Hall überrumpelt den Meister

Mit dem Sieg über die SG Solingen feiert der SK Hall den größten Erfolg der Vereinsgeschichte. Für Solingen ist es die erste Niederlage seit fast zwei Jahren.

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Die Haller Matchwinner: Tigran Gharamian (vorne rechts) blickt traurig drein, obwohl er später gewinnen wird. Viktor Laznicka (links) konzentriert sich auf die Stellung auf dem Brett. Hinten rechts ist Peter Michalik zu sehen.  Foto: 

Den goldenen Punkt zum 4,5:3,5-Erfolg über die SG Solingen holte Tigran Gharamian, während alle anderen Partien mit Unentschieden endeten. Entschieden war das Match allerdings erst nach vollen sieben Stunden: So lange musste Viktor Laznicka ums Remis kämpfen.

Das Wochenende verlief ideal aus Sicht der Haller: Am Samstag gab es einen 6:2-Erfolg gegen das ersatzgeschwächt angetretene Team aus Mülheim. Nicht zu rechnen war allerdings mit dem Sieg am Sonntag gegen den übermächtig erscheinenden Meister. Die Solinger traten beinahe in Bestbesetzung an und hatten am Vortag Dresden ebenfalls mit 6:2 von den Brettern gefegt.

Die SG Solingen ist mit zwölf Titeln deutscher Rekordmeister. Zusammen mit dem Hamburger SK gehört sie ununterbrochen der Schachbundesliga an. Solingens Mannschaftsführer Herbert Scheidt, der sich schon seit mehr als 50 Jahren für seinen Verein engagiert und in den 1970ern selbst noch als Mitspieler Meister wurde, wollte nichts riskieren, nahm die Gegner ernst und ließ sogar mit Anish Giri einen Topstar auflaufen. Der 22-jährige Niederländer mit nepalesischen Wurzeln war schon als Wunderkind bekannt und gehört zu dem illustren Kreis der Auserwählten, denen man es zutraut, irgendwann mal Weltmeister Magnus Carlsen vom Thron zu stoßen. Durch die Bank war der Meister stark besetzt, an den hinteren Brettern betrug die nominelle Überlegenheit der Solinger beinahe 200 Elo-Punkte – ein Klassenunterschied.

Das Haller Team hingegen bot wieder eine gewohnte Mischung aus Klasse, Internationalität und regionalem Bezug auf: an den Spitzenbrettern zwei russische Spieler aus der erweiterten Weltspitze, die Mitte bildete sich aus zwei tschechischen Spielern sowie zwei Franzosen, die bereits seit Jahren zum Stamm gehören und schon den Aufstieg aus den unteren Ligen mitgetragen haben, zudem zwei heimische Spieler an den Schlussbrettern.

Wütende Angriffe

Schon frühzeitig gingen die Außenseiter in Führung: Tigran Gharamians Gegner war bereits nach der Eröffnungsphase in eine unangenehme Fesselung geraten, die er nur mit einer materiellen Einbuße abschütteln konnte. Der Franzose nutzte seine Chance eiskalt und gab den Vorteil nicht mehr her: Solingen versuchte, den Rückstand wett zu machen.

Chaotische Stellung

Den Willen merkte man vor allem ihrem Spitzenmann Giri an, der mit wütenden Angriffsversuchen Ernesto Inarkiev einschüchtern wollte. Halls Spitzenspieler kam stark unter Druck, was sich auch auf der Uhr bemerkbar machte: Inarkiews Zeitvorrat schrumpfte und schrumpfte, und das bei einer chaotischen Stellung auf dem Brett. Doch Inarkiev hielt stand, fand wundersam die einzigen Rettungszüge und entschlüpfte dem Zugriff des Weltklassegegners, der am Ende noch froh über das Remis sein durfte.

Auch am zweiten Brett hatte Maxim Matlakow eine schwere Aufgabe zu meistern: Er musste sich mit Schwarz gegen Pentala Harikrishna verteidigen. Der Inder schickt sich an, den langjährigen Exweltmeister Vishi Anand als Besten in der Landeswertung zu verdrängen. Matlakow löste die Aufgabe mit Bravour.

Wichtig für den Mannschaftssieg war nicht zuletzt, dass der hintere Teil des Teams trotz des hohen Elo-Unterschiedes standhielt. Die regionalen Vertreter Mathias Womacka und Frank Zeller erreichten jeweils komfortabel das Remis. Die Bretter 5 und 6 endeten ebenfalls mit Remisen, so dass es nach knapp fünf Stunden 4:3 für Hall stand.

Nun hieß es zittern: Viktor Laz­nicka stand schwierig und verlor zwischendurch einen Bauern. In der Endspielphase, die in der Regel nach über vier Stunden Spielzeit beginnt, musste er einen elegischen Kampf um den so wichtigen halben Zähler bestreiten. Ganze 126 Züge dauerte die Abwehrschlacht, doch sein Gegner Markus Ragger, die österreichische Nummer eins, fand trotz zahlloser Versuche kein Mittel. Nach sieben Stunden war die Sensation perfekt.

Hall könnte somit vorzeitig die Meisterschaft zugunsten von Baden-Baden entschieden haben, denn die OSG steht mit lupenreiner Weste und zwei Punkten Vorsprung an der Tabellenspitze. Die Haller selbst sprangen auf den vierten Platz und haben wieder Anschluss an das Spitzentrio, da auch Hockenheim einen Punkt abgab. Beim Saisonfinale in Berlin trifft Hall auf Hockenheim – ein Spiel um den Bronzeplatz ist somit in Reichweite.

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