LEITARTIKEL · SYNAGOGENBAU: Offenheit ist das Gebot

Einstimmig! Der Entwurf für das neue jüdische Gemeindezentrum stößt in Rat und Verwaltung auf helle Begeisterung. Die Kölner Architektin Susanne Gross hat ihre preisgekrönte Arbeit aus einem Wettbewerb bestechend weiterentwickelt.

Der für jedermann sichtbare, daher für die breite Öffentlichkeit maßgebliche Progress besteht darin, dass die dem Weinhof zugewandte Südfassade der Synagoge aufgebrochen wird. Anders als im Wettbewerbsentwurf stößt jetzt keine geschlossene Front mehr Betrachter vor den Kopf. Vielmehr wird diese künftige, dem Weinhof im Norden Halt und Gestalt verleihende Platzwand außer durch den Zugang nun durch zwei großzügige Fenster geöffnet. Dieses klug eingesetzte gestalterische Element nimmt Kritikern die Wucht, die den strengen Kubismus bislang als "Klotz" herabwürdigten und sich störten an den weitgehend undurchlässigen Fassaden.

Die auf manche Betrachter wie gepanzert wirkende Architektursprache der Synagoge war geschuldet dem hohen Sicherheitsbedürfnis, dem sich Bauwerke und Denkmale jüdischen Lebens in Deutschland auch anno 2011 zu unterwerfen haben. Dem Glas der geplanten Fenster kommt daher hohe Symbolik zu: Es signalisiert jenes Maß an Transparenz und Offenheit, das dem jüdischen Zentrum im Rahmen des religiös Zulässigen und sicherheitsrelevant Möglichen abzuverlangen ist.

Die Rückkehr jüdischen Lebens nach Ulm beschränkt sich fortan also nicht mehr auf die Wieder-Existenz einer Gemeinde. Jüdische Kultur manifestiert sich - an fast authentischem Ort, nur ein paar Meter von dort, wo sie am 9. November 1938 durch den Synagogenbrand ausgelöscht wurde - bald wieder im Städtebau. Dass die Architektur dabei weiter geht als es die jüdische Gemeinde selber ist, gehört zu den Konsequenzen der Geschichte. Es ist ja so, dass die heutigen Ulmer Juden, die vorwiegend in den vergangenen 15 Jahren als Spätaussiedler aus dem Osten hierher kamen, mit jener durch die Nazis von 1933 an ausgelöschten jüdischen Ulmer Gemeinde nichts mehr gemein haben. Bei allen Bemühungen des tapfer in der Öffentlichkeit agierenden Rabbis Shneur Trebnik: Es dürfte zwei Generationen dauern, ehe das Judentum wieder jenen Stellenwert in der Stadtgesellschaft erreichen und selbstverständlicher Teil von ihr sein wird, das es bis zur Herrschaft der Nazis gewesen war.

Zu Öffnung und Offenheit gibt es für die Ulmer keine Alternative. Die neue Synagoge erfüllt nur dann ganz ihren Zweck, wenn sie über die Religions-, Lehr-, Lern-, Gemeindestätte und die Symbolik des Mahnmals hinaus Ort der Begegnung von Kulturen und Religionen wird. Auch Ulms jüdische Gemeinde kann sich keinen größeren Gefallen tun, als Bereitschaft zu Dialogen aller Art vorzuleben.

Nicht zu fassen, dass die Deutsch-Israelische Gesellschaft mitten in dieser lokalhistorischen Phase der Wiederbelebung jüdischer Kultur bisher nicht imstande ist, ihre ewige Grabenkriegerei zu beenden. Statt zu streiten, sollte der Verein sich endlich besinnen, welche Beiträge er auf diesem Weg der Integration leisten kann. So lange er das nicht tut, darf sich keiner seiner Protagonisten - egal von welcher Streitseite - wundern, wenn Hohn und Spott sie überziehen und hämisch behauptet wird, in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Ulm/Neu-Ulm sei niemand in der Lage, das Wort Palästinenser auch nur annähernd unfallfrei aussprechen zu können. HANS-ULI THIERER


Kommentare (2)

13.02.2011 17:39 Uhr |   Sanmangelof

Hohn und Spott- für wen?

Herr Thierer nützt einen Artikel über die Synagoge zu einer Tirade über die DIG. Aber jeder weiß, dass in Ulm der Förderverein -nahe an der israelitischen Gemeinde und in aller Würde- den Syangogenbau begleitet. Auch Herr Thierer erhielt zu allen Veranstaltungen Einladungen. Herr Thierer war- im Rahmen praktizierter Offenheit eingeladen, am Wahlabend in der DIG teilzunehmen- und dort konnte er auch Informationen über die DIG- Reisen des vergangenen Jahres und des kommenden Jahres bekommen. Deren Ziel ist gerade die Begegnung zwischen Deutschen, Israelis und Palästinensern. Im Archiv der SWP findet sich bestimmt ein Bericht über die Aktion von DIG- Mitgliedern mit Palästinensern in Ulm? Zum 1.Mai 2009 wurde- weltweit einmalig- ein gemeinsames Transparent erstellt. Als rechte Gruppen durch die Stadt zogen,standen Leute der DIG mit Leuten aus Palästina zusammen! Wir sind oft und lange bei Freunden und Bekannten in Palästina, helfen ihnen mit Visen etc,.Wem gehört da Hohn und Spott?
25.07.2011 17:51 Uhr |   BigPeng

Offenheit ist das Gebot - Soso

Seit Michel Friedman und seine nachweislich gehäßige Mischpoke in Politik und Medien ist mir dieses ganze Thema abgrundtief ZUWIDER. Zusätzlich verstärkt wird das alles durch die oft im "terminus animalus" Formulierungsstil gehaltenen Beiträge und Kommentare in der "einschlägigen" Presse wie die 'Allgemeine Jüdische Wochenzeitung' etc. 'Einhellige Freude' etc. gilt sicher nur für einen (einseitig informierten)Teil der Bevölkerung!

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