Stuttgart 21: Ein Jahr im Verzug
Stuttgart. Die Bahn hinkt ihrem Zeitplan für Stuttgart 21 deutlich hinterher. Sie will zwar versuchen, dies aufzuholen. Aber allein die Klärung juristischer Fragen dauert Zeit. So etwa, ob Bäume gefällt werden dürfen.
Stop and Go. So bezeichnet man das mühsame Fortkommen in einem Stau, aber es beschreibt auch ganz trefflich die Arbeiten für das Milliardenprojekt Stuttgart 21. Seit dem Spatenstich am 2. Februar 2010 musste die Bahn immer wieder Pausen einlegen - aufgrund von Schlichtung und Stresstest etwa. Oder selbstverschuldet wegen schlampiger Planung. Nun hinkt sie dem Zeitplan ein Jahr hinterher, sagte Bahntechnik-Vorstand Volker Kefer jüngst am Rande einer Diskussion mit Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne).
Zwar will das Unternehmen versuchen, den Verzug aufzuholen, teilt eine Sprecherin des Kommunikationsbüros für Stuttgart 21 auf Anfrage der SÜDWEST PRESSE mit. Aber wenn die Züge im Dezember 2019 wie geplant fahren sollen, müsste ab jetzt alles nach Plan umgesetzt werden. Und so sieht der Stand der Dinge derzeit aus:
Seit 16. Dezember ruhen die Arbeiten für das Grundwassermanagement. Anlass ist ein Urteil des Verwaltungsgerichtshofes Baden-Württemberg (VGH) in Mannheim im Dezember wegen eines Verfahrensfehlers. Geklagt hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Zunächst wollte die Bahn laut dem Gericht das Grundwasser mittels drei dezentraler Entnahmestellen absenken. Dann änderte sich die Planung: Es sollte nur eine zentrale Anlage gebaut werden. Der BUND klagte, weil dies natur- und artenschutzrechtliche Auswirkungen hat, zu denen er als anerkannter Naturschutzverband gehört werden muss.
Laut Urteil gehören Nebenanlagen und zentrales Technikgebäude planerisch zusammen. Folglich dürfen in allen Bereichen des Grundwassermanagements keine Bäume gefällt werden. Auch muss der BUND vom Eisenbahnbundesamt (EBA) Gelegenheit zu einer Stellungnahme bekommen.
Ein Termin für die Anhörung stehe noch aus, sagt die Bahnsprecherin. Die Verzögerung am Grundwassermanagement sei jedoch kein Drama, weil dafür andere Bauarbeiten, wie etwa die Baulogistik, weitergehen können. Andererseits: So lange das Grundwassermanagement nicht funktioniert, würden Baugruben unter Wasser stehen. Arbeiten wäre nicht möglich.
Verzögert hat sich ebenfalls die Vorbereitung des Baufeldes für die unterirdischen Gleise im Mittleren Schlossgarten. Dafür müssen Bäume gefällt werden, wofür die Bahn bislang noch keine Genehmigung hat. Diese wurde nicht erteilt, weil der BUND beim VGH ein Konzept zur Einhaltung des Artenschutzes und eine Beteiligung des Naturschutzbundes eingeklagt hatte und Recht bekam. Die Bahn hat die Unterlagen nun beim EBA nachgereicht. Die Behörde will diese Woche noch das Ergebnis ihrer Prüfung bekannt geben. Vergangenen Freitag wurde dem BUND zudem die Möglichkeit eingeräumt, zu der geplanten Aufhebung des Baumfällverbots Stellung zu nehmen. Die Frist lief gestern ab und betrug zwei Werktage. Das sei "unverschämt kurz und absolut unüblich, sagte BUND-Landesvorsitzende Brigitte Dahlbender dazu. Gerade auch in Zusammenhang mit dem Gerücht, das am Montagabend aufkam: Demnach soll das EBA schon entschieden haben, die Baumfällarbeiten zu genehmigen, was die Behörde jedoch dementierte. Nach Ansicht des BUND kann die Rodung aber nicht genehmigt werden. Der Grund: Auch auf dem künftigen Baufeld laufen Rohre für das Grundwassermanagement. Und da steht die Anhörung eben noch aus.
Bevor gerodet werden kann, muss das Zeltdorf der S-21-Gegner im Schlossgarten weichen. Vor Weihnachten hatte die Stadt Stuttgart deshalb eine Allgemeinverfügung zu Räumung, Aufenthalts- und Betretungsverbot für die Zeltstadt im Mittleren Schlossgarten im Amtsblatt abgedruckt. Das hätte bedeutet, dass die Zelte und ihre Bewohner bis zum 12. Januar, 8 Uhr, hätten weichen müssen.
