Serebrennikov: Märchen ohne Happy End

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Kirill Serebennikov darf nicht nach Stuttgart.  Foto: 

Ann-Christine Mecke, die Dramaturgin, trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Free Kirill“. Alle haben sie an der Oper Stuttgart gehofft, dass Regisseur Kirill Serebrennikov zumindest zur Premiere von „Hänsel und Gretel“ am Sonntag kommen darf. Doch die russische Justiz hat den Hausarrest, unter dem der 48-Jährige seit Ende August steht, noch einmal bis 19. Januar verlängert.

Serebrennikov wird beschuldigt, als Leiter des Moskauer Gogol-Centers Fördergelder des Staates unterschlagen zu haben. Unabhängige Beobachter sprechen freilich von einer politischen Anklage, um einen unliebsamen, homosexuellen  Künstler mundtot zu machen, Und mit dem Hausarrest hat der Richter schon vor dem Prozess praktisch ein Berufsverbot verhängt.

Stuttgarts Opernchef Jossi Wieler zeigte sich gestern „tief erschüttert“. Sein ganzes Haus fühle sich künstlerisch verantwortlich für diese Produktion, die nur Serebrennikov selbst vollenden könne, sobald er frei sei. Diese Inszenierung sei ein „work in progress“. Grundlage der Aufführung von „Hänsel und Gretel“ bleibe ein Film, den Serebrennikov im Frühjahr in Ruanda gedreht hat. Das nämlich war sein Konzept: Zwei Kinder aus Afrika, wo man weiß, was Hunger bedeutet, flüchten nach Europa. Die Hexe der Märchenoper steht sinnbildlich für die verlockende Konsumwelt Stuttgarts. Im Prinzip schuf Serebrennikov mit seinem Team einen Doku-Stummfilm, für den dann live im Opernhaus das Orchester und die Sänger den Soundtrack liefern sollten. Ein Experiment.

Der Film ist zu 80 Prozent fertig, aber was jetzt konkret in dieser Inszenierung passieren wird, wollte Wieler gestern nicht verraten. Welche außergewöhnliche Idee hinter Serebrennikovs Lesart von Humperdincks „Hänsel und Gretel“ steckt, zeigt ein Dokumentarfilm, den Hanna Fischer für den SWR in Zusammenarbeit  mit der Filmakademie Baden-Württemberg über das Projekt drehte (er läuft im SWR-Fernsehen am 19. November, 11 Uhr).

Zu sehen ist in Serebrennikov ein sehr herzlicher, humorvoller Mensch, ein cool fantasievoller Film- und Theatermann:  „Moskau ruft an und wartet!“, sagt er am Ende nichts­ahnend. Jetzt hofft Stuttgart, dass zur Premiere zumindest die zwei wunderbaren Kinder aus Afrika kommen können – noch sind die Visa nicht da.

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