„Ich habe es ihm versprochen“

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Thilo Kiene mit dem Motorrad seines verstorbenen Freundes Skatty Bihlmaier. Mit der Maschine will er den Meistertitel holen. Die größten sportlichen Erfolge des für den MSC Gaildorf startenden Bubenorbisers waren 1993 die Titel des süddeutschen und deutschen Meisters (DJMV-Wertung) sowie der Pokalsieger, 2003 der Gewinn der Open-Pokalwertung und der 12. Platz bei der offiziellen DM.  Foto: 

Er ist ein Mann auf einer Mission: Thilo Kiene, seit gestern 40 Jahre alt, fährt seit diesem Jahr wieder Motocross-Rennen. Er wollte mit seinem besten Freund, den er seit Kindesbeinen hat, um den deutschen Seniorentitel streiten. Doch dann starb Skatty Bihlmaier völlig überraschend. Noch heute kann Kiene den Tod kaum fassen. Für Skatty will der Bubenorbiser den Titel holen.

Herr Kiene, 1996 stürzten sie als damals 18-Jähriger schwer beim Rennen in Bühlertann. Sie brachen sich je dreimal die Handgelenke, dazu den Oberschenkel. Wegen Komplikationen wurden sie neunmal operiert, mussten sieben Monate auf Krücken laufen. Wann sind Sie wieder auf das Motorrad gestiegen?

14 Tage nachdem ich die Krücken abgegeben habe. Zu lange darf es nicht dauern, wieder auf dem Motorrad zu sitzen (schmunzelt). Insgesamt habe ich mir 22 Mal Knochen gebrochen. Als es mein linkes Schlüsselbein erwischt hat, habe ich meinen Fahrstil umgestellt, damit ich weitermachen konnte.

Woher kommt diese Begeisterung, die selbst Schmerzen nicht mindern kann?

Ich glaube, dass ich familiär vorgeprägt bin. Mein Vater wollte immer Motocross fahren, doch hatte er weder die Zeit noch das Geld. Aber er sagte, dass, wenn er einen Sohn bekommen würde, dieser Motocross fahren wird. Ich kam nach zwei Töchtern auf die Welt und es hieß: Der fährt jetzt Motocross (lacht).

Bis zur D-Jugend haben Sie auch Fußball gespielt, waren als Torhüter auch bei einem WFV-Sichtungskader in Ruit.

Irgendwann war klar, dass ich zwischen diesen beiden Sportarten wählen musste, um ihn auf höherem und hohem Niveau zu betreiben. Für mich war es klar. Mein Vater sagte auch: Du hast dich für den richtigen Sport entschieden (lächelt).

Im Gegensatz zur Formel 1 gibt es beim Motocross nur wenige technische Details, die verändert werden dürfen. Wie wichtig ist das Material?

Das spielt nur im Profibereich eine Rolle. Die Klasse des Fahrers ist entscheidend. Ich würde das auf mindestens 80 Prozent schätzen. Er muss Rennintelligenz besitzen, um vorne zu fahren.

Wie stark wird neben dem Geist der Körper beansprucht?

Ein früherer Weltmeister hat einmal gesagt: Motocross ist wie ein 100-Meter-Lauf mit Liegestütze und Klimmzügen. Ich bin davon überzeugt, dass er Recht hat. Die Fahrer haben in jeder Runde 170 Puls, die Unterarm- und Oberschenkelmuskulatur werden extrem beansprucht.

Sie waren sehr erfolgreich, gewannen Pokale und belegten 2003 den 12. Platz bei der deutschen Meisterschaft. Aber nach und nach vermisst man ihren Namen in den Ergebnislisten.

Das stimmt. Ich bin 2010 ein Rennen gefahren, dann aber habe ich als Trainer Lehrgänge abgehalten, aber an keinem Rennen mehr teilgenommen. Trainiert habe ich weiterhin regelmäßig. Noch heute ist in Gaildorf keiner schneller als ich. Es war und ist ein Hobby, wie für andere der Gang auf den Bolzplatz.

Was war der Grund dafür, dass Sie in dieser Saison wieder angefangen haben?

Mein bester Freund Skatty Bihlmaier. Mit sechs Jahren habe ich ihn kennengelernt, er war zwei Jähre älter. Wir waren 34 Jahre lang unzertrennlich, im Grunde Zwillinge – auch als Erwachsene, die große Freundschaft hatte immer Bestand. Wir begeisterten uns beide für Motocross, waren auf Reisen in Spanien, Frankreich und in den USA. Im Winter erzählte mir Skatty, dass ich als 1977er-Jahrgang erstmals bei den Senioren mitfahren darf. Darauf schmiedeten wir unseren Plan.

Wie sah dieser aus?

Wir wollten gemeinsam in der Seniorenklasse fahren und uns um den Titel duellieren. Wir haben gemeinsam trainiert und uns vorbereitet. Beim ersten Rennen am 1. April war Skatty nicht dabei, weil seine Freundin Geburtstag hatte. Am 5. April hat er noch in Gaildorf trainiert.

In der folgenden Nacht wachte er mit urplötzlich Herzrhythmusstörungen auf, fiel ins Koma und starb wenige Tage später.

Noch heute kann ich es kaum begreifen. Er trank nicht, er rauchte nicht. Er war so ein freundlicher, netter Kerl – mein bester Freund. Als ich bei ihm auf der Intensivstation war, habe ich ihm versprochen, dass ich den Meistertitel für ihn holen werde.

Und zwar mit seinem Motorrad . . .

Seine Eltern hatten überlegt, ob die Maschine verkauft werden sollte. Daraufhin habe ich mein Motorrad verkauft und Skattys übernommen. Was faszinierend ist: Ich achte immer auf die Rahmennummer. Meine endete auf 2559, Skattys auf 2558. Das heißt, dass die Motorräder in Japan innerhalb von wenigen Minuten hintereinander vom Band gelaufen sind.

Am 22. und 29. Juli sind die beiden letzten Saisonrennen in Walldorf und Frankenbach terminiert. Sie haben bislang alle zwölf Läufe für sich entschieden und jeweils auch den ersten Startplatz geholt. Der Titel ist in greifbarer Nähe.

Ich habe es Skatty versprochen. Nach seinem Tod hat mich Motocross aufrecht erhalten. Ich will alles gewinnen, denn das gab es in dieser Klasse noch nie. Ich würde mich freuen, wenn viele zum letzten Rennen nach Frankenbach kommen. Aber ich gebe zu: Ich weiß nicht, was passiert, wenn diese Saison vorbei ist.

Geburtstag: 14. Juli 1977
Geburtsort: Schwäbisch Hall
Wohnort: Bubenorbis
Familienstand: ledig
Beruf: Selbstständig (Spedition)
Hobbys: Motocross, Modelleisenbahn
Bisherige Stationen: seit 1987 MSC Gaildorf, MSV Bühlertann
Die größten sportlichen Erfolge des für den MSC Gaildorf startenden Fahrers waren 1993 der Titel des süddeutschen und deutschen Meisters der DJMV-Wertung sowie Pokalsieger, 2003 Deutscher Open-Pokalsieger, 12. Platz bei der offiziellen DM,

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