Malen als Freiraum
Ulm. Sich mehrere Stunden ganz dem Malen eines Bildes hingeben, die Krankheit und die Umgebung vergessen: Diese Möglichkeit bietet die Kunsttherapie der Kinderonkologie des Universitätsklinikums Ulm.
Kunsttherapeutin Sabine Hartmann ist seit rund zehn Jahren der "bunte Tupfer" in der Kinderonkologie der Uniklinik Ulm am Michelsberg: Die 40-Jährige bietet den schwer erkrankten jungen Patientinnen und Patienten, die zum Beispiel an bösartigen Tumoren oder Leukämie leiden, die intensive Beschäftigung mit Farben an. Ob mit Pastellkreiden, Kohle oder Aquarellfarben, ob mit Acrylfarbe auf trockenem Papier oder in der "Nass-in-Nass-Technik", bei der das Papier vorher angefeuchtet wird - "austoben" ist ausdrücklich erwünscht. "Die Jüngsten sind etwa eineinhalb Jahre alt, die ältesten Anfang zwanzig und schon erwachsen", beschreibt Sabine Hartmann den Kreis ihrer Malfans. Wobei oft auch die Familienmitglieder zu Stift und Pinsel greifen.
Am großen Maltisch auf Station kann jeder loslegen. Wer sich nicht so gut fühlt, wird von Sabine Hartmann im Zimmer besucht - wenn erforderlich auch mit Mundschutz, damit der geschwächte Körper des Patienten nicht gefährdetwird.
Die kreative Beschäftigung hilft ihnen dabei, ihre Krankheit zu verarbeiten. "Manche sind nicht in der Lage, darüber zu reden. Denen öffnet das Malen die Türen", erzählt Sabine Hartmann. Die Mal-Sitzungen könnten dabei bis zu drei Stunden dauern.
Das Gestalten macht mit jedem Menschen etwas anderes. Der eine kann vorzüglich dabei abschalten, der andere Energie tanken, der nächste verarbeitet seine Krankheit seelisch, und einem anderen gelingt sogar alles zusammen. "Hier wird ein Freiraum geboten, den jeder selbst gestalten kann. Alles ist erlaubt, um sich auszudrücken", sagt Sabine Hartmann. Das darf auch mal fast getrocknete Acrylfarbe sein, "Batzelfarbe", wie sie sie nennt. Damit bekommt man sogar reliefartige Bilder hin.
Ein etwa vier Jahre alter Junge wiederum formte einmal aus Knetmasse Bäume, um sie dann mit einem Spatel als Kettensägen-Ersatz umzusäbeln. Spannend wird es auch, wenn Studenten vom Campus-Atelier der Uni Ulm regelmäßig mit den Patienten gemeinsame Sache machen und zusammen Projekte starten.
Neben Kunsttherapeutin Hartmann kümmern sich auch Fachleute aus den Bereichen Psychologie, Erziehung, Seelsorge, Schulbildung und Musiktherapie um die jungen Patienten. Während die Kunsttherapie bereits vor zehn Jahren in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin etabliert wurde, ergänzt die Musiktherapie das Angebot erst seit kurzem.
Die Kunsttherapie an der Kinderonkologie finanziert sich rein aus Spenden, wie zum Beispiel aus dem Topf der Aktion 100 000 und Ulmer helft. Seit einem Jahr existiert auch das Projekt "Lebenswerk", dessen Einnahmen an die Kunsttherapie gehen. Zum zehnjährigen Bestehen der Kunsttherapie in der Kinderonkologie ist im kommenden November eine Ausstellung geplant. Dabei sollen unter anderem Werke aus der Kooperation mit dem Campus-Atelier gezeigt werden.
Ein Traum von Sabine Hartmann ist es, einen eigenen Raum für die Kunsttherapie an der Klinik zu bekommen. Und ein zweiter, dass sie die Patienten auch außerhalb der Klinik kunsttherapeutisch unterstützen kann. "Wenn die Kinder nur noch daheim mit Schmerzmitteln behandelt werden, ist es wichtig, dass bekannte Gesichter sie weiterhin begleiten."
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Autor: BIRGIT EBERLE | 21.01.2012
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