Doch zwei Privatpersonen, darunter der Krimiautor Heinrich Steinfest, und ein Verein haben gegen die Anordnung Eilanträge beim Verwaltungsgericht (VG) Stuttgart eingereicht. Sie fühlten sich durch das Betretungsverbot in ihren Grundrechten verletzt. Die Frist für eine mögliche Räumung wurde wegen einer Stellungnahme der Stadt bis vergangenen Montag verlängert. Heute will das VG Stuttgart seinen Beschluss bekannt geben.
Sollten die Campbewohner nicht freiwillig gehen, wird wohl geräumt. Polizeipräsident Thomas Züfle hat jedoch mehrmals betont, dass ein solcher Einsatz nicht von heute auf morgen möglich sei. Zuletzt hatte sich die Polizei auf einen der größten und schwierigsten Einsätze in der Geschichte der Stadt vorbereitet, um die für den 12. Januar geplanten Fällarbeiten im Schlossgarten zu schützen.
15 Container mit Platz für 200 Personen wurden auf dem Cannstatter Wasen aufgebaut - bestimmt für die Aufnahme von Personalien renitenter S-21- Gegner. Bis zu 9000 Beamte aus ganz Deutschland wurden angefordert, dann musste Züfle den Einsatz abblasen - weil die Bahn sich laut VGH nicht an das Gesetz gehalten hatte, und die Bäume zunächst noch stehen bleiben müssen.
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Autor: ULRIKE SCHLEICHER | 25.01.2012
Der Turm des Stuttgarter Hauptbahnhofs.
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Kommentare (13)
@ Rainer T. Müller - Da haben Sie mal zu 100% Recht!
Herr Müller,Sie schreiben:
(..) Der Zeitplan ist niemals einzuhalten und eine Farce. (..)
Da haben Sie zu 100% Recht.
Versuchen wir doch mals Ursachenforschung zu betreiben ...
Da wurde am 27. März eine Grüne Regierung in Bawü gewählt.
Diese hat es doch glatt geschafft schon am 27. November (8 Monate später) eine Volksabstimmung zu organisieren.
Offensichtlich so perfekt, das aktuell dagegen Klagen laufen.
Die S21-Gegner sind auch so perfekt motiviert, das sie jeden Baufortschritt zu stören versuchen.
Schade nur, das die S21-Gegner damit die Kosten in die Höhe treiben.
Aber das macht ja nichts. Für die Erlangung ureigenster Ziele sind Kollateralschäden in Kauf zu nehmen. Oder?
Und dann staunen, wenn ein Objekt länger dauert, Polizeikosten aus dem Ruder laufen, ...
Wie wäre es mal vor dem jeweiligen Handeln nachzudenken UND Verantwortung zu übernehmen?!
Alles wird gut!
Der Zeitplan ist niemals einzuhalten
und eine Farce. Das weiß die Bahn auch. Doch sie hat sich dies selbst zuzuschreiben, wenn man nach 18-jähriger Planungszeit nur ein dermaßen umstrittenes und keineswegs schlüssiges Konzept zustande gebracht hat.S21 wird niemals vor 2025 fertig, mit NBS ist eher 2030 realistisch. Die Bahn will ihren irrealen Zeitplan auch gar nicht einhalten, sondern nur Fakten schaffen, um das Ganze unumkehrbar zu machen.
Die Bürger im Lande wollten doch, dass die bei der VA kolportierte Ausstiegskostensumme von angeblich 1,5 Mrd. tatsächlich auch verbaut wird und so werden die schwäbischen Dummbürger die restlichen Milliarden auch noch berappen und wenn es zehn werden.
Die Mehrheit der betroffenen Stuttgarter ist GEGEN S21. Der Rest von BaWü, der gegen den Ausstieg aus der Landesfinanzierung gestimmt hat, ließ sich als CDU-Lemminge mit einer Lügen- und Verdummungskampagne von Rattenfängern ködern. Die Stuttgarter Stadtzerstörung juckt die Ulmer, Biberacher und Ravensburger ja sowieso nicht.
Sie haben völlig recht
Nur schlichte Gemüter bemerken nicht wie sie von den Protagonisten aus interessierten Wirtschaftskreisen und ihren willigen Handlangern aus der Politik verschaukelt und für dumm verkauft wurden.