Abschied in Geborgenheit: "Seelen-Nestchen" für totgeborene Kinder

Einen würdevollen Abschied mit Geborgenheit wie im Mutterleib wünscht sich Petra Kunz für Kinder, die bereits vor ihrer Geburt sterben mussten. Deshalb hat sie ihre Seelen-Nestchen aus Filz entwickelt.

ELENA KRETSCHMER |

Weich, warm, bergend - so sollen sie sein, die Seelen-Nestchen der 41-jährigen Weidacherin Petra Kunz. Sie sehen aus wie kleine Kokons, sind aus Filz gefertigt und haben eine besondere Aufgabe: In ihnen werden Kinder bestattet, die bereits vor ihrer Geburt im Mutterleib starben. "Früher hat man so etwas einfach verdrängt. Heute gehen die Leute zum Glück viel bewusster damit um", sagt Petra Kunz.

Weil es die Produktidee bereits gab und die niederländische Erfinderin Bertina Slettenhaar den Begriff "Kokon" für sich schützt, dachte sich Petra Kunz das Wort "Seelen-Nestchen" aus. In Deutschland bedeuten sie einen neuen Weg der Trauerbegleitung. "Sie stehen vor allem für die Seelen der trauernden Eltern. Sie können sich so würdevoll verabschieden", sagt Kunz. Sie wisse aus eigener Erfahrung, wie wichtig es ist, Abschied zu nehmen. Denn nach ihrer ersten Tochter habe sie selbst ein Kind in der Schwangerschaft verloren. Ihr half damals ein kleines weißes Schiffchen, das sie mit ihrer Familie aufs Wasser setzte und ziehen ließ.

"Als ich dann den Prototyp für die Seelen-Nestchen gefertigt habe, ging mir das sehr nah", berichtet die Künstlerin. Doch sie merkte auch, dass das Filzen der Kokons sogar im Nachhinein noch helfen kann, solch einen Verlust zu verarbeiten: "Es ist einfach eine sehr meditative Technik. Die Wahrnehmung wird angesprochen und es hat eine stimulierende Wirkung."

Sie selbst habe das Filzen 1996 durch Zufall für sich entdeckt, als sie auf einem Filzertreffen ausgeholfen habe. "Mir wurde klar, wie einfach das Arbeiten mit Filz ist und dass es sich perfekt als Therapietechnik für meine Patienten anbieten würde", erinnert sich die gelernte Ergotherapeutin. Seither besuchte und gab sie viele Kurse, bildete sich fort und kam so letztlich zu den Seelen-Nestchen. Die Idee dazu entstand vor rund einem Jahr. Die Frau von Prof. Andreas Rempen habe ihren Kurs "Filzen in Therapie und Pädagogik" besucht, berichtet Petra Kunz. Andreas Rempen, Chefarzt an der Frauenklinik des Diakonie-Klinikums Schwäbisch Hall (Diak), schickte daraufhin auch seine Hebammen zu Petra Kunz. Gemeinsam hätten sie sich dann darüber Gedanken gemacht, inwiefern man das Filzen in Zukunft in die Geburtshilfe integrieren könnte.

Die wärmenden, wohligen Eigenschaften der Schafswolle und des Filzes, die der des Mutterleibes ähnlich kommen, brachten das Team schließlich auf die Idee, Filzkokons für die "Sternenkinder" zu fertigen. Sternenkinder nennt der Professor liebevoll eben diese Kinder, die bereits vor ihrer Geburt im Mutterleib starben, also Fehl- oder Totgeburten. "Da die Hebammen aber weder das Filz-Knowhow noch die Zeit hatten, neben ihrer Arbeit die Kokons zu machen, habe ich das Projekt meinen Auszubildenden vorgeschlagen", schildert Petra Kunz, die als Dozentin an der Schule für Ergotherapie in Dornstadt unterrichtet.

Ihr Kurs habe dem Diak sofort seine Hilfe zugesichert. "Das war natürlich auch eine tolle Chance für meine Schüler, interdisziplinär zwischen Trauerarbeit, Geburtshilfe und Ergotherapie zu arbeiten. Auch gestalterisch ist man sehr frei. Inspirationen finden sich ja überall."

Und so fertigten die 17- bis 49-Jährigen mit der Wolle, die die Klinik sponserte, als Abschlussarbeit 26 Seelen-Nestchen in unterschiedlichen Größen - kleinere für Kinder unter 500 Gramm, aber auch größere für vollständig entwickelte. "Sie werden jetzt in Schwäbisch Hall aufbewahrt und betroffenen Müttern kostenfrei angeboten", erzählt Kunz. Im Nachhinein können sie dafür spenden.

"Die Hebammen haben auch gleich nachgefragt, ob wir die Kokons auch weiterhin für sie herstellen werden", sagt die Filzkünstlerin. Aus Zeitgründen sagte Kunz zwar ab, konnte aber stattdessen eine Absolventin der Filzschule "Wollknoll" in Oberrot bei Schwäbisch Hall, an der Kunz bereits selbst dozierte, dafür gewinnen, die Arbeit in Zukunft ehrenamtlich weiterzuführen.

"Meine Vision ist es jetzt, noch mehr Ehrenamtliche zu gewinnen, die dann für verschiedene Kliniken Seelen-Nestchen herstellen", erzählt sie. Ein Fotoalbum als Anschauungsmaterial haben die Hebammen des Diaks dafür bereits geplant. Würden betroffene Eltern direkt auf Kunz zukommen und sie darum bitten, würde sie selbstverständlich auch ein Seelen-Nestchen nach individuellem Wunsch fertigen, sagt sie. Mit überschaubaren Materialkosten und einer Arbeitszeit von drei bis fünf Stunden hat die Filzkünstlerin, je nach Größe, einen Preis von 60 bis 80 Euro pro Stück errechnet. Mit den Seelen-Nestern Geld zu verdienen, sei aber nicht ihr primäres Ansinnen, betont Kunz: "Der gemeinnützige Gedanke ist mir immer noch der liebste."

Um den Eltern bei ihrer Bewältigungsarbeit zu helfen, hat sich Petra Kunz noch etwas überlegt: Sie sollen künftig in einem Kurs besondere Kugeln filzen können. Für die Mitte dieser Kugeln sollen die Eltern einen Stein in ihrer Wunschfarbe wählen. Um diesen herum werden Filzschichten in verschiedenen Farben aufgebracht. Am Ende wird die Kugel zu einer Seite hin geöffnet, sodass sich ein farbenfroher Blick auf die Filzschichten und den Stein ergibt. "Trostkugeln" möchte Petra Kunz sie nennen.

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