Zum Nachlesen: „Das verschwundene Christkind“

Unser Fortsetzungsroman „Das verschwundene Christkind“, der in unserer Beilage „Weihnachtsengel“ erscheint, kann hier nachgelesen werden.

|
 Foto: 

1996

Elena Frolow konnte ihr Glück kaum fassen. Endlich war sie da. Die kleine Maria war viel früher als geplant am Morgen um 3.12 Uhr auf die Welt gekommen. Wie ihre Freundin Sabine prophezeit hatte, war die Geburt dann doch schneller vorbei als befürchtet. Auch wenn der Beginn der Wehen etwas holprig war. Zum Glück war diese junge Krankenschwester zufällig in der Nähe. Und eigentlich waren die Strapazen schon jetzt – knapp sechs Stunden später – längst vergessen. Auch dass er bei der Geburt nicht dabei war. Wie sollte er auch.

Jetzt am Morgen gegen neun Uhr gab es endlich einen Moment zum Verschnaufen. Die Kleine schlief satt und zufrieden selig neben dem Krankenbett. Und Elena hatte Zeit. Müde war sie momentan nicht. Das lag wohl am Adrenalinspiegel. Sie war so glücklich, dass sie es kaum beschreiben konnte. Also blätterte sie gedankenverloren in der Zeitung. Es war Heiligabend. Es gab im Haller Tagblatt Weihnachtsgeschichten von Lesern und Berichte über Verkehrsprobleme wegen des Schnees. Klar. Auch andere hatte das Schneechaos schließlich betroffen. Auf Seite 21 hatte die Redaktion Weihnachtswünsche von Sechstklässlern gesammelt. Der kleine Adam wünschte sich, dass er in Cola baden könnte. Simons größter Wunsch war ein Schwimmbad zu Hause. Viele Kinder wollten vor allem, dass es keinen Krieg mehr geben und niemand mehr hungern sollte. Eine Maria wie ihre Kleine war nicht dabei. Nur zwei Alexander, Andreas, Nicole, Christian, zwei Mal Johannes, eine Lena... Darunter auch ein Gesicht, das ihr irgendwie seltsam vertraut vorkam. Sie wusste nur noch nicht gleich warum.

2016

Martin Maaßen riss die Tür zum Großraumbüro auf. Die lag direkt in ihrem Rücken. Anna Ruf zuckte an ihrem Schreibtisch zusammen. Immer musste er die Tür so schwungvoll aufreißen. Über die rechte Schulter sah sie im Augenwinkel, wie sich der schmale Maaßen in seinem Rollkragenpullover neben ihrem Schreibtisch aufbaute. „Frau Ruf, woran arbeiten Sie gerade?“ Sie erklärte kurz und knapp, was das Tagesgeschäft zu bieten hatte. Stippvisite beim Weihnachtsmann auf dem Haller Weihnachtsmarkt. Ehrenamtliche helfen Obdachlosen im Brenzhaus. Typische Vorweihnachtstermine. „Sehr gut, sehr gut, Frau Ruf“, sagte Maaßen und fuhr fort: „Wenn Sie damit fertig sind: Könnten Sie nicht mal eine erweiterte Version von „Vor 20 Jahren im HT“ für die Ausgabe nach Weihnachten machen? Versuchen Sie doch mal, die Kinder, die am Heiligabend 1996 im Diak geboren wurden, ausfindig zu machen. Das ergibt doch bestimmt eine schöne Lesegeschichte. Das ist doch genau das Richtige für Sie.“ Anna Ruf mochte solche Geschichten tatsächlich. Schließlich waren die vermeintlich einfachen Stories der normalen Menschen oftmals die spannendsten und berührendsten. Am Ende des Arbeitstages, nachdem ihre Texte fertig und korrigiert waren, fand sie sich also im Archiv im Untergeschoss des Verlagsgebäudes in der Haalstraße wieder. Lange Reihen von Regalen mit dicken, grauen und blauen Bänden, in denen die Ausgaben der vergangenen Jahrzehnte gebunden waren. Sie mochte den Geruch der Vergangenheit und die Ruhe hier unten. Im zweiten Regal von rechts fand sie den Dezember 96. Sie blätterte über den Monat hinweg. Blutspendeaktionen in Hall, die OB-Kandidaten beim HT-Forum, in der Heiligabend-Ausgabe Weihnachtsgeschichten und Kinderwünsche. Beim 27. Dezember angekommen, entdeckte sie nach Texten über die Unterhaltungselektronik-Händler, die auf einen Trend zum Digitalen hofften und über Ehrenamtliche, die Obdachlosen halfen, einen Zweispalter mit der Überschrift: Vier „Christkindle“ im Diak geboren. Zwei Mädchen und zwei Jungs sollen am Heiligabend 1996 dort zur Welt gekommen sein: Larissa, Maria, Leon und Tim. Anlässlich der Geburt der kleinen Larissa hatte eine Bekannte der Eltern gar ein Gedicht verfasst, das abgedruckt wurde. Wieder an ihrem Schreibtisch tippte Anna Ruf die Nummer der Pressesprecherin der Klinik ins Telefon. Die dürfe die Namen der damals geborenen Kinder natürlich nicht einfach herausgeben. Klar. Aber sie versprach, bei den Eltern, von denen sie die Namen hatte, mal nachzufragen, ob sie für ein Interview zur Verfügung stünden. Der erste Schritt war getan.

