Gastronomie: Rettung für die Dorfwirtschaften

Seit Jahren schließen auf den Land immer mehr Gasthäuser. Doch es gibt Gegentrends im Südwesten: Privatleute, Genossenschaften oder Vereine erhalten die Treffs.

|
Vorherige Inhalte
  • Vorbildprojekt: Eine Genossenschaft betreibt den Schwanen. 1/3
    Vorbildprojekt: Eine Genossenschaft betreibt den Schwanen. Foto: 
  • Der sanierte Schwanen in Nehren. Foto: Madeleine Wegner 2/3
    Der sanierte Schwanen in Nehren. Foto: Madeleine Wegner Foto: 
  • Die Leute können kommen: Trendcafé Krone. 3/3
    Die Leute können kommen: Trendcafé Krone. Foto: 
Nächste Inhalte

Wer auf dem Dorf einen Ort sucht, wo man bei Kaffee und Kuchen oder beim Bier zusammensitzen kann, steht in vielen Gemeinden vor verschlossenen Türen: vor denen der ehemaligen Dorfgasthäuser. Bundesweit schließen und verfallen immer mehr solcher Häuser. Damit verschwinden Orte, die für das Zusammenleben und den Zusammenhalt im Dorf eine wesentliche Rolle gespielt haben. Doch im Südwesten gibt es auch eine Gegenbewegung: So manches Dorf feiert die Wiedereröffnung seines Gasthauses. Die ganz unterschiedlichen Konzepte hinter der Rettung der Dorfwirtschaft haben eines gemeinsam:  Es steckt enormes Engagement dahinter.

„Es war schlimm mit anzusehen, wie die Krone immer mehr verfällt“, sagt Susanne Hummel. Sie und ihr Mann haben das ehemalige Gasthaus in ihrem Heimatort Sonnenbühl-Willmandingen auf der Schwäbischen Alb gekauft. Die Krone war in dem Ort mit seinen 1100 Einwohnern bis 2006 Dorfgaststätte im Familienbetrieb. Auch jetzt ist die ganze Familie der neuen Besitzer eingespannt. „Anders wäre es auch nicht gegangen“, sagt Susanne Hummel, „alleine hätte ich das nicht gemacht“.

Über ein dreiviertel Jahr hat es gedauert, das Gebäude zu renovieren und herzurichten. Das Konzept des „Trendcafé Krone“: Unten geschmackvoll eingerichtetes Café, wo mittwochs bis sonntags hausgemachte Kuchen und herzhafte Kleinigkeiten angeboten werden. Oben eine Boutique mit ausgefallener Mode, wo Besucherinnen in Ruhe stöbern können. Zwei Mitarbeiterinnen unterstützten die Inhaberin. Außerdem will Hummel Nähkurse anbieten. Die gelernte Schneiderin und Bekleidungstechnikerin hat zuvor im Büro ihres Mannes gearbeitet, der eines der größten Windkraftentwicklungsunternehmen weltweit leitet.

Hummels Nichte Lea Rudolph hat ihre Semesterferien in Willmandingen verbracht. Für die Eröffnung Anfang Oktober hat sie in sozialen Netzen viel geworben und nicht zuletzt in Reutlingen 5000 Flyer verteilt. „Es ist cool, den Zusammenhalt hier im ganzen Ort zu spüren“, sagt sie über die vergangenen Wochen, „fast jeder kommt vorbei und bietet Hilfe an.“ Ihre Tante fügt hinzu: „Aber die Leute müssen halt auch in Zukunft als Gäste herkommen.“

„Der Schwanen wird eine Erfolgsgeschichte, da bin ich sicher“, sagte am Wochenende Ministerialdirektorin Grit Puchan in Nehren (Kreis Tübingen). Mit einem großen Fest eröffnete das Dorfgasthaus wieder. Puchan bezeichnete es als „Vorbildprojekt“. Das Besondere am Schwanen: Eine Genossenschaft betreibt künftig die Wirtschaft samt Hotel. Nehrens Bürgermeister Egon Betz übergab das aufwendig renovierte und um einen Anbau erweiterte Fachwerkgebäude an die Genossenschaft. Der Schwanen, der eine jahrhundertelange Wirtshausgeschichte hat, solle wieder „ein Treffpunkt in der Mitte für alle“, ein Ort der Begegnung und Kultur werden. Den Erhalt sieht er als kulturelle und städtebauliche Verpflichtung der Kommune. Die Gemeinde hat viel Geld in die Hand genommen, um das Gebäude im Laufe der vergangenen Jahre zu retten. Auch die Landesregierung hat das Projekt mit weit über einer Million Euro unterstützt: „Jeder Euro ist gut angelegt“, sagte Puchan. Das Gasthaus sei ein wichtiger Schritt, um gleichwertige Lebensbedingungen in der Stadt wie im ländlichen Raum zu schaffen.

Der halbe Ort  macht mit

Schon vor Beginn der Renovierungsarbeiten wurde das Genossenschafts-Konzept für den Schwanen im Wettbewerb „Vorbildliches Dorfgasthaus“ 2014 ausgezeichnet. Den „Sonderpreis bürgerschaftliches Engagement“ erhielt das Dorfgasthaus Adler in Hohenstein-Meidelstetten (Kreis Reutlingen), der ein erstaunliches Kulturprogramm auf die Beine stellt. „Da macht schon der halbe Ort mit“, sagt Jürgen Haug vom Tübinger Regierungspräsidium.

Doch auch der Adler hat zu kämpfen: Die Pächter wechselten fast jährlich und konnten den Gaststättenbetrieb wirtschaftlich nicht halten. Der „Verein für angewandte Lebensfreude“ sprang als Betreiber immer wieder ein. Der zwischenzeitlich gegründete Förderverein „Zukunft Adler Meidelstetten“ erwarb das Gasthaus schließlich 2010, mittlerweile betreibt er auch die Gaststätte.

Der Arbeitskreis Heimatpflege im Regierungsbezirk Tübingen lobte im Juni 2014 erstmals den Wettbewerb „Vorbildliches Dorfgasthaus“ aus, der auf die Problematik aufmerksam machen soll und Innovationen auszeichnet. 2014 gewannen der Klosterhof in Gutenzell, der Dorfgasthof Hirsch in Leutkirch-Urlau und das Gasthaus Adler in Meidelstetten den Wettbewerb. Dieses Jahr waren es das Gasthaus Neuhaus in Uttenweiler-Oberwachingen, das Gasthaus Adler in Vogt sowie die Traufganghütte Brunnental in Albstadt-Laufen. del

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Verleihung des Comburg-Literaturstipendiums

Zum zehnten Mal haben die Landesakademie Comburg und die Stadt Schwäbisch Hall das Comburg-Literaturstipendium vergeben. Autor Tilman Rammstedt nimmt die Ehrung im Ratssaal entgegen. weiter lesen