. Nicht nur Affen, sondern viele andere Tierarten lebten vor 125 000 bis 400 000 Jahren auf der Schwäbischen Alb: Reh, Damhirsch, Wildschwein, Wildpferd, Wisent, Wolf, Fuchs, Rothund, Marder, Dachs, Wildkatze, Höhlenbär, Löwe, Elefant und Steppennashorn. Das beweisen rund 600 Skelettreste aus einer drei Meter dicken Schicht aus Lehm und Gesteinsbrocken, die 1889/1890 in der Gutenberger Höhle abgebaut wurde. Die Knochen waren wohl durch Spalten von der Oberfläche in den Hohlraum geschwemmt worden, schreiben die Autoren des 1999 von der "Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst Grabenstetten" herausgegebenen Heftes über die Gutenberger Höhlen. Möglich sei auch, dass Tiere in den damals offenen Raum gelangten und auf natürliche Weise verstarben oder aber Raubtiere zur Anhäufung der Knochen beitrugen.
Bis 1899 war nur die erste, geräumige Eingangshalle der Gutenberger Höhle, das Heppenloch, bekannt. Als der Geologe Karl Endriss während einer Exkursion auf der Schopflocher Alb zusammen mit Kollegen vor einem Unwetter im Heppenloch Schutz suchte, nahmen sie eine Schicht aus Kalksinter unter die Lupe und vermuteten dahinter eine Fortsetzung. Dieser Meinung waren auch der Gutenberger Pfarrer Karl Gussmann und der Medizinalrat Dr. Hedinger. Sie ließen die Wand am Ende des Heppenlochs von Arbeitern durchbrechen und stießen auf die reiche Fundschicht. Als diese abgebaut war, gings noch weiter hinein. Hallen mit schönen Tropfsteinen erwarteten die Entdecker.
Die Gutenberger Höhle ist 180 Meter lang, Abschnitte mit einer Länge von 110 Metern sind als Schauhöhle ausgebaut. Hans Allgaier, Höhlenführer aus Schopfloch, führt die Besucher von der "Knochenhalle", wo die Nachbildung eines Affen-Kiefers ausgestellt ist, in die "Gotische Halle". Dort beflügeln Tropfsteingebilde die Phantasie, die Burg Teck oder die Ruine Hohenneuffen sind zu erkennen. Einer der Tropfsteine darf angefasst werden, der "Streichelstein" am Wegesrand. Auch die "Maurische Halle" zeigt märchenhafte Sintergebilde, in der "Teilungshalle" hängt ein "Kronleuchter" an der Decke. Vom Gussmannsdom gehts in die "Klamm", wo der Besucher 30 Meter in die Tiefe blickt. Am Ende des Führungswegs berichtet Allgaier von einem weiteren Fund, einem Mammutstoßzahn. Führt Allgaier Gruppen von Kindern, wird das Ausschalten der Beleuchtung zum Höhepunkt. Für kurze Zeit ist es zappenduster. Danach gehen die Besucher im Schein der eigenen Taschenlampe zum Ausgang.
Nach der Besichtigung der Gutenberger Höhle wartet die 200 Meter entfernte Gussmannshöhle. Sie ist benannt nach ihrem Entdecker Pfarrer Karl Gussmann, der auch als Gründer des "Schwäbischen Höhlenvereins", der ersten höhlenkundlichen Vereinigung in Deutschland, in die Geschichte einging. Der Führungsweg ist 55 Meter lang und ermöglicht in der "Turmhalle" einen Blick in einen tiefen Schacht. Über eine Treppe steigen Besucher hinauf zu einer zweiten Ebene, wo sie in die von formenreichen Tropfsteinen geprägte "Orgelhalle" blicken. Wer Glück hat, kann in einem Wasserbecken nahe des Ausgangs einen Molch entdecken.
Die Gutenberger Höhle wurde im Jahr 1890 für Besucher zugänglich gemacht, die Gussmannshöhle 1891. Schon damals sorgte die Gemeinde Gutenberg mit Bogenlampen für die elektrische Beleuchtung der Gussmannshöhle. Strom wurde unten im Tal erzeugt. Die elektrische Anlage funktionierte nicht sehr lange, wohl weil die Wartung fehlte, meint Hans Allgaier. 1922 wurde eine neue Beleuchtung eingebaut. Die rostigen Halterungen der ersten Bogenlampen sind heute noch in der Gussmannshöhle zu sehen. Die Gutenberger Höhle, die teilweise unter Schopflocher Gemarkung liegt, erhielt erst 1967 einen Stromanschluss - die Gutenberger wollten früher lieber in die komplett auf ihrem Gebiet liegende Gussmannshöhle investieren. Ruß an Wänden und Decken der Gutenberger Höhle erinnert an die frühere Art der Beleuchtung mit Pechfackeln.
Die Gutenberger Höhle mit dem Heppenloch und die Gussmannshöhle werden als "Gutenberger Höhlen" bezeichnet, dritte im Bunde ist die kleinere, nicht ausgebaute "Wolfsschluchthöhle".
Hans Allgaier besucht die Höhlen gern mit Kindern. Ein neues Angebot der Ortsverwaltung von Lenningen-Gutenberg sind Kindergeburtstage zu drei Themenschwerpunkten. Dabei gehen die Geburtstagskinder mit ihren Freunden nicht nur in die Höhlen. Im Heppenloch experimentieren sie mit Feuer und Farben, beim Thema "Fledermäuse" machen sie Bekanntschaft mit "Fredi" und basteln eine Fledermaus, beim Programm "Rulaman" hören sie Geschichten aus dem berühmten Steinzeitroman und formen einen Höhlenbärenzahn. Hans Allgaier hat auch ein Lese-Rollenspiel im Rucksack, das auf einfache Weise die Höhlenentstehung erklärt: "Tröpfle" fällt aus einer Wolke, trifft auf die Erde, tut sich dort mit "Sprudelblubber" zusammen und frisst den "Kalki" auf.
Die Entstehung der Gutenberger Höhle hängt auch mit dem Schopflocher Moor zusammen, das früher ein See war. Wasser floss durch Spalten ab und löste dabei das Kalkgestein. Laut einer Beschreibung der Gemeinde Lenningen tritt ein Teil des Wassers vom Schopflocher Moor heute aus dem Höllsternbröller aus, der 150 Meter tiefer liegt als die Gutenberger Höhlen.
Obwohl schon seit 120 Jahren für die Öffentlichkeit zugänglich, haben die Gussmannshöhle und die Gutenberger Höhle viel von ihrer Ursprünglichkeit behalten - es gibt in ihrer Umgebung keinen Kiosk und keinen Vergnügungspark, nicht mal ein Kassenhäuschen. "Das Natürliche gehört bewahrt", meint Höhlenführer Hans Allgaier. Das gilt auch für die Zugänge. Schon die Wanderung durch den Hangwald zu den Höhlen ist ein schönes Naturerlebnis.
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Autor: JOACHIM STRIEBEL | 02.07.2011
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