EIN TAG IN DER HAUPTSTADT
Mitten in Buenos Aires
Unsere Mitarbeiterin Helena Rößle (20) war vier Wochen lang in der argentinischen Hauptstadt und hat dort einiges erlebt. Hier beschreibt sie, wie ein Tag in Buenos Aires aussehen kann:
Kaugummi für vier Pesos!“ „Orangensaft nur zwei Pesos!“ „Schöne Messer– zehn Pesos!“, "Die neue CD von Shakira!" - ich stehe im Zug in Richtung Capital, der Innenstadt von Buenos Aires, und bin umgeben von Händlern, Bettlern und Fahrgästen.Der Zug ist wie üblich überfüllt und wackelt bedenklich hin und her. Vor mir steht ein Mann mit Krücken und einem Bein und schaut mich an: „Nur eine Münze bitte, ich habe drei kleine Kinder.“
Münzgeld ist rar
Ich denke kurz nach. Ich muss heute noch zwei Mal Bus fahren und Tickets kann man in Argentinien ausschließlich mit Münzen bezahlen, weshalb in Argentinien die Münzen, trotz ihres kleinen Wertes, sehr wertvoll sind und jeder damit knausrig ist – mittlerweile auch ich. Ich gebe ihm einen Zwei-Peso-Schein, umgerechnet 40 Cent. Er bedankt sich und humpelt weiter.
Um mich herum sehe ich viele Mädchen in meinem Alter, allerdings mit dem Unterschied, dass die meisten ein Baby im Arm halten. Frauen fangen hier in Argentinien deutlich früher mit dem Kinderkriegen an und hören später damit auf als etwa in Deutschland. Nicht ungewöhnlich, dass der dreijährige Junge an der Tür der Onkel des 15-jährigen Mädchens ist, das auf ihn aufpasst.
Gedränge im Zentrum
Die Fahrt vom Rand der Stadt hinein ins Zentrum dauert fast eine Stunde. Wo zu Beginn kleine Häuser und Wellblechhütten an vermüllten Straßen stehen, wandelt sich das Stadtbild, je näher man einem der Bahnhöfe von Capital kommt. Die Gebäude werden höher, die Gegend schicker.
An der Endstation strömen alle aus dem Zug, es herrscht wahnsinniges Gedränge. Mit Geschichten über aufgeschlitzte Handtaschen in meinem Kopf, drücke ich meine Tasche dicht an mich und schiebe mich in Richtung der Tür, über der „Subte“ steht, U-Bahn. Nach einigen Stationen unter der Erde, muss ich noch die zwölfspurige Straße überqueren und stehe dann vor dem Obelisk, dem Wahrzeichen von Buenos Aires.
Nochmal davon gekommen
Ich packe meine Kamera aus und fotografiere den Obelisk, gehe in die Hocke. Plötzlich greift der Junge, der eben vorbeiläuft, nach meiner Kamera. Vor Schreck kippe ich nach hinten. Der Junge verfehlt meine Kamera knapp und läuft davon.
Nun steige ich in einen Bus – meine Münzen kommen zum Einsatz – und fahre nach Palermo, einem noblen Stadtteil, in dem junge Modedesigner günstig ihre Klamotten verkaufen. Ein Shopping-Traum! Mein Plan für die Nacht steht auch schon – ich gehe mit anderen Mädels aus Deutschland in einen Club! Um halb drei morgens sind wir endlich drin – und werden umlagert von argentinischen jungen Männern, die uns antanzen, anreden oder anmachen wollen und nicht verstehen, warum wir genervt werden.
Fahrschein nicht gelöst
Um sechs Uhr geht es raus aus dem verrauchten Raum und mit schmerzenden Füßen in den nächsten Bus, der zum Bahnhof fährt. Im Halbschlaf weiter in den Zug, indem ich sofort in einen Schlummerzustand falle. Bis mich ein freundlicher Herr sanft an der Schulter rüttelt. „Ihren Fahrschein bitte.“ Ich denke, ich träume – ein Fahrkartenkontrolleur? Gibt es die hier? Tja, Pech gehabt. An ein Ticket habe ich nicht gedacht und muss fünf Peso Strafe zahlen. Allerdings zieht so gut wie niemand im Zug einen gültigen Fahrschein hervor, die meisten bekommen von ihm den gleichen Strafzettel, den auch ich jetzt in der Hand halte. Mein Beleg dafür, dass ich nach vier Wochen in Buenos Aires gar nicht mehr als Touristin auffalle.
Lese hier auch:
So werde ich ein Rotary-Outbound
Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar
Autor: HELENA RÖßLE (20) | 03.08.2010
| Artikel twittern |
|
|
MEHR ARTIKEL ZUM THEMA
"Südamerika klingt nach Abenteuer"
Ein Jahr ins Ausland? Viele Schüler wollen nach Südamerika. Warum das so ist, sagt Monika Los (27), Pressesprecherin der Austauschorganisation AFS.... mehrEin Jahr Argentinien: zwischen Großstadt und Pampa
Genau einen Monat ist es her, dass unsere DFB-Elf die Maradonna-Truppe bei der Weltmeisterschaft mit 4:0 nach Hause schickte. Unser junger Mitarbeiter Leander Badura (16) ist auf Schadensbegrenzung aus. Am 20. August reist er für ein Jahr nach Argentinien. Hier ist schon mal ein Vorgeschmack: ... mehrMEISTGELESENE ARTIKEL
Transporter rast mit hohem Tempo auf Wohnmobil
Langenau Noch unklar ist die Ursache für einen schweren Auffahrunfall am Donnerstag auf der Autobahn 7 bei Langenau, bei dem ein Transporter mit extrem hohem Tempo auf ein Wohnmobil auffuhr. Drei Menschen wurden dabei schwer verletzt, eine Katze wird vermisst.... mehr
Schwerer Vorfahrtunfall auf neuer Kreuzung bei Brenz
Weil eine Autofahrerin die Vorfahrt nicht beachtete, kam es am Dienstag zu einem verheerenden Unfall auf der neuen Bundesstraße 492: Die Unfallverursacherin wurde lebensgefährlich verletzt.... mehr
Schulbus durchbricht Leitplanke und kippt um
Burgrieden/Rot Der Fahrer eines mit elf Schülern besetzten Schulbuses ist am Donnerstagmittag von der Straße abgekommen, durch eine Leitplanke gebrochen und anschließend im Graben auf die Seite gekippt. Ein Großaufgebot an örtlichen und überregionalen Kräften von Feuerwehr, Rettungsdienst und Polizei musste zum Einsatz anrücken.... mehr
Ruf nach Heim ohne Waffen - Memminger Schütze knackte gesicherten Tresorraum seines Vaters
Memmingen/Stuttgart Nach dem Memminger Amok-Alarm fordern Grüne und Opferverbände ein schärferes Waffenrecht. Der 14-Jährige hatte Waffen des Vaters entwendet.... mehr
Fremde Feder - Hans Küng: Papst provoziert Ungehorsam
Auf dem alternativen wie auf dem offiziellen Katholikentag in Mannheim herrschten allgemein Unmut und Frustration über die Verschleppung innerkirchlicher Reformen. Im scharfen Kontrast dazu bereitet Papst Benedikt XVI. für Pfingsten offensichtlich die definitive Versöhnung der katholischen Amtskirche mit den traditionalistischen Piusbrüdern, deren Bischöfen und Priestern vor.... mehr

ZURÜCK