Der ganze Körper
Video-Kunst: Studierende aus Münster zeigen Arbeiten
Ulm.
Ein zögerlicher erster Schritt in den Schuhhaussaal. Darf man die weißen Styroporplatten betreten, mit denen der Ausstellungsraum zu einem großen Teil ausgelegt ist? Noch im Zögern wird man von der Videoarbeit „Men to meet“ von Hendrik Wolkings empfangen. Auf einem über zwei Meter hohen Sockel steht ein Bildschirm, auf dem in schneller Bildabfolge mehr oder weniger bekleidete Männer präsentiert werden. Die Fotos stammen aus dem Internet. Es ist erstaunlich, wie sich Menschen dort präsentieren – wo aber der ästhetische oder inhaltliche Reiz für ein solches Video liegt, wird nicht klar. Wie banal das Internet sein kann, ist längst Allgemeingut.
Nach dem ersten Zögern und dem Staunen über die banale Bildfolge richtet sich der Blick unweigerlich auf die größte Leinwand im Raum, auf Manuel Talaricos Video „Round about“. In einer Küche dreht sich ein Mann um die eigene Achse. Eine Kamera verfolgt sein Gesicht und die vorbeiziehende Raumausstattung. Das Gesicht ist geschminkt mit breiten, roten Lippen, mit den Insignien eines Clowns, dem allerdings das Lachen vergangen ist. Und der, wie eine Katze, die den eigenen Schwanz verfolgt, nur noch um sich selbst rotiert. Ein ironischer Seitenhieb auf das Thema der Ausstellung? Denn der Fokus aller Videos der Kunststudenten richtet sich auf den menschlichen Körper. Sie zeigen „lauter Innenschauen“, wie Daniel Buetti, der Kunstprofessor aus Münster, bei der Eröffnung sagte.
Am entschiedensten verfolgt Rosanna Sachs dieses Konzept, wenn sie mit der Kamera Nase, Mund und Auge eines Gesichts in Nahaufnahme zeigt und derart vergrößert, dass sich die Gesichtspartien verzerren oder deren Binnenformen sich verselbstständigen und ins Abstrakte übergehen. Hier werden die bildnerischen Möglichkeiten, die bis hin zum Malerischen gehen, sehr evident.
Mit den formalen bildnerischen Möglichkeiten des Videos arbeitet auch Kyoung Jae Cho in „Rinnstein“. Er projiziert ein Bild an die Wand, das in sechs verschieden große Sektionen aufgeteilt ist. In jeder läuft ein eigener Film ab. Das erinnert sowohl an Bilder von Piet Mondrian wie an Bildabfolgen in Comics. Kyoung Jae Cho thematisiert damit das Verhältnis vom Ganzen zu seinen Teilen und das Problem der Gleichzeitigkeit der Wahrnehmung von Bildern und deren sinnvollen Verknüpfung.
Etwas ratlos steht man vor den Arbeiten von Katja Kottmann und Gisa Pantel, wenn man eine junge Frau in Großaufnahme dabei beobachtet, wie sie sich mit einem gedrillten Papiertaschentuch so lange die Nase bearbeitet, bis sie niesen muss. Oder wenn eine junge Frau in verschiedenen Szenen spielt, die keinen Zusammenhang erkennen lassen. Der Versuch, das Sinnlose der Spaß-TV-Clips mit deren eigenen Mitteln zu schlagen, ist allenfalls ein flapsiger Streich.
Verstörend und intensiv auf den Betrachter wirkt René Hausteins Video mit einem onanierenden Mann. Dessen nackter Oberkörper ist mit weißer Spitze (Brautkleid) bedeckt, seine Geschlechtsteile sind mit den Oberschenkeln abgeklemmt und nicht sichtbar. Weniger Befriedigung als vielmehr Gewalt scheint sich hier einzustellen.
Zwölf Arbeiten sind im Schuhhaussaal zu sehen, die die Studenten nicht in Kojen streng abgetrennt haben, sondern als eine große Rauminstallation präsentieren. Verbunden werden sie mit den ausgelegten Styroporplatten, die keinen Rundgang vorgeben, aber die Werke formal verbinden und dem Betrachter mit dem weichen Grund eine eigene Körpererfahrung zukommen lassen. Man muss nicht mit allen Videos gleich viel anfangen können, trotzdem führt die Ausstellung beeindruckend deren Möglichkeiten vor, ohne den Besucher (zeitlich) zu überfordern.
Info
Die Ausstellung läuft im Kunstverein Ulm (Kramgasse) bis zum 3. Januar; Di-Fr 14-18, Sa/So 11-17 Uhr.
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Autor: Otfried Käppeler | 10.11.2009
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