LEBEN IN SÜDAMERIKA

Hilfe, die etwas bewirkt

Mein Jahr in Argentinien. Für Hannah Schradi (20) aus Blaubeuren sah das so aus: Kinder im Armenviertel von Buenos Aires im Fach Deutsch unterrichten, für sie kochen und mit ihnen spielen. Hannha hat versucht Hilfe zu bieten, die etwas bewirkt.


Wie geht nochmal das Alphabet?
 "A-B-C-D-E . . . Wie geht es weiter?“, fragt Hannah Schradi (20) in der Nachhilfestunde.

„H“, antwortet das kleine Mädchen sofort, das vor ihr sitzt und an ihrem Bleistift kaut.

„Nein, nochmal. A-B-C-D-E…?“

„L“, kommt diesmal die überzeugte Antwort.

„Das stimmt auch nicht. Nochmal…A-B…Yamila? Yamila!“

„Bekomm’ ich noch einen Keks?“

Es ist 10 Uhr. Die Sechsjährige, die jetzt in die erste Klasse geht, ist wie fast jeden Tag zur Nachhilfe in den „Sembrador“ gekommen. Die Räumlichkeiten liegen in einem Armenviertel von Buenos Aires. Dort hat Hannah Schradi aus Blaubeuren ein Jahr lang als Freiwillige gearbeitet. Die Kinder, die sie dort trifft, haben eine ähnliche Geschichte wie die sechsjährige Yamila. Deren Mutter ist drogenabhängig, Frühstück gab es für die Tochter nicht.

Im Viertel sind die Straßen aus Lehm, die Luft staubig. Steigt Hannah morgens aus dem Bus, um ins „Sembrador“ zu gehen, wird sie von streunenden Hunde empfangen. Hinter dem Tor stehen zwei einstöckige Häuser, dazwischen liegt eine Wiese mit vielen Spielgeräten – das „El Sembrador“. Dort ist Hannah fünf Tage die Woche. Mal gibt sie Nachhilfe, an einem anderen Tag einen Computerkurs. Dann hilft sie im Kindergarten, einmal die Woche wird für die Kinder gekocht. Wenn im Second-Hand-Laden viel los ist, ist Hannah dort beschäftigt.

Das Projekt wird von der „Evangelischen Kirche Rio de la Plata“ (IERP) unterstützt, die protestantische Kirche von Argentinien, Paraguay und Uruguay. Beworben hat sich Hannah aber beim Gustav-Adolf-Werk Württemberg, von dem größtenteils das Geld für das Projekt stammt. „Ich wollte in ein spanischsprachiges Land gehen und dort mit Kindern arbeiten. Ich wurde dem ,Sembrador’ in Buenos Aires zugeteilt“, erzählt sie. Über ihre Motivation sagt sie: „Mir war es wichtig, dass nicht das Erlernen der Sprache, sondern von Anfang an das Projekt und was ich dort tun kann, im Vordergrund steht.“ Schließlich hatte Hannah die Sprache bereits in der Schule erlernt.

Zu tun gibt es einiges. Jeden Samstag etwa kommen rund 30 Kinder morgens in den „Sembrador“. Dann wird zusammen gesungen, gemalt, gespielt und zum Abschluss essen alle zu Mittag. „Bis vor kurzem haben wir noch nicht für die Kinder gekocht. Die Idee entstand, weil es für uns ein schreckliches Gefühl war, die Kinder nach dem Spielen hungrig nach Hause schicken zu müssen, wo es nur selten etwas Warmes zu essen gibt.“ Die Situationen in den Familien ähneln sich alle: Die Eltern sind meist ohne legale Arbeit, die Mütter häufig mit ihren Kindern überfordert, die Väter abgehauen.

Die Schicksale der Kinder setzten Hannah vor allem am Anfang zu. „Ich kam an manchen Abenden heim und konnte einfach nur weinen, weil die Kinder so gut wie keine Chance im Leben haben. Ich hoffe, sie machen es besser als ihre Eltern. Das wäre schon was.“

Sie selbst sieht ihre eigenen Möglichkeiten begrenzt: „Ich kann nicht mehr tun, als ihnen jetzt so viel wie möglich beizubringen.“ Damit meint sie nicht nur das Wissen für die Schule, in die die Kinder entweder morgens oder am Mittag je vier Stunden gehen. Höflichkeit, Freundlichkeit, Religion, der Respekt vor Tieren sind Dinge, die in der Erziehung durch die Eltern zu kurz kommen. Die Kinder treten ganz selbstverständlich nach Hunden, Katzen, Kröten und sich gegenseitig.

Mit dieser überschüssigen Energie weiß Hannah besseres anzufangen. Bei einer Partie „Feuer, Wasser, Sturm“ toben und quietschen die Kinder vor Freude, sausen herum. Wenn Hannah „Wasser!“ ruft und alle lachend auf Tische und Bänke springen, um sich vor der „Überflutung“ zu retten, kann jeder sehen, wie spielend man Kindern eine Freude bereiten kann.


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Autor: HELENA RÖSSLE | 03.08.2010

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