Wellenritt in rauer See

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Odysseus heißt die hochseetaugliche Yacht, die von den Vereinsseglern hoch geschätzt wird. Ihre Heimat ist der Max-Eyth-See. Doch mit ihrer Länge von 15 Metern, 4,65 Meter Breite und einem Tiefgang von 2,3 Metern könnte sie sich auf dem halben Kilometer langen Binnengewässer am Neckar kaum rühren. Allein der 24 Meter hohe Mast und die leuchtgelbe Außenfarbe würden für Aufsehen sorgen. Ihr Eigner, die Akademische Seglervereinigung Stuttgart (ASVS), hat am nördlichen Ufer sein Clubhaus. Das ist der einzige Bezug des Clubschiffs zu Stuttgart.

„2004 war die Odysseus zuletzt zur Generalüberholung in der Heimat“, berichtet ASVS-Vorsitzender Wolfgang Giermann. Das 1993 in den Niederlanden im Auftrag des Vereins gebaute Schiff kam über den Rhein, Neckar und das letzte Stück auf einem Tieflader nach Freiberg am Neckar, wo sich Vereinsmitglieder mit Werkzeug, Farbe und Pinsel 5000 Arbeitsstunden an ihr zu schaffen machten.

Starke Konkurrenten

Anschließend ging es zurück auf die hohe See, ihre eigentliche Heimat. Wie ihr Namensgeber, der sagenhafte griechische Held, der nach dem Krieg um Troja jahrelang umherirrte, ist die Odysseus ständig unterwegs. Seit 2008 hat die Stuttgarterin einen Liegeplatz in Kiel. Fünfmal hat sie den Atlantik überquert. Häufig durchpflügt sie die Nordsee bis hoch nach Norwegen. Trotz solcher Distanzen haben die Vereinsmitglieder aus Stuttgart und Umgebung einen engen Bezug zu ihrer Club­yacht. Wer immer Zeit und die Qualifikation eines Skippers hat, chartert das Boot für einen Törn. 2016 hat der Vorstand beschlossen, die Odysseus trotz ihres relativ hohen Alters in die ganz großen Rennen zu schicken.

So ist sie in den Pfingstferien bei der Nordseewoche gestartet und von Helgoland nach Edinburgh gesegelt. „800 Kilometer bei zum Teil Windstärke zehn und elf.“ Daniel Günther, der in Stuttgart als Maschinenkonstrukteur arbeitet, war beim Budweiser-Cup dabei. Beim Gedanken an die hohen Wellen ist ihm noch etwas mulmig. Von 24 angemeldeten Yachten sind 14 gestartet, fünf haben unterwegs aufgegeben. Die Odysseus kam nach knapp 19 Stunden ins Ziel. Mit dieser Zeit landete sie auf Platz sieben, in ihrer Klasse sogar auf Platz eins.

Am 6. August ist der Start „eines der größten Segelevents, die es auf der Welt gibt“, sagt Giermann. Die Stuttgarter haben einen der 340 begehrten Teilnehmerplätze beim berühmten Fastnet Race im Ärmelkanal und in der Irischen See ergattert. „Wir hatten hohe Anforderungen zu erfüllen“, sagt Architekt Matthias Luz, der mit an Bord sein wird. Die Freude ist groß trotz der geringen Aussicht, auf einen der vorderen Plätze zu landen.

Millionäre schicken ihre High-Tech-Boote ins Rennen, gesteuert von einer Profimannschaft. Vom Gewicht her ist die Aluminium-Segelyacht mit 20 Tonnen eher dicklich. „Eine für Rennen gebaute Yacht wiegt fünf bis sechs Tonnen“, sagt Luz. „Mit ihrem Rumpf aus Kohlefasern fliegen sie übers Wasser.“ Dennoch zeigt er Optimismus: Da die Zeit bezogen auf die eigene Bootsklasse gestoppt werde, „besteht eine kleine Chance, als Amateure gegen die besten Profiteams der Welt zu gewinnen“.

Vorstand Giermann, der im Hochbauamt der Stadt Stuttgart arbeitet, wird ebenfalls Crewmitglied sein. Er nennt die Route von der Insel Wight an der Südküste von England zum 300 Seemeilen entfernten Leuchtturm „Fastnet“ vor der Insel Irlands und wieder zurück nach Plymouth „kein leichtes Revier“. Das dürfte untertrieben sein. Vier bis fünf Tage dauert das Rennen, es gibt keine Unterbrechung, und die Gegend ist für den hohen Wellengang berüchtigt. Auch wer jahrelang zur See fährt, ist nicht gegen die Seekrankheit gefeit. „Es gibt keine Gewöhnung“, sagt Giermann, „wenn’s einen erwischt, will man nur noch sterben.“

Die Odysseus liegt aktuell in einem Hafen im schottischen Inverness (Stand Freitag). Der Vorstand weiß das, weil er über ein Ortungssystem speziell für die Schifffahrt (AIS Tracking) jederzeit die Position der Yacht abrufen kann. Demnächst wird sie sich aufmachen, um über die Nordküste Schottlands zum Start des Fastnet Race zu segeln. Ende Juli wird auch die Crew dort ankommen und noch eine Woche Training absolvieren. Bis dahin kann man aber auf dem Max-Eyth-See üben, sagt Giermann: „Eine kleine Jolle verhält sich nicht viel anders wie eine große Yacht.“

Studierende der Universität Stuttgart haben 1961 die Akademische Seglervereinigung Stuttgart (ASVS) gegründet. Ihr gehören aktuell 280 Mitglieder an. Der Verein steht offen für Akademiker und Nichtakademiker. Die ASVS veranstaltet regelmäßig Theoriekurse für sämtliche amtliche Führerscheine für Binnengewässer und die See.

Heimatrevier ist der Max-Eyth-See, aber auch auf dem Großen Brombachsee oder dem Bodensee sowie auf der Nord- und Ostsee sowie im Mittelmeer geben Vereinsmitglieder Praxiskurse. Zwei Yachten des Vereins liegen am Bodensee. Aktuelle Position der Odysseus: asvs.de/index.php/odysseus/odynews/. uro

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