Die erste Studentengeneration: Ulmer Kinderarzt erinnert sich

Christoph Kupferschmid gehörte zum ersten Mediziner-Jahrgang der Uni. Der Ulmer Kinderarzt erinnert sich an die Aufbruchstimmung, die Ende 1969 im provisorischen Hörsaal in der Parkstraße herrschte.

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    Brav gescheitelt, in Anzug und Krawatte oder im Kostüm. Die erste Studentengeneration hat im Hörsaal Platz genommen. Foto: 
  • Kinderarzt Christoph Kupferschmid erinnert sich an den Anfang seines Medizin-Studiums. 2/3
    Kinderarzt Christoph Kupferschmid erinnert sich an den Anfang seines Medizin-Studiums. Foto: 
  • Fünf Semester lang studierte Christoph Kupferschmid an der Uni Ulm, nach dem Physikum wechselte er nach Marburg. 3/3
    Fünf Semester lang studierte Christoph Kupferschmid an der Uni Ulm, nach dem Physikum wechselte er nach Marburg. Foto: 
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Montag, 3. November 1969. Christoph Kupferschmid erinnert sich noch gut an den Tag – und an die Nacht davor. Eine Nacht ohne Schlaf, die Nacht vor dem ersten Semester. Ganz bewusst hatte sich der damals 19-Jährige für Ulm entschieden. Nach Freiburg oder Tübingen? Ach was, da gingen alle hin, um Medizin zu studieren. Genau da wollte er nicht hin. „Mich hat der Reiz des Neuen angezogen. Ulm war neu, das hat mich interessiert.“ Und so fuhr der gebürtige Tuttlinger, der ein privates Zimmer am Eselsberg bezogen hatte, aufgeregt, wie er an diesem Morgen war, mit dem Rad in die Parkstraße. Semestereröffnung.

8.15 Uhr. Eigentlich war es mehr als eine bloße Semestereröffnung. Es war eine historische Stunde. Eigentlich. Uneigentlich wohnte diesem Anfang nur wenig Zauber inne. Diese erste Vorlesung fand in „schlichtem Rahmen und betont sachlicher Atmosphäre“ statt, wie in der Schwäbischen Donau-Zeitung am nächsten Tag zu lesen war. Der Raum hatte wenig mit einem klassischen Hörsaal gemein. Verständlicherweise, die Parkstraße war lediglich ein Provisorium, der Grundstein für den Uni-Neubau auf dem Oberen Eselsberg war ja erst ein halbes Jahr zuvor gelegt worden. Kupferschmid hatte in der hintersten Reihe Platz genommen, „ich saß immer hinten rechts“. Wer aber meint, hinten hätte man sich verstecken können, der irrt. „Wir waren ja bloß 50. Spätestens nach einer Woche kannte jeder jeden.“

Und die Atmosphäre? Einzigartig, sagt Kupferschmid, der fünf Semster lang, also bis zum Physikum, an der Uni Ulm bleiben sollte. „Es war richtig spannend. Der Aufbruch war zu spüren, die Idee der Reformuniversität, Medizin und Naturwissenschaften zusammenzubringen“, so der heute 67-Jährige. Der Kontakt zu den Professoren – unter ihnen Emil Tonutti, Thure von Uexküll, Hanns-Georg Kilian und der spätere Uni-Rektor Theodor Fliedner – war eng und persönlich. Und sie hatten „richtig Lust auf Lehre“. Kein Wunder, die Profs befanden sich seit zweieinhalb Jahren in der Warteschleife, arbeiteten an der Studienordnung, beriefen Kollegen, kümmerten sich um Laborausstattungen. Beispielsweise um Mikroskope. 50 davon standen am 3. November 1969 vor den Medizinstudenten.

Was und wie ist das, Arzt zu sein? Warum wollt ihr den Beruf ausüben? Mit Fragen dieser Art haben sich die Erstsemester vom ersten Tag an auseinandergesetzt. Bereits im zweiten Semester ging’s in die Praxis – und das im buchstäblichen Sinn. Zu dritt begleitete der Mediziner-Nachwuchs einen Allgemeinarzt bei Hausbesuchen. Frühzeitig mit Patienten in Kontakt zu kommen, lautete das Ziel. Christoph Kupferschmid sollte das prägen, er probierte sich in der Kinderklinik aus – und wurde später Kinderarzt mit eigener Praxis in Ulm.

Was sonst noch so lief? Kupferschmid engagierte sich von Anfang an im Asta, dem Allgemeinen Studentenausschuss. Zwei Jahre lang stand er dem Gremium vor. „Im Grünen Hof hatten wir eine Besenkammer als Büro“, erinnert er sich. Rektor Helmut Baitsch habe die Studentenvertretung aber ernst genommen, „wir hatten eine offene Tür bei ihm“. Wie überhaupt das Interesse der Professoren an „ihren“ Studenten groß war. Wie geht es den Studenten? Was brauchen sie? Wie wär’s denn mit einer studentischen Sexualberatung? „Und dann saßen wir mit dem Horst zusammen (gemeint ist Horst Kächele, damals Assistent, später Professor für Psychosomatik an der Uni Ulm) und diskutierten. Da kam nichts dabei heraus, aber wir haben das diskutiert“, sagt Kupferschmid, dessen Haare im Laufe der fünf Semester lang und länger wurden. Und einen Bart sollte es dazu auch noch geben.

Das studentische Leben außerhalb des Hörsaals ist schnell erzählt. Ulm bot nicht viel, „man musste wirklich suchen“. Klar, es gab den Sauschdall, die Lichtburg, die Tangente. Das war’s aber auch schon. Und Niko, den alten griechischen Kommunisten mit dem Holzbein. Nicht zu vergessen: die vh. „Inge Aicher-Scholl war so etwas wie die Ersatzmutter für viele Studenten.“

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