Tiefer Brunnen der Seele

|
Die rothaarige Frau. Übersetzt von Gerhard Meier. Hanser Verlag. 286 Seiten. 22 Euro.  Foto: 

Tief hinab gräbt sich der Brunnenbauer Mahmut auf der Suche nach Wasser, und sein Geselle Cem leistet unter der anatolischen Sonne an der Seilwinde Schwerstarbeit, wenn er die Eimer voller Erde ans Tageslicht befördert. Aus der unheimlichen Dunkelheit schallen Cem die Anweisungen des Meisters entgegen – mahnende, aufmunternde Worte, als kämen sie aus einer anderen Welt, aus dem Unbewussten.

Meister Mahmut füllt eine Leerstelle in Cems Leben aus: Sein Vater nämlich, ein politischer Aktivist und Apotheker, hat sich eines Tages aus nicht näher benannten Gründen aus dem Staub gemacht. Mahmut ist im Gegensatz zum geheimniskrämerischen Vater ein geradliniger Mann mit klaren Vorstellungen. Ein Macher, der obendrein eine gewisse Macht ausübt über seinen Schützling.

Der Ich-Erzähler Cem bewundert den Brunnenbauer, und zugleich scheint er diesem Vaterersatz nicht ganz zu trauen: Im Dorf Öngören, wo die beiden auf Wasser zu stoßen hoffen, hat eine fahrende Theatertruppe Station gemacht. Der 16-Jährige verliebt sich Hals über Kopf in eine der Schauspielerinnen, eine weitaus ältere, rothaarige Frau. Er schleicht ihr nach, sucht ihre Nähe. Und wird von ihr schließlich sogar verführt. Gegen Mahmut hegt Cem allerdings fortan den Verdacht, dass dieser ebenfalls ein Auge auf die rothaarige Schönheit geworfen habe. Und als es auf der Baustelle zu einem Unfall kommt, lässt Cem den verletzten Mahmut in der Tiefe zurück – und flieht nach Istanbul, zurück zu Muttern, weg von der Geliebten, weg vom ihn nun sein Leben lang verfolgenden Meister. Eine Ruhmestat ist das nicht.

Diese Geschichte, die nur wenige Wochen umfasst, wird auf den ersten 120 Seiten von Orhan Pamuks neuem Roman „Die rothaarige Frau“ geschildert. Aber natürlich nicht nur das. Orhan Pamuk ist weniger dafür bekannt, dass er die Leser im Unklaren lässt über seine erzählerischen Absichten, und man muss nicht Psychologie studiert haben, um hier eine ödipale Gemengelage zu erkennen, die sich gewaschen hat.

Der durch den ganzen Roman hindurch thematisierte Konflikt zwischen Vätern und Söhnen wird illustriert durch diverse Mythen, die auch schon in früheren Büchern von Pamuk eine Rolle spielten. Cem erzählt dem Meister an einem der gemeinsamen Abende Sophokles‘ Ödipus-Legende; und die Theatertruppe stellt eine Sage aus dem persischen Heldenepos Schahname nach – die Geschichte von Rostam und Sohrab, eine Umkehrung der antiken Erzählung. Hier ist es der Vater, der seinen Sohn tötet. Um diese beiden Mythen dreht sich fortan alles.

Man könnte meinen, der Literaturnobelpreisträger Pamuk habe bei dieser vertrackten, klassischen, in die Gegenwart transponierten Tragödie ziemlich dick aufgetragen. Der Eindruck täuscht nicht: Die Geschichte ist penibel konstruiert, und dem Leser werden allzu viele Deutungsangebote frei Haus mitgeliefert: „An Vätern mangelt es nicht in diesem Land. Vater Staat. Gottvater. Die Generäle spielen sich als Väter auf, und sogar die Mafia. Ohne Vater kann hier keiner leben“, heißt es einmal.

Will sagen: Die Schahname-Sage steht für die archaische Welt, die strengen Gehorsam vom Sohn verlangt. Ödipus hingegen ist ein Symbol für den Aufbruch, den Westen, die Moderne – der Vatermord als Akt der Befreiung. Zugleich aber droht der moderne Mensch im „Dschungel der Stadt“ unterzugehen. Cem sucht vergeblich eine haltgebende Figur, er selbst ist ein zerrissener Charakter. In seinem Sohn, der sich auf alte Werte und die Religion besinnt, bricht dieser innere Konflikt gefährlich auf.

Es wäre wohl keine Überinterpretation, darin eine Mentalitätsgeschichte der türkischen Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten zu erkennen. Und auch wenn man der Handlung, der ausschweifenden Erzähllust Orhan Pamuks, den tragischen Wendungen dieser modernen Sage gerne folgt, so bleibt doch ein schaler Nachgeschmack angesichts des wenig subtil ausgestellten Überbaus des Romans. 

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Haller Pfarrer Christoph Baisch wird Dekan in Heilbronn

Der evangelische Theologe verlässt im nächsten Jahr die Stadt. Sein Frau bleibt aber weiterhin Oberin des Diaks und pendelt zur Arbeit. weiter lesen