Über Raum und Zeit bei 35 Grad
: Eile kommt vom Teufel, Langsamkeit von Gott

Wenn dieser Tage die Temperatur wieder über 30 Grad steigt, wird es Zeit, dieses „Übrigens“ zu schreiben, dessen Worte mir schon die ganze Zeit im Kopf herum gehen, seit neulich die Hitze durch alle Fensterritzen kroch und das Büro derart aufheizte, dass ich nur noch daran denken konnte, wie schön es wäre, jetzt den Kopf auf den Schreibtisch zu legen und wegzudösen.
Von
Angelika Bachmann
Tübingen

Schwäbisches Tagblatt

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Pling, machte der E-Mail-Eingang. Schon wieder. Das Telefon klingelte. Ein Kollege kam rein und wollte was fragen. Und ich hatte um 17 Uhr den nächsten Termin. Und da war noch dieser Text, der fertig zu schreiben war. Nicht einfach, das Thema.

Alles hat seine Zeit, steht in einem antiken Klassiker im Buch Kohelet. Man kann diese Worte auch so lesen: Alles braucht seine Zeit. Eine Lebensweisheit, die nicht nur das Christentum kennt und deren tieferer Sinn sich mir offenbarte, als ich vor vielen Jahren versuchte, mit der durchschnittlichen Schlagzahl einer mitteleuropäischen Touristin Marokko zu bereisen. Nach drei Tagen ergab ich mich der Mittagshitze. Den restlichen Tag beherzigte ich das Sprichwort, das irgendwo in meinem Reiseführer stand: „Eile kommt vom Teufel, Langsamkeit von Gott.“

Nun glaube ich nicht an Gott, geschweige denn an den Teufel. Doch meine christlich-pietistische Erziehung steckt mir bis heute in den Knochen. Allerdings: Die Pietisten haben’s ja auch nicht so mit der Siesta und der Geruhsamkeit. Aber selbst meine strenggläubige Oma, der, früh verwitwet und mit drei kleinen Kindern, Müßiggang eher fremd war, hatte ein intuitives Verhältnis zum Thema Arbeitsrhythmus und Ruhezeiten, auch wenn es in den 50er Jahren noch keine Work-Life-Balance-Seminare gab. Dafür gab es, wenn die Kuh im Stall versorgt war, den Sonntag und den Feierabend. Und schwäbische Ausdrücke, die allein durch ihren Klang den Pulsschlag verlangsamen. No net hudla – das „o“ und das „u“ werden dabei so raumgreifend gedehnt, dass während des Sprechens ein Hefeteig aufgehen kann. No gstäht!

„Wie langatmig!“ sagte am Wochenende eine Freundin, die sah, welches Buch ich gerade lese. „Wie langweilig!“ Ich indes hatte das Gefühl, die Zeit anhalten zu wollen. Ich wollte am liebsten in die Seiten kriechen und mich an den hellen Tagen mit Evi und ihren Freundinnen unter den Birnbaum in deren Garten setzen, während die Hitze über den Feldern liegt. Ich wollte nicht, dass das Buch zu Ende geht. „Dann musst du es langsam lesen!“, riet mir ein Freund.

17 unbearbeitete Mails, zeigt mir mein E-Mail-Programm an. Das Telefon klingelt. Schon wieder. Jetzt muss ich wirklich mal rangehen.