Das große Aufatmen

Feuchte Augen und ein Ringen nach Luft: Die Scheckübergabe an Menschen, die das Schicksal so hart anpackt, setzt Gefühle frei. Nicole A., krebskranke Mutter von vier Kindern, kann das Spenden-Glück kaum fassen.

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Aktions-Leiter Karl Bacherle hielt die Schecks für besonders bedürftige Familien in Händen, die Sozial-Experten nahmen sie später stellvertretend entgegen (von links): Harald Bernhardt-Steinert (Stadt Ulm), Patricia Hilker (Landratsamt Alb-Donau-Kreis), Deborah Hitzler (Diakonie Neu-Ulm) und Gabriele Berg (Stadt Ulm).  Foto: 

Die Stimmung bei der Scheckübergabe an besonders bedürftige Familien gleicht einem Wechselbad: In der Cafeteria der SÜDWEST PRESSE fällt ein Schleier der Beklommen- und Bedrücktheit - und macht großer Erleichterung Platz.

Doch von vorn. Mit durchgedrücktem Kreuz und ausdruckslosen Augen sitzt ein Mädchen still zwischen seinen Eltern und drei Brüdern: Die Zwölfjährige gehört zu Familie A., deren Schicksal wir ausführlich und anonym geschildert haben. Mutter Nicole hat Krebs, der Vater Morbus Crohn, zwei Söhne sind ebenfalls krank. Dazu ist das Geld mega-knapp. Als Geburtstagsgeschenk war für das Mädchen lediglich ein Bravo-Heft drin gewesen.

So schlimm es sich anhört, Familie A. geht es an dem Montag im Vergleich zu den anderen Aktions-Familien noch gut. Jessica B., die Frau mit dem schwerst behinderten Kind, hat ein weiterer Schicksalsschlag getroffen: Zu allem Unglück ist vor wenigen Tagen ihr Mann gestorben. Mit 43 Jahren. Einfach so, ohne Vorerkrankung. Auch die Lage von Julia G. hat sich dramatisch verschlechtert. Die schwer krebskranke, alleinerziehende Mutter von Zwillingen hat sich mitten in der Chemotherapie zusätzlich eine Blutvergiftung zugezogen. "Die Kinder leben sowieso seit Jahren in ständiger Angst um ihre Mutter. Und jetzt auch das noch", sagt Sozialarbeiterin Gabriele Berg, die sich um die Familie kümmert.

Klar, Geld kann die Zwillings-Mutter nicht gesund machen. "Aber sie kann mit der Spende sich und ihren Kindern wenigstens irgendetwas Gutes tun", sagt Berg, als sie den Umschlag mit dem Scheck von Aktions-Leiter Karl Bacherle stellvertretend für Julia G. entgegennimmt.

Ein paar Tische weiter hat Nicole A. einen Blick auf die Spendensumme geworfen. Erst schnappt sie nach Luft, dann großes Aufatmen. "Ich muss schnell was trinken", sagt die Frau und kämpft mit den Tränen. Die gedrückte Stimmung ist weg, schlägt in Freude um. "Wir können unsere Schulden zahlen. Die Rechnung vom Zahnarzt und die Nachforderung von den Nebenkosten", sagt die 33-Jährige.

Mit der Veröffentlichung ihres außergewöhnlichen Schicksals hat sich im Leben der Familie viel verändert. Dem arbeitslosen Familienvater - er war wegen der Erkrankung seiner Frau in Elternzeit gegangen und hatte wohl deshalb seinen Job verloren - wurde ein Gabelstapler-Führerschein "spendiert". Damit rechnet sich der Mann nun größere Chancen auf dem Arbeitsmarkt aus. Schüler der Albrecht-Berblinger-Schule wiederum haben für die Kinder der Familie A. liebevoll zwei Kisten mit Geschenken gepackt.

"Ich kann mich nur immer wieder bedanken", sagt Nicole A. bewegt. Der größte Wunsch ihres Mannes ist, endlich wieder gebraucht zu werden. Die Frau formuliert es so: "Wir wollen eine Struktur im Leben. Wir wollen doch nur Arbeit."

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