DER LITERARISCHE SONNTAG
Der Tag an dem sich mein Leben verändern sollte oder was wäre, wenn?
Kurzgeschichten, Gedichte, Essays - das alles findet Ihr am "literarischen Sonntag". Wer auch etwas beitragen möchte, kann eine E-mail an uns schicken: acht9@swp.de
Der Tag an dem sich mein Leben verändern sollte, beginnt wie jeder andere auch, mit dem aufstehen.
Genauso normal setzt er sich auch fort: Duschen, Zähneputzen und Anziehen. Dann geht's zum frühstücken, wo ich, wie immer, nichts herunterbekomme.
Der Alltagstrott setzt sich weiter fort, indem ich mich auf den Weg zum Bahnhof mache, um in die Schule zu fahren. Stöpsel in den Ohren, meine Lieblingsmusik auf voller Lautstärke, abgeschottet von der Außenwelt.
Der Zug ist mal wieder gerammelt voll mit Schülern, und ich mache mich auf die Suche nach einem freien Platz. Im hintersten Teil finde ich dann auch einen, fernab von Leuten die meinen, im Zug genüsslich ihr übel riechendes Leberwurstbrot essen zu müssen. Morgens um sieben kann ich sowas noch weniger ausstehen als sonst.
Ich bin müde und unmotiviert, denn heute ist erst Montag und ich habe noch eine volle Woche Schule vor mir, und die Hälfte meiner Hausaufgaben noch nicht gemacht. Doch ich werde mich schon durchschlagen, wie durch jede Woche.
Raus aus dem Zug und hinein in den Bus, mal wieder viel zu viele Leute unterwegs. In den Bus, den ich eigentlich nehmen wollte, passe ich nicht mehr rein. Egal, dann komm ich halt zu spät.
Ich zünde mir eine Zigarette an, die erste dieses Tages. In den nächsten Bus passe ich dann auch hinein. Er bringt mich direkt zu meiner Schule. Als ich dann im Klassenzimmer bin, wird mir bewusst, dass nun kein Weg mehr zurück führt. Aufgepasst! Hier lernst du etwas fürs Leben! Doch die Hälfte der Sachen, die uns beigebracht werden, interessieren mich sowieso nicht. Doch es führt kein Weg daran vorbei, denn will ich im Leben mal etwas erreichen, dann brauche ich auch dementsprechende Zeugnisse. Also strenge ich mich an, so aufmerksam wie möglich zu sein.
Endlich, die Mittagspause! Unsere Mittagspause ist so ziemlich der ungesündeste Teil des Tag. Eine fettige Pizza vom Bäcker, zur Hälfte noch kalt, und ein, zwei Zigaretten. Manchmal noch einen Kaffee, wenn die Zeit noch reicht. In den beiden darauf folgenden Stunden fällt es mir dann schon schwerer mich zu konzentrieren. Immer wieder schweife ich in Gedanken ab, hin zum Nachmittag nach der Schule. Freizeit, das kostbarste Gut des Menschen. Ich will noch so viel machen, ich weiß aber schon jetzt, dass daraus wahrscheinlich wieder nichts werden wird, denn wenn ich nach Hause komme, werde ich mich erst einmal mit einem Buch in einen Sessel fläzen und daraus nicht mehr so schnell aufstehen, es sei denn zum Abendessen.
Als dann nun doch das schon sehnsüchtig erwartete Klingen ertönt, dass das Ende der Stunde signalisiert, kann es allen nicht schnell genug gehen nach draußen zu kommen. Man wird das wohl verstehen, denn es ist ein herrlicher Tag. Die Sonne scheint vom strahlend blauen Himmel, es ist weder zu warm noch zu kalt, genau richtig.
Ich muss mich beeilen um meinen Zug noch zu bekommen, und laufe schnellen Schrittes zu Bushaltestelle. Kurz bevor ich sie erreiche, merke ich, dass ich meine Mathe Sachen im Klassenzimmer habe liegen lassen. Eigentlich nicht so schlimm, würden wir morgen nicht eine Klausur zum Thema Funktionen schreiben, und besonders schlimm deshalb, da ich das alles nicht besonders kann. Das Licht, das anderen bei diesem Thema schon aufgegangen ist, scheint mir noch eine Weile verborgen zu bleiben. Ich verabschiede mich von meinen Klassenkameraden, fluche laut und gehe zurück ins Klassenzimmer, meinen Krempel zusammen suchen. Ich fluche weiter leise vor mich hin, denn den Zug habe ich nun definitiv verpasst, was eine weitere Stunde warten bedeutet. Heißt eine Stunde Langeweile, dass es kracht.
Nachdem ich mein Krempel wieder habe und endlich doch am Bahnhof angekommen bin, zehn Minuten nachdem mein Zug abgefahren ist, setze ich mich auf die unmenschlich ungemütlichen Drahtstühle. Die sind, glaube ich, nur gebaut worden um es den Wartenden so ungemütlich wie möglich zu machen, dass sie sich doch zu McDonalds oder Burger King reinsetzten, um dort doch noch auf den Geschmack zu kommen. Ja, diese Drahtstühle sind Handlanger des Kapitalismus. Ich bin schlimmeres gewohnt und setze mich. Stöpsel in den Ohren abgeschottet von der Außenwelt. Doch plötzlich passiert etwas, dass meine Aufmerksamkeit verlangt: Es setzt sich jemand neben mich.
Nicht bloß irgendjemand, nein, Sie setzt sich neben mich. Blondes, lockiges Haar, wunderhübsches Gesicht und ein Körper, der mich alles vergessen lässt. Ungefähr in meinem Alter ist sie und schwer bepackt. Riechen tut sie! Ohne zu übertreiben, sie ist die Frau, oder besser das Mädchen, meiner Träume.
Ich merke, wie mein Herz heftig zu klopfen anfängt. So laut, dass man es locker in der ganzen Bahnhofshalle hören kann. Ich versuche, mir nichts anmerken zu lassen, und schaue immer wieder verstohlen zu meiner Nebensitzerin hinüber. Einmal merkt sie es und lächelt mich an. Mein Herz macht einen Hüpfer. Meine Gedanken rasen. Ich würde gerne mit ihr reden, so sehr, dass es mich beinahe Anstrengung kostet sie nicht einfach irgendwas zu fragen. Doch ich bin so schüchtern wie noch einmal was und bekomme keinen Ton heraus.
Irgendwann, nach viel zu kurzer Zeit, steht sie auf und geht auf irgendein Gleis. Ich bleibe zurück und fühl mich blöd. An ihrem Koffer sehe ich noch ein Band, wie man es bei Flügen bekommt wenn man sein Gepäck aufgibt. Den ganzen Weg nach Hause frage ich mich, wer sie wohl war und wo sie wohl herkommt. Mit Mathe lernen ist heute auch nicht mehr so viel los. Ständig schwirrt mir die eine Frage durch den Kopf: Was wäre wenn? Was wäre, wenn ich sie angesprochen hätte? Und so weiter und so weiter. Abends im Bett denke ich immer noch: Was wäre wenn?
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Autor: SAMUEL BRACHMANN | 16.05.2010
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