Schach: Jetzt beginnt das Pokern bis zum letzten Spieltag

Der SK Schwäbisch Hall holt ein 3:3 gegen den Meister OSG Baden-Baden. Die Hallerinnen haben damit weiterhin eine große Chance auf den Meistertitel.

|
Baden-Badens Spitzenspielerin Alexandra Kostenjuk (links) zieht mit einem ihrer Bauern. Ihre Haller Gegnerin Lela Javakhishvili wird später ein Remis erreichen.  Foto: 

Am vergangenen Samstagfrüh glühen die Smartphones: „Ich habe die Konstenjuk in der Stadt gesehen!“ lautet die Nachricht, die die Haller Teambetreuer erhalten. Binnen weniger Minuten wissen die Verantwortlichen des SK Schwäbisch Hall Bescheid. Der amtierende Meister OSG Baden-Baden hat tatsächlich Alexandra Kostenjuk dabei. Die 32-jährige Russin trägt den Großmeistertitel, ist ehemalige Weltmeisterin, Fotomodel und soll die OSG zum Sieg beim Konkurrenten in Hall führen.

Ein wenig überrascht ist man im Haller Lager schon, allerdings nicht unvorbereitet. Die Georgierin Lela Javakhishvili, bei Hall an Brett 1 positioniert, hatte sich bereits vor zwei Wochen mit der Spielweise Kostenjuks auseinandergesetzt. Schnell werden die Damen abgetauscht, letztlich einigt man sich auf ein Remis.

Doch auch Hall kann den Gegner überraschen. Ketino Kachiani-Gersinska rechnete im Vorfeld damit, wie in der Vorsaison auf Halls Irina Bulmaga zu treffen. Doch stattdessen sitzt ihr die Litauerin Deimante Daulyte gegenüber. Ob wegen der Überraschung oder aus psychologischen Gründen: Kachiani-Gersinska lässt auf ihrer Uhr fast eine Minute verstreichen, ehe sie den Eröffnungszug macht. Daulyte, die mit den schwarzen Figuren spielt, lässt sich nicht beeindrucken, gewinnt letztlich diese Partie und sorgt dafür, dass gegen 17.30 Uhr im Foyer der Stadtwerke die Träume blühen.

Hoffnungslose Stellung

Die Kiebitze verfolgen dort auf einer Leinwand die Partien, die im Saal gespielt werden. „Wenn jetzt noch Alina Remis spielt, hätten wir gewonnen“, rechnen die Zuschauer vor. Doch die Russin Alina Kashlinskaya ist gegen Mariya Muzychuk auf verlorenem Posten. Zäh versucht sie die eigentlich hoffnungslose Stellung irgendwie zu retten, doch als sie mitbekommt, dass Daulyte gewonnen hat, gibt sie auf. Es ist die letzte noch laufende Partie des Spitzenduells in der Schach-Bundesliga der Frauen. So trennen sich Hall und Baden-Baden 3:3-Unentschieden – und eröffnen damit den Aufstellungspoker für die restlichen Spieltage.

Denn nun kann es sein, dass jeder halbe Brettpunkt für die Meisterschaft entscheidend ist. Zumindest, wenn man davon ausgeht, dass der SK Schwäbisch Hall und die OSG Baden-Baden ihre restlichen Spiele gewinnen. Doch die Rechnung wird komplizierter, da auch Rodewisch und Bad Königshofen stark genug sind, um in den Titelkampf eingreifen zu können.

So steht der vergangene Sonntag für Hall unter dem Motto „Hoch gewinnen“ gegen Karlsruhe. Statt Ekaterina Atalik spielt die 14-jährige Annmarie Mütsch aus Heilbronn. Und deren Partie gegen Sarah Hund lässt die Beobachter und Haller Verantwortlichen des öfteren die Haare raufen. Bis zum 15. Zug hat Annmarie Mütsch nahezu ihre gesamte Bedenkzeit verbraucht. Zudem verliert Alina Kashlinskaya erneut, Nino Batsiashvili spielt remis. Einen Kantersieg kann es also nicht mehr geben. Das Endspiel lautet Turm, Springer und Läufer gegen zwei Türme. In den meisten Fällen reichen sich dann die Kontrahenten die Hände und einigen sich auf Remis. Doch Mütsch spielt weiter: Nach mehr als sechs Stunden und 115 Zügen gewinnt sie doch noch. Hall siegt damit 4,5:1,5. Kein Traumergebnis, aber angesichts der schwierigen Partie von Mütsch mehr als es zunächst danach aussieht.

Die überraschendste Meldung folgt am späten Sonntagabend. Zunächst wird gemeldet, dass Bad Königshofen beim Aufsteiger Harksheide 5,5:0,5 gewonnen hat – ein erwartetes Ergebnis. Doch auf einmal wird die Wertung in einen 6:0-Erfolg Harksheides korrigiert. Bad Königshofen hatte sich verzählt. Man darf in der Frauen-Bundesliga bis zu vier „Gastspielerinnen“ einsetzen. Das sind Spielerinnen, die ihre aktive Spielberechtigung für die „Männerteams“ bei einem anderen Verein haben. So können Vereine, die nicht genug Frauen haben, trotzdem eine Mannschaft stellen, ohne dass die Frauen die Spielberechtigung bei ihrem Heimatverein verlieren. Bad Königshofen setzte fünf Gastspielerinnen ein – und verliert somit am grünen Tisch die Partie.

In Hall zu Gast waren auch die Schachfreunde Deizisau. Deren Spielerinnen erhielten die Nachricht, dass ihre Teamkollegin Cristina Adela Foișor in der Nacht zum Sonntag in Bukarest verstorben war. Die Rumänin, die die Titel Internationaler Meister und weibliche Großmeisterin trug, erlag mit 49 Jahren einem Krebsleiden.

Foișor war an Brett 2 der Deizisauer gemeldet. Die Spielerinnen ließen sich am Sonntag bei der Partie gegen Baden-Baden nichts anmerken. Das gilt auch für Halls Irina Bulmaga, die Foișor von der rumänischen Nationalmannschaft kannte und eine gute Freundin verlor.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Viel Zeit und Mühe investieren

Wer einen ausländischen Mitarbeiter einstellt, muss einiges mehr beachten als bei einheimischen Kollegen. weiter lesen