Frank-Markus Barwasser begeistert als Erwin Pelzig

|

Dass mit der Kunstfigur Erwin Pelzig kein Leichtgewicht des politischen Kabaretts auf die Bühne kommen wird, dürfte wohl allen Besuchern im nahezu ausverkauften Neubau-Saal vorab bewusst gewesen sein. Auch wenn die Mehrheit eingefleischte Fans zu sein scheinen – dass er mit solch einer Brachialgewalt in der wahrscheinlich reinsten Form des politischen Kabaretts so gnadenlos zuschlagen wird, hat dann doch überrascht.

Mitleid mit Merkel

Über zweieinhalb Stunden lang klärt der Kabarettist in ungebrochen hohem Tempo über die Wahrheiten und Lügen der „globalen Palliativstation“ auf. „Das Grundproblem der Welt sind die weißen, heterosexuellen Männer.“ Vor allem die Despoten, die in der jüngsten Zeit immer häufiger sogar gewählt würden. „Ich hatte Mitleid mit Merkel“, offenbart er sich. „Das werde ich Trump nie verzeihen.“

Die „zurückgebliebenen Männer von Mecklenburg-Vorpommern“ werden von ihm immer wieder bemüht, wenn es sich um die Weisheiten der Straße handelt. Er plädiert für einen „Perspektivenwechsel“, wenn man die Probleme der Welt verstehen will. „Wir sind das Volk“, skandieren die einen. Er vergleicht das mit Pinguinen, die hinter ihrer Forderung „Wir sind der Zoo“ das Gelächter der Elefanten bei ihrem Marsch nicht mehr hören können.

Denkfaulheit, Rechtschreibschwäche und Internetanschluss sind für den „digitalen Immigranten mit analogem Migrationshintergrund“ eine der Hauptursachen für das Elend unserer Gesellschaft, so Frank-Markus Barwasser. „Wenn viele Menschen ihren Verstand gleichzeitig stilllegen, nennt man das jetzt eine Bewegung.“

Der Würzburger Ausnahmekabarettist kleidet seine Bestandsaufnahmen der Welt gern in einfache Sätze: „Wenn Lügner Lügner Lügner nennen.“ Die folgen jedoch in solch einer Dichte, dass sie bisweilen nur noch schwer nachzuvollziehen sind. Es ist nicht das berühmte Lachen, das im Halse stecken bleibt. Es bleibt kaum Zeit, über eine gelungene Pointe nachzudenken. Extrem schnell setzt der vielprämierte 57-Jährige schon zum nächsten Bonmot an. „Wenn man Heuchelei in Europa in Energie verwandeln könnte, wäre das fossile Zeitalter schon lange beendet.“

Er wundert sich über den NSU-Prozess, bei dem schon sechs Zeugen „überraschend“ gestorben sind. Und er wundert sich über die SPD, aber nicht darüber, dass die Afrikaner, „denen wir ihr Meer leerfischen“, irgendwann hierherkommen, um zu sehen, „was aus ihrem Fisch geworden ist“.

Über Wahlen und Heimat

Barwasser vergleicht als überzeugter Wähler („Ich wähle immer das kleinere Übel“) die Wahlen mit einer Darmspiegelung und setzt sich kabarettistisch korrekt mit dem Heimatbegriff auseinander. „Heimat ist dort, wo ich herkomme. Wo jeder mich kennt und zu mir sagt: Hau’ ab.“

Zweifelnder Zuschauer

Frank-Markus Barwasser hat als Erwin Pelzig noch so unendlich viel zur Lage der Welt zu sagen, dass man bei dem Auftritt im Neubau-Saal fast schon davon erschlagen wird. „Er hat ja in allem Recht“, urteilt ein Zuschauer. „Aber ich bin mir nicht sicher, ob ich das alles so komprimiert hören möchte.“

Erwin Pelzig (das Mineralwasser verkörpernd), der in seinen Nebenrollen auch noch als konservativer Dr. Göbel (Rotwein) und eher einfach gestrickter Hartmut (Weizenbier) am fiktiven Stammtisch sitzt, lässt das anspruchsvolle politische Kabarett wieder auferstehen. Das ist ein Meisterstück, möchte man sagen. Wenn auch ein sehr anstrengendes.

Schwer verkraftbar und grandios

Der Auftritt von Frank-Markus Barwasser ist kein einfacher Abend. Man bekommt bisweilen mehr Kabarett, als man ertragen und verarbeiten kann. Schwer verkraftbar, aber einfach grandios.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Mehr Menschen ohne Arbeit

Die offizielle Zahl der Arbeitslosen ergibt ein schiefes Bild. In ihr sind Tausende, die keinen Job haben, nicht berücksichtigt. weiter lesen