Leitartikel: Flexible Arbeitszeiten - Wandel in den Köpfen

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Flexible Arbeitszeiten  Foto: 

Seine Arbeitszeit frei gestalten, wer möchte das nicht? Über Zeit und Umfang selbst bestimmen – je nachdem, welche Anforderungen das Leben gerade sonst noch an einen stellt: Diesen Wunsch haben viele Arbeitnehmer. Gründe gibt es zuhauf: Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist sicherlich der gewichtigste. Aber auch die Pflege der Eltern, der Wunsch nach mehr Balance im Leben oder ein Ehrenamt können Flexibilität im Job erfordern.

   Mindestens genauso lang ist die Liste der Modelle, die dies möglich machen sollen: Gleitzeit, Teilzeit, Jobsharing, Home-Office, Sabbatical, Pflegeauszeit, Zeitkonten. Auf einzelnes gibt es einen Rechtsanspruch, das meiste beruht auf freiwilligen Vereinbarungen oder Tarifverträgen. Jedenfalls hat sich  in Sachen flexible Arbeitszeit viel getan. Geht die Entwicklung also in Richtung Wunsch-Arbeitszeit, nach dem Motto „Ich mach’ mir die Arbeitswelt, wie sie mir gefällt“?

Die Realität sieht (noch) anders aus. 1,8 Millionen Überstunden haben die Beschäftigten in Deutschland 2016 geleistet, mehr als die Hälfte davon unbezahlt. Die Zahl derer, die regelmäßig auch am Wochenende arbeiten, steigt.  Die Arbeitsintensität nimmt zu, ständige Umstrukturierungen verlangen hohen Einsatz und durch technische Möglichkeiten überlappen sich Job und Freizeit immer mehr. Zudem ist im „fleißigen“ Deutschland die Scheu nach wie vor groß, neue Zeitmodelle überhaupt einzufordern und zu nutzen. Oder sie – als Arbeitgeber – offensiv anzupreisen.

Zuerst muss die Flexibilität also in die Köpfe. Fraglich ist, ob die IG Metall mit ihrer Forderung nach einer 28-Stunden-Woche auf Wunsch zu diesem Fortschritt beitragen kann. Nach Jahren des relativ gemäßigten Auftretens hat sie sich offenbar zum Ziel gesetzt, in dieser Tarifrunde mal wieder die Muskeln zu zeigen: In bestimmten Fällen fordert sie einen Lohnausgleich fürs (selbstgewählte) Kürzertreten. Das klingt abgehoben. Auch fragt man sich, ob ausgerechnet eine Gewerkschaft Leiharbeit fördern will, denn irgendjemand muss die Nutznießer ja ersetzen.

Zumindest als Beitrag zur notwendigen Debatte ist die Forderung aber zu begrüßen. Denn mehr Flexibilität für Arbeitnehmer ist notwendig und angebracht. Lange Zeit waren es allein die Arbeitgeber, die diese eingefordert haben – eine Einbahnstraße. Vieles jedoch wird die absehbare Zeit richten. Fachkräftemangel und demografischer Wandel werden zum Umdenken führen. Die Gestaltung der Arbeitszeit wird sich so oder so mehr den Wünschen der Mitarbeiter anpassen müssen. Nicht ganz freiwillig, versteht sich, aber auch nicht mit der Brechstange.  Vor allem die junge Generation wird davon profitieren.

Es gibt jedoch Grenzen der Selbstbestimmung. Flexibilität erfordert eine gute Planung und viel Vorlauf, Notfälle ausgenommen. Offene Gespräche im Team sind sicher hilfreich, um Ego-Trips vorzubeugen. Vielleicht hat ja ein Kollege sogar Interesse daran, vorübergehend etwas mehr zu arbeiten, gegen höhere Bezahlung natürlich, um die Verkürzung eines anderen auszugleichen? Denkbar ist vieles, aber nicht alles.

leitartikel@swp.de

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