Es geht auch ohne Facebook: Drei Tage Abstinenz

Ein Leben ohne Soziale Netzwerke? Für unseren Autoren Moritz Clauß war das zunächst schwer vorstellbar. Dennoch hat er sich auf das Experiment eingelassen und hat sich drei Tage lang in Abstinenz geübt. Mit überraschendem Ergebnis.

Mittwoch, 26. Mai 2010, halb zehn in Deutschland. Ich wache auf, spüre meinen knurrenden Magen. Ich stehe auf und setze mich an meinen Computer. Nachdem ich meinen Browser gestartet habe, öffne ich verschiedene Webseiten und stocke dann kurz. Ich habe tatsächlich aus reiner Gewohnheit Team-Ulm und Facebook aufgerufen – na das geht ja gut los. Schließlich soll ich drei Tage abstinent bleiben, keine sozialen Netzwerke: ein Experiment. Ich schließe die Seiten wieder und beginne stattdessen mit dem Lesen meiner RSS-Feeds.

Ein paar Stunden später klicke ich zum wohl fünfzigsten Mal an diesem Tag auf die Facebook-Verlinkung in meiner Lesezeichenleiste, nur um danach verdutzt inne zu halten und das Browserfenster wieder zu schließen. Interessanterweise kann ich bei jedem dieser Klicks feststellen, dass ich ihn gar nicht bewusst, sondern eher aus Gewohnheit ausführe. Um diesem Drang zu entrinnen spiele ich drei Stunden lang Computer und lege mich Nachmittags eine Weile aufs Ohr. Abends fahre ich nach Ulm zu unserer Abi-Party – kein PC weit und breit, der Druck lässt von mir ab und ich kann aufatmen.

Am nächsten Morgen, Donnerstag, setze ich mich wieder an den Rechner. Und ich habe Glück: Einer meiner Freunde ist in ICQ online und er erzählt mir das Neueste aus den Netzwerken. Leider kann er mir nicht sagen, wie viele neue Nachrichten ich erhalten habe und ob jemand mein Freund werden will. Aber ich bleibe tapfer und halte mich von Team-Ulm und Facebook fern. Wenig später kriege ich eine E-Mail von einem anderen Freund: Ich soll ein paar Leute in unsere Gruppe einladen, weil ich dort Administrator bin. Er hat recht, unsere Gruppe braucht mindestens 500.000 Mitglieder – trotzdem verschiebe ich die Prozedur auf Samstag. Das tut weh.

Um nicht weiter in Versuchung zu geraten, lösche ich Team-Ulm und Facebook aus meiner Lesezeichenleiste, doch auch das verhindert nicht die Unruhe, die mich den ganzen Abend über begleitet. Als ich zu guter Letzt noch erfahre, dass die neuen Privatsphäreeinstellungen von Facebook heute online gegangen sind, schließe ich mit dem Tag ab und gehe deprimiert ins Bett.

Freitag. Der letzte Tag dieses grauenvollen Experiments bricht an. Ich räume seit Monaten zum ersten Mal wieder mein Zimmer auf, doch die Ablenkung hilft nicht viel. Danach sitze ich einfach nur vor meinem Computer und starre auf den Monitor. Ich frage mich, was die Leute „da drüben“ gerade wohl machen. Vermutlich spielen sie Farmville und laden mich zu vielen verschiedenen Veranstaltungen ein. Und vielleicht hat auch jemand wieder so ein Quiz über mich ausgefüllt, das mir dann sagt, wie sehr mich alle Menschen mögen oder hassen. Aber ich sitze hier vor meinem Bildschirm und bekomme nichts von diesem Trubel mit, lebe vollkommen ausgeschlossen und alleine in meiner eigenen Welt. Das macht mich fertig.

In der Nacht sitze ich immer noch in der selben Haltung da. Nur einmal bin ich unterbrochen worden, durch den Anruf eines Freundes, der mich online nirgends hatte erreichen können. Jetzt ist es 23.55 Uhr, in fünf Minuten darf ich zurück nach Hause. Mein Magen knurrt, ich habe den ganzen Tag nichts gegessen. Angestrengt überlege ich, wo ich mich um Mitternacht zuerst einloggen soll – Team-Ulm oder Facebook? Ich entscheide mich für Facebook, weil ich unbedingt irgendwo auf „Gefällt mir“ klicken möchte. Noch fünf Sekunden. Vier, drei, zwei, eins. Ich melde mich an. Drei neue Nachrichten, zwei Veranstaltungseinladungen. Nichts Welt bewegendes. Auf Team-Ulm sieht die Sache ähnlich aus: zwei neue PMs, beide sind nicht mehr aktuell. Enttäuscht schließe ich das Fenster und schalte den Computer aus. Vor dem Einschlafen überleg ich, ob es noch unwichtigere Dinge als Soziale Netzwerke gibt. Und ich muss gestehen: viel ist mir nicht eingefallen.

Fazit: Facebook und Co. sind nicht die Welt. Klar sind sie ganz praktisch, um mit anderen in Kontakt zu treten oder um sich kurz die Fotos von einer vergangenen Veranstaltung anzuschauen. Für mehr benutze ich sie aber nicht, trotz meiner überdurchschnittlichen Zeit, die ich täglich am Computer verbringe. Vermutlich liegt das auch daran, dass das Internet für mich aus mehr besteht, als ein paar Profilseiten und YouTube. Und dieses Mehr ist für mich viel interessanter, als eingezäunte Profile und löchrige Datenschutzbestimmungen. moritz clauß (18)


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Autor: MORITZ CLAUSS (18) | 01.06.2010

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