Museum Ulm als Wunderkammer

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Sie muss nur die Hand über den Kelch halten, schon geschieht das Wunder. Wasser zu Wein, Wein zu Blut? Ob sich in dem silbernen Messbecher eine Wandlung vollzieht, das bleibt unter dem Deckel mit seinem Kreuz verborgen. Aber darunter, da läuten plötzlich die Glocken! Mit einer leichten Bewegung hat Stefanie Dathe die Installation von Chris Eckert in der Ehinger-Kapelle zum Klingen gebracht. Und das ganze Museum Ulm gleich mit.

„Erwarten Sie Wunder!“ hat die Chefin ihren kuratorischen Einstand mit einem Augenzwinkern genannt, denn sie weiß um die überzogenen Erwartungen der in Sachen Museum leidgeprüften Stadt. Dabei ist das größte Wunder vielleicht nicht einmal die Ausstellung selbst, sondern die Tatsache, dass da eine Chefin steht, die erst einmal strahlend auf ihr „grandioses Team“ verweist, mit dem sie in dreieinhalb Wochen das ganze Haus um- und zwei Ausstellungen aufgebaut habe. Dass da auf einmal eine Idee durch die Räume schwingt, die das Museum Ulm in eine einzige Wunderkammer verwandelt; Dathes Handschrift aus ihrem vormaligen Museum Villa Rot ist freilich deutlich erkennbar.

Wie es der Zufall will, besitzt das Haus längst eine Wunderkammer. Im 17. Jahrhundert bestückte der Ulmer Kaufmann Christoph Weickmann sein Kuriositätenkabinett mit allerlei exotischen und bemerkenswerten Dingen, darunter wertvollen Stücken wie den heute weltweit ältesten datierbaren Textilien aus Westafrika.

Mittelalter-Kuratorin Eva Leistenschneider hat die Kammer jetzt nach 27 Jahren zusammen mit dem Planungsbüro Space 4 komplett neu inszeniert. Nämlich so ähnlich, wie sie gemäß historischen Bildern wohl einmal ausgesehen hat.

Zeitgenössisch kommentiert

Die Objekte lagern wie einst in buntem Nebeneinander auf Schränken und Kommoden sowie auf einem Tisch in der Mitte, der ein Modell des Weickmannschen Anwesens zeigt. Der Einheimische wird darin gleich die schöne alte Loggia im Hof des Restaurants Drei Kannen erkennen. Außerdem können die Besucher die Inventarliste der einst 1000 Objekte umfassenden Sammlung studieren (rund 80 sind noch übrig) und bei dieser Gelegenheit herausfinden, dass vormals sogar eine „Mumia Arabica“ zum Kabinett gehörte. Ein „ausgedörrter ganzer Mohr“, der allerdings irgendwann diskret begraben wurde.

„Groß sind die Werck deß Herrn/wer ihr achtet/der hat eytel lust daran“ – den Psalm, der Weickmanns Liste einleitet, nehme man als Fingerzeig für alles Weitere, denn von nun an sollte man mit offenen Augen und Ohren durchs Haus streifen. Insbesondere die Abteilung Alter Kunst macht „eytel lust“ durch allerhand Überraschungen, wird mal leiser, mal lauter, mal liebevoll, mal kritisch von diversen zeitgenössischen Künstlern kommentiert.

Neben der Kapelle lässt Chris Eckert einen automatischen Rosenkranz beten, das barocke Vanitas-Motiv  glitzert bei Nicola Bolla durch ein Skelett aus Kristallen, und Stefan Bircheneder kontert das historische Kiechelhaus frech mit einer ganzen Raumflucht aus Elementen zerfallender Industriearchitektur. Unter die prachtvollen Stuckdecken hat er perfekt illusionistisch gemalte Schaltflächen, eine Brandschutztür, ja sogar einen Lastenaufzug gebaut. Und an der Wand steht das Graffito „Stillstand“. Nicht umsonst hat es jemand bereits übermalt, denn Stefanie Dathe signalisiert mit dieser Schau sehr deutlich, dass sie nicht gewillt ist, sich von der Komplexität des Sieben-Häuser-Baus unterkriegen zu lassen. Wo es sich verwinkelt,  wird halt hineingeleuchtet, wo es behäbig protzt, da provoziert die Museumschefin mit einem gezielten Bruch.

Auf dem Weg nach unten fällt man über schnarchende Lüster und läuft auf quietschenden Teppichen, um im Erdgeschoss mit Pflanzen zu malen und bizarre Fantasietiere wie die Straußengiraffe von Thomas Grünfeld oder die surrealen Federwesen von Kate MccGwire in ihren Schaukästen anzustaunen.

Auch diese zeitgenössische Kunst-Kammer – in Windeseile zusammengetragen mit Hilfe von Künstlern und Sammlern – will staunen machen. Doch soviel Fülle braucht es fast schon nicht mehr: Die wahre Entdeckungsreise ist der Weg dorthin.

Die zwei Ausstellungen „Erwarten Sie Wunder! Das Museum als Kuriositätenkabinett & Wunderkammer“ sowie „Walt Disney: Fantasien werden niemals alt. Von der Märchenbuchillustration des 19. Jahrhunderts zu Trickfilm & Comicstrip“ eröffnen heute, Freitag, 18 Uhr, im Museum Ulm. Zur Disney-Ausstellung gibt es bereits um 15 Uhr eine Lollipop-Vernissage für Kinder und Familien. Öffnungszeiten: Di-So 11-17 Uhr, Do bis 20 Uhr. 

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