Zwei Tage später hatte Anna Ruf Antwort. Tatsächlich konnte die Pressesprecherin drei der vier Elternpaare ausfindig machen. Alle lebten noch in der Region. Die Eltern von Larissa und Tim würden mit Anna Ruf reden. Leons Eltern hätten kein Interesse. „Und das vierte Kind? Diese Maria?“ Die Pressesprecherin zögerte kurz: „Da habe ich gar nichts gefunden. Der Name taucht nirgendwo anders auf. Zumindest nicht im Internet oder Telefonbuch.“ Anna Ruf bedankte sich für die Mühe und legte auf. Mit den Eltern von Tim und Larissa machte sie gleich Termine für die nächsten Tage – natürlich gemeinsam mit den Christkindern. Nur diese Maria ließ sie nicht los. Gar keine Einträge im Internet, in sozialen Netzwerken? Bei einer 20-Jährigen? Das fand Anna Ruf seltsam. Und nur zwei Christkinder von vieren waren ohnehin noch zu wenig. Drei wären schon gut für die Geschichte. Gleich am nächsten Morgen wollte sie mal persönlich im Diak vorbeigehen und schauen, ob sie nicht doch den Nachnamen des Kindes herausbekommen könnte. Sie kannte von einem Porträt im Azubi-Magazin da eine junge Krankenschwester, oder wie es offiziell heißt Gesundheits- und Kinderkrankenpflegerin, auf der Entbindungsstation. Wenn sie selber recherchierte, war sie vielleicht erfolgreicher.

Teil 2:

1996

Er war fest entschlossen. Er musste es Elena sagen. Dass das mit ihnen beiden keine Zukunft hat. Dass es einfach nicht ging. Schnellen Schrittes bog er um die Ecke zum Biergarten des Hotels. Da sah er sie. In ihrer schmalen Uniform balancierte sie übergroße Bierkrüge zu übergroßen Touristen, die den Ausblick auf das Gebirge genossen. Als er sie sah, wie sie lächelte, ihre Augen strahlten, die Sonne sich in ihren Haare verfing, wusste er, dass er es nicht konnte. Er wollte sie mit diesem Lächeln in Erinnerung behalten. Er wollte, dass sie sich immer glücklich an den Hohenloher erinnerte, mit dem sie so schöne Tage verbracht hatte. Sie sollte lieber denken, dass es für ihn nur eine Affäre war und er – wie jeder andere Urlauber auch – zurückgefahren sei. Dieser Schmerz verging schneller als der darüber, dass er sie liebte und trotzdem nicht bei ihr sein konnte. Er drehte um und stieg wieder in sein Zimmer hinauf, holte seine Reisetasche vom Schrank und begann zu packen. Er musste schnell weg. Zurück zu seiner Frau, die er nicht mehr liebte. Er hätte es schon damals wissen müssen, als sie mit ihrer schallenden Lache in sein Leben polterte. Damals war er fasziniert von ihrer Stärke, die aber schnell in Dominanz umschlug. Nun fühlte er sich nur noch klein und bedeutungslos. Unterdrückt. Doch trotzdem musste er zurück. Früher hätte er sie einfach verlassen. Doch es ging nicht mehr nur um sie als Paar. Es ging um seine kleine Familie.

2016

Franziska war eine schmale Frau Mitte 20. Ihr dunkler Bob-Haarschnitt schmiegte sich harmonisch um ihre rosigen Wangen. Sie war überrascht, Anna Ruf auf ihrer Station zu sehen. Seitdem Anna sie im Azubi-Magazin der Zeitung porträtiert hatte, duzten sie sich. „Hallo Anna. Willst du zu mir?“, fragt sie noch bevor die Journalistin nah genug an sie heran war, um die Frage in normaler Lautstärke zu verstehen. „Ja“, sagte Anna Ruf. „Ich bin da an so einer Sache und hatte gehofft, du könntest mir helfen. Nachdem Anna ihr ihr Anliegen erklärt hatte, überlegte die Schwester kurz. „Puh. Da kann ich dir nicht helfen. Da fällt mir nur Schwester Helga ein. Die ist schon ewig hier. Vielleicht weiß die etwas.“

