Mutmaßlicher BVB-Attentäter in Untersuchungshaft

Spektakuläre Wende nach dem Anschlag auf den BVB-Bus: Die Ermittler nehmen einen 28-Jährigen fest. Es ging wohl um Wirtschaftskriminalität - nicht um Terrorismus.

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  • Ein 28-jähriger wird von der Bundesanwaltschaft verdächtigt, den Sprengstoffanschlag auf den BVB-Bus verübt zu haben, um mit Aktienoptionen einen hohen Gewinn zu machen. Hier der Kursverlauf der BVB-Aktie vom 10. bis zum 21. April. 1/3
    Ein 28-jähriger wird von der Bundesanwaltschaft verdächtigt, den Sprengstoffanschlag auf den BVB-Bus verübt zu haben, um mit Aktienoptionen einen hohen Gewinn zu machen. Hier der Kursverlauf der BVB-Aktie vom 10. bis zum 21. April. Foto: 
  • Karte: Verortung des Sprengstoff-Anschlags auf den Mannschaftsbus des BVB 2/3
    Karte: Verortung des Sprengstoff-Anschlags auf den Mannschaftsbus des BVB Foto: 
  • Der Verdächtige des BVB-Bus Anschlags war in der Rommelkaserne in Dornstadt stationiert 3/3
    Der Verdächtige des BVB-Bus Anschlags war in der Rommelkaserne in Dornstadt stationiert Foto: 
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Nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus von Bundesligist Borussia Dortmund hat die Polizei einen Verdächtigen festgenommen – es scheint um Aktienbetrug zu gehen und nicht um Terrorismus.

Gegen den festgenommenen 28-Jährigen, der den Sprengstoffanschlag auf die Fußball-Mannschaft von Borussia Dortmund verübt haben soll, ist am Freitagnachmittag Haftbefehl erlassen worden. Das teilte die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe mit.

Nach Spiegel-Information war der 28-Jährige von April bis Dezember 2008 Wehrdienstleistender in der Rommel-Kaserne bei den Kompanien Einsatzlazarett 411/412 stationiert. Diese Einheiten existieren nicht mehr. Das nunmehr in Dornstadt stationierte Sanitätsregiment 3 wurde erst 2015 aufgestellt.

Der in Freudenstadt gefasste 28-Jährige soll auf einen durch den Anschlag verursachten Kursverlust der BVB-Aktie gesetzt haben, um dadurch einen Millionengewinn einstreichen zu können, wie die Bundesanwaltschaft mitteilte. An islamistischen oder anderen extremistischen Hintergründen bestünden erhebliche Zweifel.

Verdächtiger wurde „intensiv beobachtet“
Der Tatverdächtige ist bereits seit mehreren Tagen im Fokus der Ermittler gewesen. Nach einem ersten Hinweis in der vergangenen Woche sei der Verdächtige intensiv beobachtet und ausgeleuchtet worden, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) am Freitag in Berlin.

Kommentar der Redaktion: Schreckliche Realität

Möglicher Börsen-Gewinn unklar
Wie viel Geld der Verdächtige im Fall des Anschlags auf den BVB-Mannschaftsbus maximal an der Börse hätte gewinnen können, ist noch nicht klar. Das werde derzeit noch berechnet, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft am Freitag in Karlsruhe. Der 28-Jährige habe drei verschiedene Derivate auf die Aktie von Borussia Dortmund erworben – die meisten davon am Tag des Angriffs selbst. Dafür habe er einen Verbraucherkredit in Höhe von mehreren zehntausend Euro aufgenommen. Sicher sei: Je tiefer die Aktie des Fußballvereins gefallen wäre, desto höher wäre der Gewinn für den Verdächtigen ausgefallen.

Der Verdächtige mit deutscher und russischer Staatsangehörigkeit wohnt nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in Freudenstadt im Schwarzwald.

Er hat seit Mitte 2016 als Elektriker in einem Tübinger Heizwerk gearbeitet. Das bestätigte ein Sprecher des Energiekonzerns MVV in Mannheim. Das Heizwerk wird von einem Tochterunternehmen betrieben. Zuvor hatte die Zeitung „Mannheimer Morgen“ darüber berichtet. Dem Mann wird versuchter Mord, Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion sowie gefährliche Körperverletzung vorgeworfen.

Festnahme nach Angriff auf BVB-Bus – Was wir wissen und was nicht

Am Dienstag vergangener Woche hatten vor dem Champions-League-Spiel der Dortmunder gegen den AS Monaco drei Sprengsätze nahe dem Mannschaftsbus gezündet. Die BVB-Spieler waren kurz zuvor mit ihrem Bus vom Mannschaftshotel zum Spiel abgefahren.

Bundesanwaltschaft zu BVB: Untersuchung des Sprengstoffs dauert an
Herkunft und Art des beim Anschlag auf den BVB-Mannschaftsbus verwendeten Sprengstoffs ist noch nicht ermittelt. Da bei der Explosion der drei Sprengsätze vergangene Woche der gesamte Sprengstoff umgesetzt worden sei, seien die Untersuchungen „etwas komplexer und etwas aufwendiger“, sagte eine Sprecherin der Bundesanwaltschaft am Freitag in Karlsruhe. Die Kriminaltechniker müssten zum Beispiel Bodenproben untersuchen.

