Silvio Meincke: "Dem Fußball die Seele geraubt"

Der Mann erzählt von der Vielfalt des Landes, der Zeremonie des Tee-Trinkens, der Kreativität der Brasilianer. Je mehr Silvio Meincke berichtet, desto verständlicher wird seine Enttäuschung über die WM.

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    Silvio Meincke hat seine Fußbälle aus dem Keller geholt - ein kleines Heimspiel auf Haller Rasen vor einer brasilianischen Bananenpflanze. Foto: 
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Gut gelaunte Menschen warten vor den Stadien auf Einlass. Alte und Junge, bunt gekleidet, in grün-gelben Farben, in Sambakostümen, mit selbst gebastelten Trommeln. Kinder bekommen ein Eis oder ein Pastel de Nata, ein traditionelles Teiggebäck. Manche kaufen sich kleine Souvenirs, die von Vereinen aus den Favelas hergestellt wurden.

So könnte es an Spieltagen vor den Stadien in Sao Paulo, Manaus oder Porto Alegre aussehen. Tut es aber nicht. Und darüber ärgern sich viele Brasilianer. Einer von ihnen ist Silvio Meincke. "Der Weltfußballverband FIFA hat dem brasilianischen Fußball die Seele gestohlen." Meincke kritisiert nicht, wie das viele andere tun, die brasilianische Regierung, sondern den Weltfußballverband und seinen Präsidenten Joseph Blatter, der aus einer Tradition eine Ware gemacht habe. Die Brasilianer dürfen im Umkreis von zwei Kilometern zum Stadion ihre traditionellen hausgemachten Produkte nicht verkaufen. "Stattdessen gibt es Wasser und Bier vom globalisierten Megakonzern", sagt Meincke. Alkohol beim Fußball ist in Brasilien seit Jahren verboten. Zur WM wurde das Verbot aufgehoben.

WM-Eintrittskarten kosten laut Meincke 120 Prozent mehr

Kritisch betrachtet der Pfarrer im Ruhestand auch die Preise der Eintrittskarten. Im Durchschnitt kosten sie 120 Prozent mehr als bei anderen Spielen. Der Zutritt ist nur reicheren Brasilianern und Touristen möglich. Rund um die Stadien, "überall, wo es Platz gibt, auf der Straße und am Strand", spielen die Brasilianer Fußball. Der Sport ist für alle, aber alle können bei der WM nicht in die Stadien. "Dass dagegen Brasilianer protestieren, finde ich gut", sagt Meincke, betont aber: "Was meinem Land wirklich schadet, ist nicht die WM, sondern es sind die Politiker im Parlament, die den Graben zwischen Arm und Reich weiter offen halten wollen. Die Mehrheit dieser Politiker sind Großgrundbesitzer, die den Indios den Lebensraum wegnehmen. Die WM und die Proteste zu unbedeutenden Konflikten sind nicht zu vergleichen mit den Jahrhunderte alten Problemen zwischen Indios und Staat."

Besuch von landlosen Bauern und indigenen Völkern

Insgesamt sei die jetzige brasilianische Regierung erfolgreich dabei, den Abstand zwischen Arm und Reich zu verringern. Meincke war in Brasilien in sozialen Bewegungen engagiert und hat in den letzten Jahren landlose Bauern und indigene Völker in Stadt und Land besucht. Er recherchierte im Internet und bat Freunde, die bei der Regierung arbeiten, um Informationen. "Die Ausgaben für Gesundheit sind von 2012 auf 2013 um 31 Prozent gestiegen, die Ausgaben für Bildung wurden um drei Milliarden Euro erhöht, und die Unterstützung der Kleinbauern ist von zwei Milliarden in 2003 auf 24,5 Milliarden in diesem Jahr gestiegen." Die WM hole also kein Geld aus den Kassen der Gesundheit und der Bildung, wie man immer wieder lesen könne.

Wenn es dann soweit ist und bei der WM der erste Ball getreten wird, sitzt trotz seiner Kritik auch Silvio Meincke vor dem Fernseher, mit einem Tee oder einem Caipirinha. Er wird gespalten sein. "Ich bin auch Fan der deutschen Mannschaft, aber wenn beide ins Endspiel kämen, würde ich zu Brasilien halten. Deutschland ist in vielem so gut. Für Brasilien ist der Titel wichtiger."

Zur Person vom 12. Juni 2014

Silvio Meincke wurde 1942 auf einem Bauernhof im Süden Brasiliens als viertes von sieben Kindern geboren. Seine Muttersprache war ein deutsch-brasilianischer Dialekt, denn seine Urgroßeltern sind im 19. Jahrhundert aus Mecklenburg und Westfalen ausgewandert. Er wurde Pfarrer und Lehrer an der Theologischen Hochschule in São Leopoldo. Seit 2002 lebt er in Schwäbisch Hall. Seine Ehefrau ist Maike Ulrich, Pfarrerin der Lukaskirche. Meincke engagiert sich in sozialen Bewegungen, hält Vorträge, schreibt Bücher, organisiert Reisen.

SASCH

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