Zum Glück hatte Helga Mundel gerade Dienst. Im Schwesternzimmer machte sich die kräftige Frau, die ihre Haare mit einer Spange lose im Nacken zusammengebunden hatte an einer Butterbrezel zu schaffen. Sie musste so Mitte 50 sein. Franziska stellte Anna kurz vor und die durfte ausnahmsweise eintreten in die heiligen Hallen. „Es geht um die Kinder, die hier an Weihnachten 1996 geboren worden sind. Können Sie sich daran noch erinnern?“, fragte Anna und fixierte die Schwester. „Also das ist 20 Jahre her. Das glaube ich nicht.“ - „Das war das Jahr, indem es das große Schneechaos gab. Ein Kind davon hieß Maria.“ Schwester Helga kniff die Augen zusammen und riss sie dann plötzlich wieder auf. „Ja. Das Schneechaos. Und die kleine Maria. Stimmt. Das war eine komische Geschichte. Ihre Mutter habe ich zufällig an der Bushaltestelle aufgelesen. Sie saß da ganz hilflos mit Schmerzen und wartete schon ewig auf einen Bus, der aber wegen des Schnees nicht kam. Ich wollte gerade zum Dienst. Sie hatte wirklich Glück, dass ich zufällig da war. Trotz der Wehen wollte sie sich erst nicht helfen lassen. Redete davon, sie müsse erst etwas erledigen. Doch ich hab sie überredet und ein paar Stunden später hat sie hier ein Mädchen zur Welt gebracht.“ Anna fragte nach dem Namen der Mutter. „Elena glaube ich“, sagte die Schwester. Aber an den Nachnamen kann ich mich wirklich nicht erinnern. Da müssen sie mal unsere Pressesprecherin fragen. Ich hatte dann auch keine Chance, mit ihr noch einmal zu sprechen. Als ich am nächsten Tag zum Dienst kam, war sie schon weg.“ - „So schnell nach der Geburt?“ – „Ja. Das war seltsam. Offenbar hatte sie sich schon am Morgen selbst entlassen, die Rechnung bar bezahlt. Das war sehr ungewöhnlich. Aber sie war wohl keine Deutsche und nicht hier versichert. Aber dass sie so eine große Summe bar dabei hatte, fand der Kollege schon seltsam. Und ich auch.“ - „Das heißt, Sie haben nie wieder etwas von ihr gehört?“ - „Der Kollege, bei dem sie sich angemeldet hatte, hat sie wohl einen Tag später nochmal aus der Weinstube Weibrecht kommen sehen. Aber ansprechen konnte er sie nicht. Sie war zu schnell weg.“

Ihr nächster Weg führte Anna Ruf also zu besagter Weinstube. Vielleicht kannte man dort ja die Frau. Wirtin Sabine war ein echtes Haller Original. Mitte 40, stämmig, mit der schallendsten Lache, die Anna je gehört hatte. Sie hatte immer etwas zu erzählen. Sie hatte die Weinstube früh von ihren Eltern übernommen. Ihr Mann Gregor war der ruhige Part. Er stand in der Küche und bereitete die kleinen Köstlichkeiten zu, die es zu den Viertele mit Weinen aus der Region gab. Wurstsalat, Käsespätzle oder Salzfleisch mit Kraut.

Jetzt kurz vor Weihnachten herrschte Hochbetrieb. Gerade, weil Sabine die Weine auch in einer kleinen Ladenecke verkaufte. Das perfekte Weihnachtsgeschenk. Über die Feiertage hatte die Weinstube traditionell zu. Ob das schon immer so war? Dann müsste Sabine die Frau gekannt haben, die 1996 am ersten Feiertag aus der Weinstube kam.