Bei der Explosion wurde der Abwehrspieler Marc Bartra in dem Fahrzeug von Splittern getroffen und schwer verletzt. Ein Motorradpolizist erlitt ein Knalltrauma. Das Spiel war wegen des Anschlags um einen Tag verschoben worden.

Nach Angaben der Bundesanwaltschaft hat der mutmaßliche Täter Sergej W. am Tag des Anschlags auf den BVB-Bus 15.000 Verkaufsoptionen – sogenannte Put-Optionen - für 78.000 Euro in Bezug auf die BVB-Aktie erworben. Die Papiere hätten eine Laufzeit bis zum 17. Juni gehabt. Der Kauf wurde demnach über einen Online-Anschluss des Mannschaftshotels abgewickelt. Der Tatverdächtige habe die Papiere über einen am Anfang April 2017 aufgenommenen Verbraucherkredit finanziert.

Er spekulierte den Angaben nach auf fallende Kurse – die Höhe des Gewinns hänge von der Höhe des Kursverlustes ab. Mit einem erheblichen Kursverfall wäre zu rechnen gewesen, wenn wegen des Anschlags Spieler schwer verletzt oder sogar getötet worden wären. Der Verdächtige sei wie die Mannschaft Gast im Mannschaftshotel gewesen und habe dort bereits am 9. April ein Zimmer im Dachgeschoss mit Blick auf den späteren Anschlagsort bezogen.

Die BVB-Aktien erholten sich am Freitag im frühen Handel um 2 Prozent. Am ersten Handelstag nach dem Anschlag war das Papier zunächst etwas abgerutscht, schloss letztlich aber 1,7 Prozent im Plus. Viel wichtiger für den Kursverlauf waren die sportlichen Leistungen: Am Vortag war die Aktie nach dem endgültigen Aus im Viertelfinale der Champions League um rund 3,5 Prozent gefallen. Der BVB war im Jahr 2000 als erster deutscher Sportverein an die Börse gegangen.

Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) sieht die Festnahme des Tatverdächtigen als Erfolg. Jetzt gehe es darum, Beweise zu sichern und mögliche Hintergründe aufzuklären. Zum möglichen Motiv erklärte de Maizière: „Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, wäre das ein besonders widerwärtiges Tatmotiv.“

Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund erklärte: „Die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, des Bundeskriminalamts und der nordrhein-westfälischen Polizei wurden sehr intensiv und mit Hochdruck geführt. Dafür bedanken wir uns in aller Form und hoffen, dass in dem Tatverdächtigen nun der Verantwortliche für den niederträchtigen Anschlag auf unsere Spieler und Staff-Mitglieder gefasst werden konnte“, werden Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Präsident Reinhard Rauball in einer BVB-Mitteilung zitiert.

Nach Informationen von „Bild.de“ und der Deutschen Presse-Agentur sucht die Polizei nach zwei Komplizen von Sergej W.. Die beiden sollen den Angaben zufolge einen Leihwagen in Freudenstadt abgeholt haben – in dem dann möglicherweise die Sprengsätze nach Dortmund gebracht worden seien.

Die Ermittler hatten zunächst versucht, Schlüsse aus drei gleichlautenden Bekennerschreiben zu ziehen, in denen ein radikal-islamistisches Motiv für den Anschlag behauptet wird. Die Schreiben waren am Tatort gefunden worden. Nach eingehender Prüfung erhebt die Bundesanwaltschaft an einem radikal-islamistischen Hintergrund aber erhebliche Zweifel. Auch ein weiteres rechtsextremistisches Bekennerschreiben weist nach Angaben der Behörde Widersprüche und Ungereimtheiten auf. Es deute derzeit nichts daraufhin, dass es vom Täter stammt.

Ermittler haben keine Hinweise auf Mittäter bei Anschlag auf BVB-Bus
Nach der Festnahme eines Verdächtigen wegen des Anschlags auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund gehen die Ermittler davon aus, dass der Mann allein handelte. "Nach unseren bisherigen Erkenntnissen haben wir keine Anhaltspunkte für mögliche Gehilfen oder Mittäter", sagte die Sprecherin der Bundesanwaltschaft, Frauke Köhler, am Freitag in Karlsruhe. Diese Frage werde aber dennoch bei den weiteren Ermittlungen im Blick behalten.

Bayern-Coach Ancelotti zu Anschlag auf BVB-Bus: „Schwer zu verstehen“
Bayern-Trainer Carlo Ancelotti hat nach Bekanntwerden von Hintergründen zum Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund noch einmal sein Mitgefühl ausgedrückt. Er wisse nicht so richtig, wie er darauf reagieren solle, sagte der Trainer des deutschen Fußball-Meisters am Freitag in München. „Leider gibt es verrückte Menschen. Es ist schwer, solche verrückte Menschen zu verstehen. Dortmund musste einen sehr traurigen Moment durchleben.“ Er hoffe, dass so etwas nie wieder im Sport vorkomme. Gerade der Sport solle den Menschen Freude bereiten, sagte der Italiener.


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