INTERVIEW

Medizinstudenten in Budapest wider Willen

Auf dem Donaufest Zusammengehörigkeit feiern schön und gut. Aber in Osteuropa studieren? ganz freiwillig sind die Ulmer Arne Speidel, 22 Jahre, und Charlotte Sauer, 21 Jahre, nicht nach Budapest gegangen. Sie wollen Medizin studieren, der Numerus Clausus in Deutschland stand dagegen. Ein Gespräch über Ungarn, Deutsche und Medizin.

Du wirst ab 6. September in Budapest Medizin studieren. Warum?
ARNE SPEIDEL: Medizin, weil das der perfekte Mix ist aus sozialem Beruf, der mit Menschen zu tun hat, und Biologie und Chemie. Das gibt es sonst in keinem Job. Zu Budapest: Das habe ich mir nicht ausgesucht. Mit meinem Abischnitt von Zwei Komma wurde ich in Deutschland an keiner Uni zugelassen. In Budapest gibt es aber die Möglichkeit, Medizin an einer privaten Universität zu studieren.

Du gehst also nicht aus Überzeugung?
ARNE: Ungarn übt jetzt nicht diesen Reiz auf mich aus. Ich bin Skateboarder, ich wüsste nicht, dass es dort eine besondere Szene dafür gibt.

Gibt es denn auch positive Aspekte für Dich?
ARNE: Klar, das schon. Eine gute Freundin von mir ist schon dort, sie macht gerade ihr Vorbereitungssemester. Sie erzählt mir immer, wie toll die Stadt ist.

Wirst Du ungarisch lernen?
ARNE: Ja. Das ist Vorschrift für das Studium, auch wenn die Vorlesungen auf Deutsch sind. Wegen der Kommunikation mache ich mir keine Sorgen, notfalls gestikuliere ich.

Die Vorlesungen sind auf Deutsch, viele Studenten sind Deutsche, die wie Du wegen des NC nach Budapest ausgewichen sind. Siehst Du da die Gefahr, dass die Deutschen sich abschotten?
ARNE: Die Gefahr besteht auf jeden Fall. Medizin ist ein anspruchsvolles Fach, das an erster Stelle steht – also ist man allein zum Lernen viel mit Kommilitonen zusammen. Die Sprachbarriere tut ihr Übriges.

Versuchst Du trotzdem, mit Ungarn in Kontakt zu kommen?
ARNE: Ich hoffe, dass ich das schaffe. Durch mein Hobby, das Skaten, werde ich bestimmt auf Ungarn stoßen, die das auch machen und sich auskennen. Ich habe aber auch Angst davor: Dass ich mich zu sehr auf die Ungarn und das Skaten konzentriere und darüber das Studium vergesse.

In Ulm ist ja gerade Donaufest, Menschen aus Osteuropa sind zu Besuch. Denkst Du gerade für Jugendliche ist Osteuropa schon näher gerückt?
ARNE: Es ist schon noch etwas fern. Da ist kein Spanien, das jeder kennt. Außerdem denkt man bei Osteuropa eher an Geschichtliches, an schöne Altstädte. Das ist für Jugendliche wohl nicht so reizvoll. Ich habe selbst noch nie Urlaub dort gemacht.

Denkst Du daran, nach dem Studium dort zu bleiben?
ARNE: Allein aus Kostengründen will ich so schnell wie möglich nach Deutschland zurück. Ganz unabhängig von Osteuropa!

Charlotte hat schon einige Monate Budapest-Erfahrung, weil sie von Oktober bis Mai ein Vorsemester an der Uni gemacht hat. Was denkt sie über die Stadt?

Arne hat uns erzählt, dass er nicht ganz freiwillig nach Budapest geht. Wie sieht es bei Dir aus?
CHARLOTTE: In erster Linie bin ich auch gezwungen, ich bin ebenfalls ein NC-Flüchtling. Aber ich fühle mich hier sehr wohl!  Mittlerweile bin ich freiwillig hier.

Was macht den Reiz aus?
CHARLOTTE: Gerade für Junge gibt es sehr viel. In der Stadt bewegt sich viel, es ist noch nicht alles so festgefahren. Die Stadt versucht, sich attraktiv zu machen. Auf der anderen Seite geht es der Wirtschaft nicht gut genug. Man hat also die tollen Ecken für die Touris und ein paar Straßen weiter stehen Häuser leer und alles ist verfallen. Das ist auch für deutsche Studenten gut, wenn sie mal diesen Gegensatz von Arm zu Reich sehen.

Kannst Du inzwischen ungarisch?
CHARLOTTE: Na ja, können. . . Das ist eine verdammt schwere Sprache, es gibt kaum Anhaltspunkte zu einer anderen, die ich kann. Ich kann Schilder entziffern und verstehe ganz gut. Aber sprechen ist schwer.

Hast Du denn Kontakt zu Ungarn?
CHARLOTTE: Na ja, man ist doch recht eingebunden in den Uni-Alltag. Und da eigentlich nur mit Deutschen.

Ist das schade?
CHARLOTTE: Jein. Es gibt eine starke Gruppendynamik unter den deutschen Studenten. Man ist ja aufeinander angewiesen, das ist eine tolle Gemeinschaft. Und ich habe schon einige Ungarn kennen gelernt, in der Straßenbahn oder so. Die Kommunikation funktioniert übers Englische. Eine Freundin ist in einem Verein, da bekommt sie natürlich mehr Kontakte. Das funktioniert eigentlich gut. Echte Freundschaften zu schließen, ist aber schwer. Da steht doch die Sprache im Weg.

Arne meinte ja, den deutschen Jugendlichen ist Osteuropa noch eher fern. Stimmst Du zu? Und sollte sich das ändern?CHARLOTTE: Das sollte ich auf jeden Fall ändern! Ich merke es ja an mir selbst. Ich bin jetzt nur sieben Stunden von zu Hause weg, das ist wie Berlin. Die Entfernung sollte also keine Rolle spielen. Man kennt die Länder eben einfach nicht. Man denkt, das sei das andere Ende der Welt. Ein Austausch würde beiden Seiten gut tun. Da es uns aber finanziell besser geht, finde ich, das ist in erster Linie unsere Aufgabe. Aber ich glaube, der Osten ist schon im Kommen bei den Jungen. Die Älteren haben eher noch Vorurteile.

Könntest Du Dir denn vorstellen, nach dem Studium in Ungarn zu arbeiten?
CHARLOTTE: Na ja, ob ich in Deutschland arbeiten soll, weiß ich nicht. Sie haben es mir so schwer gemacht, ans Studium zu kommen. Aber ob jetzt gerade Ungarn? Das wäre Zufall, das kann ich jetzt noch nicht sagen. Ich studiere erstmal.


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Autor: YASEMIN GÜRTANYEL | 31.08.2010

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