INTERVIEW

Medienpsychologie: Mit Lieblings-TV-Serie aus alltäglichem Theater aussteigen

Was bringt Leute dazu, Verabredungen abzusagen, nur damit sie ihre Lieblings-TV-Serie gucken können? Die Macht der Gewohnheit, sagt der Medienpsychologe Ulrich M. Schmitz (53) aus Köln.

Es ist immer gleich: Sobald eine neue TV-Serie startet, nerven einen die Charaktere, man guckt zweimal und man ist Fan. Wie passiert das?

ULRICH M. SCHMITZ: Wenn man mal Zeit und Emotionen in etwas investiert hat, dann bleibt man dabei. Das trifft auch auf TV-Serien zu. Es ist ein höherer Aufwand sich von etwas zu trennen als dranzubleiben.

Was macht eine gute TV-Serie aus?

SCHMITZ: Sie muss Themen wie Liebe, Hass, Wut zeigen, der Zuschauer muss emotional berührt werden. Dazu muss eine Serie den Zeitgeist treffen und auf originelle Art und Weise zeigen, wie man mit den Guten und den Doofen umgeht. Ob eine Serie letztendlich gut und schlecht ist, muss jeder für sich beantworten.

Viele Jugendliche lieben Serien, die nicht ihrer Altersgruppe entsprechen. Warum sind 16-Jährige beispielsweise von der Figur eines Dr. House fasziniert?

SCHMITZ: Weil diese Figuren kein erwachsenes Verhalten an den Tag legen, sondern wie Teenager auftreten, die sich nur als Erwachsene verkleidet haben. Dazu kommt, dass etwa Dr. House geradezu genial ist und allen Widersachern ein Schnippchen schlägt. Am Ende der Sieger sein – das ist das Ideal eines jeden Jugendlichen.

Viele Serien sind schlechter als TV-Filme produziert. Dennoch bleiben viele gerade an der Serie dran. Was bringt uns immer wieder zum Einschalten?

SCHMITZ: Zum einen liegt das an der festen Uhrzeit, zu der die Serien ausgestrahlt werden. Man weiß: Wenn meine Lieblingsserie läuft, liegt der anstrengende Tag hinter mir. Man kann dann aus seinem alltäglichen Theater aussteigen. Eine Serie ist etwas Vertrautes, man hat Bindungen zu den Figuren entwickelt und will wissen, wie es mit denen weitergeht. Wie stark man sich auf eine TV-Serie einlässt, hängt natürlich mit dem eigenen Sucht-Charakter zusammen.

Was bringt uns dazu, die Lieblingsserie nicht mehr einzuschalten?

SCHMITZ: Zuschauer lieben das Vertraute an den TV-Figuren. Man hat sich auf eine bestimmte Verhaltensweise der Figuren eingeschossen. Wenn das zu abgedreht wird, zu hart oder zu bissig, dann schalten die Fans nicht mehr ein.

Macht zu viel TV-Gucken dumm?

SCHMITZ: Ich bin kein Verfechter von Prognosen wie ,ab drei Stunden Fernsehkonsum wird es gefährlich’. Das reale Leben sollte immer ein Fünkchen wichtiger sein, als das Fernsehen. Bedenkenswert wird es, wenn es eine übertriebene hysterische Bindung an eine Serie gibt. Die Soap am eigenen Küchentisch sollte immer wichtiger sein als die Soap im Fernsehen.

Haben Sie als Psychologe eine Ausrede in petto, die man anbringen könnte, wenn man unbedingt die Lieblingsserie gucken will?

SCHMITZ: Nein. Ich bin kein Freund von Heimlichkeiten. Das suggeriert ja schon, mit mir stimmt etwas nicht. Da sollte man eher bei der Wahrheit bleiben und die vielleicht ironisieren.

Was ist Ihre TV-Lieblingsserie?

SCHMITZ: Alle Spiele der Nationalmannschaft. Und ich mag abgeschlossene Folgen wie den Tatort. Die Endlosigkeit der heutigen Serien liegt mir gar nicht.


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Autor: BEATE ROSE  | 21.12.2010

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