Elfriede Sommer war sieben Jahre alt, als die Hirschlesmühle in Hall zerbombt wurde

Im April 1945 fielen Bomben auf Hall. Dabei wurden auch die Hirschlesmühle und die Gaststätte Hirsch in der Gelbinger Gasse zerstört. Elfriede Sommer wuchs in der Mühle auf. Sie verlor ihren Onkel und ein Stück Heimat.

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Wann hört man auf, nach dem Warum zu fragen? "Mein Großvater niemals", sagt Elfriede Sommer aus Schwäbisch Hall. "Er ist daran zerbrochen." Nur drei Wochen bevor der Krieg beendet wurde, ist sein Lebenswerk zerstört worden und sein Sohn ums Leben gekommen.

Karl Haas senior war Eigentümer der Hirschlesmühle in Schwäbisch Hall, die seit vielen Generationen in der Familie bewirtschaftet wurde. Sie stand in der Salinenstraße, am Rande des heutigen Zentralen Omnibusbahnhofs.

Karl Haas junior, der Onkel von Elfriede Sommer, bewirtschaftete die Mühle. Er war 31 Jahre alt und kriegsuntauglich geworden, weil er im schlimmen Winter in Russland als Soldat Finger und Zehen durch Frost verloren hatte.

Es war der 15. April 1945. Die meisten Haller hielten sich in dieser Zeit fast ausschließlich in den Bunkern und Luftschutzkellern auf. Die Hirschlesmühle hatte keinen Keller. Karl Haas und seine Verlobte waren im Keller der Häuser neben der Mühle, die auch im Besitz der Familie waren. Sie gingen nur zum Abendessen in ihre Wohnung, die sich über der Mühle befand. An diesem Abend kam ein guter Bekannter und fragte nach Verbandszeug, weil seine Freundin verletzt worden sei. Verbandszeug hatten sie nicht in der Wohnung, also ging Haas' Verlobte ins andere Haus hinüber, um es zu holen. Der Freund und Karl Haas gingen zum Fenster, weil sie Flieger hörten. Amerikanische Flieger seien von Gottwollshausen in Richtung Hall geflogen, erzählt Elfriede Sommer. Die beiden Männer drehten sich um und kurz bevor sie die Tür öffnen konnten, hob sich das Haus an. Es wurde von fünf Sprengbomben getroffen. Karl Haas überlebte diesen Angriff nicht. Dem Freund, der nur einen Meter neben ihm stand, wurde der Rücken aufgerissen, aber er überlebte. Dieser Abend veränderte alles - es war vier Wochen vor dem geplanten Hochzeitstermin von Karl Haas und seiner Verlobten Angelika.

"Meine Mutter war mit uns im Bunker Vogeleholz, in der Nähe der Straße Am Rippberg, wo meine Mutter eingeheiratet hatte und wir wohnten", erzählt Elfriede Haas. Ein Bekannter sei an diesem Abend zu ihnen gekommen und hätte berichtet, dass die Mühle getroffen sei. Unübersehbar war die Mehlwolke, die sich erhoben hatte. Die Mutter sei nicht zu halten gewesen. Elfriede und ihr Bruder mussten im Bunker bleiben. Die Zeit danach sei schlimm für die Familie gewesen: der Senior gebrochen, der Nachfolger der Mühle tot, die Lebensexistenz in Schutt und Asche. Elfriede Sommers Vater war in Stalingrad und kam erst fünf Jahre später nach Hause zurück. Die Mutter trug mit der Hilfe von drei Männern Stein für Stein die Trümmer ab.

Elfriede Sommer erzählt, wie sie bereits im Februar 1945 gesehen hat, wie die Bomben auf die Haller Innenstadt abgeworfen wurden. "Ganz silber glänzend fielen die vom Himmel", erinnert sie sich. Dass ihnen selbst einmal so ein Unglück passieren könnte, hätten sie nie gedacht.

Das Haus am Rippberg, in dem Elfriede Sommer, ihr Bruder, ihre Mutter und deren Schwiegereltern wohnten, wurde zwei Tage nach dem Einzug der Amerikaner im April 1945 konfisziert. Die ganze Familie wohnte zunächst in den Trümmern eines der Nachbarhäuser der Mühle. Diese hatten keine Fenster und keine Dächer mehr. Dann nahmen Bekannte in der Nähe sie bei sich auf. Weil die Großeltern von Elfriede Haas eine kleine Landwirtschaft hatten, waren sie immerhin mit Nahrung versorgt.

Der historische Bauplaner Dr. Eduard Krüger habe die Hirschlesmühle später wieder aufbauen wollen, aber dafür sei nach der Währungsreform kein Geld dagewesen. Es blieb ein leerer Fleck. "Ich erinnere mich an jedes Detail der Mühle", sagt Elfriede Sommer, die heute nur etwa 200 Meter hinter dem ehemaligen Mühlengelände in der Salinenstraße wohnt. Sie erzählt vom Wohnzimmermobiliar mit den gedrechselten Beinen, vom schönen "Stüble" mit dem Himmelbett, von der kleinen Insel mit den Blumen vor dem Haus. In den 30er-Jahren sei in der Hirschlesmühle einmal ein Film gedreht worden. Auf alten Schwäbisch Haller Postkarten ist die Hirschlesmühle noch lebendig. Eines ist der 77-jährigen Elfriede Sommer besonders wichtig: "Ich möchte, dass die Nachwelt dieses Kleinod nicht vergisst."

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