Zurück bleiben die Lebenszeichen

Er war ein Kunstversteher und Kunstvermittler. Mainhardter und Haller trauern um Adam Matheis, Kustos des Gailsbacher Pahl-Museums.

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Adam Matheis in seinem Element: Der verstorbene Kustos des Pahl-Museums zeigt ein Selbstportrait aus dem Fundus der Pahl-Stiftung. Matheis ist gestern in Geißelhardt beerdigt worden.  Foto: 

Sein Haus in Lachweiler war eine Art Galerie: ausgestattet bis auf den letzten freien Platz mit Bildern seiner Frau, seiner Kinder und Enkel, befreundeter Künstler und auch so manch eigenem Werk. Hier war es, wo der frühere Realschullehrer Adam Matheis bei einem Glas französischem Rotwein seine Freunde dafür begeisterte, sich für das Manfred-Pahl-Museum zu engagieren. Jahrelang führte das Museum und ehemalige Atelier des Stuttgarter Kunstprofessors in Gailsbach ein Schattendasein. Matheis bewahrte es vor dem Vergessen. Aus der kleinen Runde in seinem Wohnzimmer entstand 2011 ein Freundeskreis, der in den vergangenen sechs Jahren einen Teil des Pahl-Museums vor dem Abriss rettete, Spenden sammelte und es dann sanierte. Diesen Kreis hat der frühere Kunstlehrer nun für immer verlassen: Vergangenen Dienstag starb er im Alter von 84 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit.

Auch in Hall trauern Freunde um den früheren Realschullehrer und umtriebigen Kunstvermittler. Im Kunstverein war Matheis Beirat, half mit, so manche Ausstellung in der Stadtgalerie zu organisieren, steuerte eigene Werke bei und knüpfte Kontakte in die Künstlerszene der Region.

Schon lange hatte er sich jemanden gewünscht, der an seiner Seite den Nachlass Pahls aufarbeitet und das Museum betreut. Seinen Freunden in Mainhardt erschien dies nicht so drängend – sie kannten ihn als jemanden, der seine Projekte voller Energie anging, dabei eine jugendliche Freude versprühte, sich mit Tennisspielen fit hielt, aber auch nie ruhen wollte. Die Kunst sei es, die ihn lebendig halte, sagte Matheis oft.

Noch im Juli hatte er eine Ausstellung eines Pahl-Urenkels eröffnet.  Fabian Orasch setzt sich derzeit im Pahl-Museum mittels eigener Installationen mit dem expressiven Realismus des Urgroßvaters auseinander. Auf dieses besondere Ereignis hatte sich Matheis lange gefreut.

„Adam war ein sehr humorvoller und gewitzter Mensch“, sagt Karl-Heinz Hedrich. Die beiden waren seit 54 Jahren gute Freunde. „Er verstand es, einem mit Ironie die eigenen Schwächen aufzuzeigen.“ Ein wenig Frotzelei gehörte dazu. Sie lernten sich kennen, als Hedrich Verwaltungskandidat im Geißelhardter Rathaus war und Matheis einziger Lehrer im Rappenhof, einer Dorfschule ohne Telefon, wo er seinen Schülern auch Schach- und Tischtennisspielen beibrachte. Matheis leitete im Rappenhof den gemischten Chor, gehörte zu den Gründern der Tischtennisabteilung des SSV Geißelhardt und spielte  noch bis ins hohe Alter regelmäßig Tennis.

Doch für viele Mainhardter war die Person Matheis‘ stets mit dem Pahl-Museum verbunden. Weil er einen großen Respekt vor Pahls Wirken habe, „sowohl aus künstlerischer und aus menschlicher Sicht“, übernahm er nach dessen Tod 1994 das Amt des „Wächters“, wie sich der griechische Begriff „Kustos“ übersetzt. Sein Freund Hedrich, damals Bürgermeister in Mainhardt, hatte ihn darum gebeten. Dass Pahl während der Nazi-Herrschaft zu seiner jüdischen Ehefrau Anne hielt und dafür sogar das Konzentrationslager in Kauf nahm, diese Haltung bewunderte der Kustos.

Die beiden lernten sich persönlich kennen, als Matheis‘ Frau Sigrid gemeinsam mit Pahls Tochter an der Stuttgarter Kunstakademie studierte, wo wiederum Manfred Pahl als Professor lehrte. Jedes Jahr stellte Matheis eine neue Ausstellung aus dem Nachlass des Künstlers zusammen und forschte im Fundus, um verborgene Schätze ans Licht zu bringen.

Die Begeisterung für die Kunst prägte Matheis’ Leben. Schon in der Grundschule habe er für seine Mitschüler Bilder für den Kunstunterricht gemalt und damit sein erstes Geld verdient, berichtete Matheis vor Jahren dem Haller Tagblatt. Später habe er Werke von Paul Klee nachgemalt. In jungen Jahren sei die Kunst ein Mittel gewesen, um Emotionen auszudrücken.

Adam Matheis wurde am 6. März 1933 im ungarischen Csátalja (deutsch: Tschatali) geboren und kam im Alter von 13 Jahren mit seiner Familie nach Waiblingen, wo er das Gymnasium besuchte. 1958 heiratete er in Waiblingen seine Frau Sigrid, die 1997 verstarb. Das Paar hat zwei Töchter. Matheis studierte Lehramt in Stuttgart, Ravensburg und Freiburg. Er wirkte zunächst als Volksschullehrer in Stuttgart, ehe er erneut studierte, um höhere Klassen auch an anderen Schulen unterrichten zu können. Von 1961 bis 1968 war er einziger Grundschullehrer im Rappenhof, kam dann als Realschullehrer nach Hall und später nach Mainhardt, wo er die Fächer Kunst, Musik, Deutsch und Mathematik lehrte.

Gestern beigesetzt

„Er fehlt uns jetzt schon“, sagt die Schriftführerin des Haller Kunstvereins, Elke Müller. „Er hat wirklich viel für den Kunstverein gemacht und es war eine Freude, ihn dabeizuhaben.“ „Unendlich traurig“, ist Karl-Heinz Hedrich über den Verlust seines Freundes, es sei zudem „ein ganz herber Verlust für den Freundeskreis Pahl-Museum“. Er habe noch so viele Ideen gehabt und noch so viel vor. „Er hat mir die Augen für die Kunst geöffnet“, sagt der Mainhardter Bürgermeister Damian Komor. Matheis Sachverstand habe er geschätzt, vor allem aber seinen unermüdlichen Einsatz für das Pahl-Museum. „Er hat es geschafft, das Werk Pahl wieder ins Bewusstsein der Mainhardter zu rücken.“

Adam Matheis ist gestern in Geißelhardt im engeren Kreise beigesetzt worden.

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