Vielklang-Festival: Missa, gantz Teudsch

Schwäbisches Tagblatt
.Eine spannende Idee, im Lutherjahr 2017 die erste Reformationsfeier von 1617 zu reflektieren: Zumal der Dresdner Kurfürst Johann Georg fühlte sich als Schutzherr der Reformation (ironischerweise konvertierte der Dresdner Hof 80 Jahre später unter August dem Starken zum Katholizismus). Zum Reformationsjubiläum führten die beiden Dresdner Hofkomponisten 1617 großbesetzte Festmusiken auf: Michael Praetorius, eine der deutschen Schlüsselfiguren im Übergang zum Barock, und Heinrich Schütz, soeben aus Venedig zurückgekehrt.
Am Markusdom hatte er die neuesten Innovationen gelernt: mehrchöriges Musizieren, im Raum verteilte Ensembles mit Stereo- und Echo-Effekten, sowie die Generalbass-Kompositionstechnik. Musik vom Vorabend des Dreißigjährigen Kriegs. Wilfried Rombachs Ensemble officium – am Donnerstag in zehnstimmiger Solistenbesetzung – entrückte die 200 Zuhörer in St. Johannes mit opulent sinnlicher Klangpracht und dem majestätischen Gestus einer Monteverdi‘schen Marienvesper. Ein farbgleißendes Instrumentalensemble mit Barockviolinen, Zink (Anna Schall), dem Fagott-Vorfahr Dulzian (Krzysztof Lewandowski), Barockposaunen und Generalbass-Gruppe (Truhenorgel: Peter Kranefoed), schnittig konturiert von den Saitenschlägen des Chitarrone (Lee Santana).
Praetorius‘ „Missa gantz Teudsch“ ist schon dem Titel nach ganz reformatorisch; in der Tradition lutherischer Kurzmessen sind nur Kyrie und Gloria vertont. Vierchörig aufgefächerte Musik, die den Hörer überwältigt. Das Gloria stieg ekstatisch jubilierend auf unter dem Schub der Posaunen; die beiden Soprane (Angelika Lenter und Dorothea Jakob) in ekstatischem Koloraturen-Echo.
Die absolut gerade, vibratolose Tonführung der Gesangs- und Instrumentalstimmen machte Schütz‘ „Herr, unser Herrscher“ und „Nun lob mein Seel“ zu überschwänglich virtuosen Vokal-Concerti. Während im Barock die Naturgesetze und das Weltall erforscht wurden, entdeckten die Künste die gestalterische Durchdringung des Raums. In Schütz‘ „Jauchzet dem Herren“ antwortete ein Fernchor aus der Taufkapelle, in „Ich hebe meine Augen auf“ wechselten ein solistischer Favoritchor und ein Tutti-Kapellchor; mitreißend die hohen Männerstimmen (Altus Tobias Knaus und Haute-Contre-Tenor Tiago Pinheiro de Oliveira).
Kleinformatiger, aber auch innerlicher wirkten die Choralkonzerte von Praetorius: „Wir glauben all“ mit konzertierenden Soli über dem dunklen Grund von Dulzian und Posaunen, oder „Christe, du Lamm Gottes“, flehentlich verflochten, nur von der Truhenorgel begleitet. Schütz‘ 150. Psalm überhöhte am Ende noch einmal alles: 16 Stimmen in vier Chören, davon zwei Instrumentalchöre, mit großem Jubel und hellauf einstimmender Blockflöte. Ein geradezu heiliges Fortissimo mit obertonfunkelnder Klangkrone. Achim Stricker