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Die Angst vor dem Killer geht um

Frankreich steht unter Schock: Kaltblütig geht ein Killer in eine jüdische Schule und erschießt aus nächster Nähe vier Menschen. Wieder ein Anschlag mitten im französischen Wahlkampf.

Autor: PETER HEUSCH |
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Kaltblütig, entschlossen, mitleidslos - so beschreibt eine Augenzeugin den Killer, der gestern im südfranzösischen Toulouse vier Menschen vor und in einer jüdischen Schule von Toulouse ermordet hat. Es ist kurz vor Unterrichtsbeginn um acht Uhr morgens, als der einen Integralhelm tragende Unbekannte seinen schwarzen Motorroller vor dem Eingang der in einer ruhigen Wohngegend liegenden privat getragenen Lehranstalt Ozar Hatorah stoppt und das Feuer eröffnet.

"Ich habe zuerst an Böller-Schüsse gedacht. Dann habe ich den Täter gesehen, wie er etwa drei Meter vom Eingangstor entfernt um sich schoss", berichtete ein Augenzeuge über die Bluttat, die Frankreich in Atem hält.

Einen Religionslehrer und seine beiden Söhne, drei und sechs Jahre alt, erschießt der Mörder, noch während er auf dem Sattel sitzt. Dann steigt er ab, folgt den vor ihm flüchtenden Menschen in den Schuleingang, wo er ein 10-jähriges Mädchen tötet und acht weitere Personen zum Teil schwer verletzt. Erst als die Magazine seiner beiden Handfeuerwaffen leer sind, steigt der Täter wieder auf sein Zweirad und entkommt unbehelligt.

Als "nationale Tragödie" bezeichnet Frankreichs Staatspräsident die das ganze Land erschütternde Schreckenstat. Noch am Vormittag ist Nicolas Sarkozy in Begleitung von Innenminister Claude Guéant und Erziehungsminister Luc Chatel nach Toulouse geeilt. "Die gesamte Republik ist betroffen von diesem entsetzlichen Drama", erklärt Sarkozy vor Ort und ordnete für heute eine Schweigeminute in sämtlichen Schulen des Landes an.

Auch der sozialistische Präsidentschaftskandidat François Holland besuchte die Schule Ozar Hatorah, um den Angehörigen der Opfer Beileid zu bekunden. Zuvor ließ er ankündigen, dass er den Wahlkampf vorübergehend aussetze, damit der Opfer des blutigen Anschlags in Würde gedacht werden könne.

Die französische Regierung ordnete nach der Tat eine verschärfte Überwachung aller jüdischer Schulen im Land an. Die jüdische Gemeinde zählt in Frankreich mindestens 530 000 Mitglieder und ist damit die größte jüdische Gemeinde Westeuropas. In der Großstadt Toulouse leben 20 000 bis 25 000 Juden. Vor dem Zweiten Weltkrieg wurde die Zahl der Juden in Frankreich auf etwa 300 000 geschätzt. Während des Krieges deportierten die Nazis mit Hilfe des französischen Vichy-Regimes etwa 76 000 von ihnen. Nach 1945 kamen dann wieder verstärkt jüdische Zuwanderer.

Die Regierung hat die für terroristische Anschläge zuständige Staatsanwaltschaft von Paris mit den Ermittlungen betraut. Ermittlungen, die noch zwei weitere in der Region begangene Bluttaten einbeziehen. Denn in Toulouse ist bereits am 11. März ein Fallschirmjäger von einem Unbekannten auf offener Straße erschossen worden, der mit einem schwarzen Motorroller unterwegs war. Drei Tage später fielen im Zentrum des 50 Kilometer entfernten Montauban zwei weitere vor einem Bäcker wartende Fallschirmjäger einem Attentäter zum Opfer, der ebenfalls nach der Tat auf einem Motorroller die Flucht ergriff.

Dass ein Zusammenhang zwischen den drei Mordanschlägen besteht, konnten die Ballistiker inzwischen zweifelsfrei nachweisen. Alle Schüsse stammen demnach aus derselben Waffe vom Kaliber 11,4. Die gefundenen Patronenhülsen weisen die benutzte Waffe als einen Colt aus, wie ihn die US-Armee im Zweiten Weltkrieg benutzte. Der Waffentyp galt in den 1980er Jahren als verbreitete Waffe im Untergrund-Milieu der Region.

Nicht unbedingt ein antisemitischer, wohl aber ein rassistischer Hintergrund könnte laut Vermutungen aus Ermittlerkreisen den drei Fällen zugrunde liegen. Auffällig ist jedenfalls, dass die drei getöteten Soldaten nordafrikanischer Abstammung waren und ein vierter Fallschirmjäger, der in Montauban schwer verletzt wurde, ein Franzose schwarzer Hautfarbe von der Karibikinsel Guadeloupe ist.

Die Toulouser Staatsanwaltschaft hatte bisher hinter dem Täter eher einen Geistesgestörten vermutet, der einen privaten Rachezug gegen Soldaten führt und die Armee wies die Mitglieder der Streitkräfte in Frankreich an, nur noch in Zivil die Kasernen zu verlassen.

Noch gestern Morgen, bevor die Schreckensnachricht von dem Überfall auf die jüdische Schule bekannt wurde, äußerte sich Verteidigungsminister Gerard Longuet ähnlich. Völlig ausschließen mochte Longuet einen politischen oder terroristischen Hintergrund jedoch nicht, da alle ermordeten Fallschirmjäger einem Regiment angehören, welches mehrfach in Afghanistan im Einsatz war.

Pierre Cohen, der Bürgermeister von Toulouse, wusste gestern nicht, "welches Gefühl bei mir überwiegt: der Horror oder die Trauer". Und er sprach angesichts der "unglaublichen Kaltblütigkeit dieses Mörders" die Angst seiner Mitbürger vor weiteren Bluttaten aus. "Solche Anschläge in einer Schule hat es bisher noch nicht gegeben in Frankreich", meinte Cohen: "Wenn der Killer nicht bald gefasst wird, drohen weitere Dramen. Für mich ist das ein Serienmörder!"

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20.03.2012 07:01 Uhr

Der verheerende Wahn der Gewalt.

Eine unvorstellbare Unmenschlichkeit begleitet dieses unseelige Spiel mit Gewalt, bei dem unschuldige Opfer dafür bezahlen müssen, was dieses entgleiste Spiel mit Zerstörungen immer wieder in diese Welt bringt.
Der Mut und die Geduld, sich mit anderen zusammen- und außeinander zu setzen, ziert die Helden, die wir jetzt dringender denn je brauchen.
Dieses infantile Spiel mit spektakulären Wirkungen heimtückischer Gewalt zeigt die blamabelsten Formen unmenschlicher Selbstherrlichkeit.

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