Sabine Weibrecht erkannte Anna Ruf sofort. Schließlich kehrte die Redaktionscrew nach dem Sommernachtsfest in den Ackeranlagen traditionell noch bei ihr ein. Seit drei Jahren war auch Anna dabei. Erst als Volontärin und nun als Redakteurin. Sabine Weibrecht servierte gerade zwei Viertele Trollinger an ein älteres Ehepaar, als Anna sie bat, kurz mit ihr in die ruhige Nische zu verschwinden. Zum Glück war der Stammtisch am Morgen unbesetzt. Anna kam sofort auf den Punkt und fragte nach der Frau, die der Pfleger vor der Weinstube gesehen hatte. „Anna, dazu kann ich nichts sagen. Zufällig weiß ich aber genau, dass ich da gar nicht da war. Diese Frau kann also nicht bei uns drinnen gewesen sein. Ich habe doch kurz danach meine Julia auf die Welt gebracht. Das war damals alles ganz schön aufregend. Ich hatte ja lange gar nicht gewusst, dass ich schwanger war. Und als ich es dann erfahren habe, habe ich beschlossen, das für mich zu behalten und nur mit meinem Mann wegzufahren, damit wir zumindest noch die letzten Wochen der Schwangerschaft genießen können. Eigentlich dachten wir ja, wir können gar keine Kinder bekommen und hatten nicht damit gerechnet, dass es doch noch klappt.“ Davon hatte Anna erst neulich gelesen. Gerade bei Müttern mit lange unerfülltem Kinderwunsch kam es zwar selten, aber doch manchmal vor, dass sie eine Schwangerschaft lange verdrängen und es einfach nicht für möglich halten. Julia war die einzige Tochter der Weibrechts. Groß gewachsen, schlank, dunkelblond und mit strahlend blauen Augen. Ab und zu half sie in der Weinstube ihrer Eltern aus und war sicher auch ein Grund, warum sich auch viele junge Männer gerne mal hierher verirrten. Seit dem Herbst studierte sie in Heilbronn Weinbetriebswirtschaft und war dort in eine WG gezogen. Seitdem half Gregor Weibrechts Bruder Thomas aus. Der hatte zwar einen Vollzeitjob als Versicherungskaufmann, wollte seinen Bruder aber nicht im Stich lassen und servierte nach Feierabend ab und zu in der Weinstube. Das Ehepaar Weibrecht war schon länger auf der Suche nach einer Bedienung. Schon öfter hatte Anna aber mitbekommen, dass Sabine Weibrecht schnell eifersüchtig wurde auf die Kellnerinnen. Deshalb, so munkelte man, sei noch keine geeignete Kandidatin gefunden.

Als Anna die Weinstube verließ, war sie frustriert. Sollte ihre einzige Spur wirklich so ins Leere führen? Als sie um sich blickte und die umliegenden Häuser dabei streifte, nahm sie wahr, wie sich gegenüber der Weinstube im Erdgeschoss eines alten Fachwerkhauses die Gardine bewegte. Natürlich, schoss es ihr durch den Kopf. Die alte Ludwig. An die hatte sie noch gar nicht gedacht. Gisela Ludwig rief alle paar Wochen in der Redaktion an und wollte dies oder jenes beobachtet haben. Oft waren es triviale Geschichten und Verdächtigungen, die es nicht in die Zeitung schafften. Der Nachbar wirft seinen Müll immer in ihre Tonne. Der Nachbarsjunge gehöre bestimmt zu einer gefährlichen Drogengang, weil er immer hinter dem Haus rauche. Schon oft hatte ihr Anna Ruf erklären müssen, dass das keine Geschichte für die Zeitung sei. Klar, eine besonders glaubwürdige Zeugin war Gisela Ludwig nicht. Aber sie bekam alles mit und an dem Punkt, wo Anna Ruf gerade war, halfen vielleicht auch Gerüchte, denen sie nachgehen konnte.

Teil 3

Gisela Ludwig bat Anna gleich herein. Dass sie bei der Zeitung arbeitete, wusste die alte Dame natürlich von den Fotos an den Kommentaren. „Schnüffeln Sie gerade bei den Weibrechts rum?“ , fragte sie ohne Umschweife und fixierte Anna Ruf mit den grauen Augen. „So kann man das nicht sagen, Frau Ludwig. Aber tatsächlich würde ich gern etwas wissen. Sie bekommen doch alles mit.“ Entsetzt winkte Gisela Ludwig ab. „Sie tun ja gerade so, als würde ich hier alle beobachten. Ich gieße halt häufig meine Blumen am Fenster. Da bekommt man zwangsläufig einiges mit.“ – „Natürlich, Frau Ludwig. Anders war das auch gar nicht gemeint. Es geht um Weihnachten 1996. Wissen sie noch, wo die Weihbrechts da waren?“ – „Natürlich. Das vergesse ich nie. Weil die danach ja mit dem Kind gekommen sind. Die waren weggefahren. Und als sie im Januar wiederkamen, hatten sie auf einmal die Julia dabei. Das war schon seltsam, weil keiner davon gewusst hatte, dass die Sabine in anderen Umständen war. Und dann tauchen die da plötzlich mit dem Kind auf. Auch die Anneliese Wilhelm von nebenan fand das komisch. Die haben die Julia bestimmt irgendwo gekauft. In Tschechien oder so. Da waren die ja sowieso öfter schon vorher. Und jetzt schauen sie sich das Mädel doch mal an. Die sieht ihrer Mutter doch nun wirklich nicht ähnlich.“ Wenn Anna so darüber nachdachte, war wirklich kaum eine Ähnlichkeit vorhanden zwischen Mutter und Tochter. Und auch Vater Gregor sah ihr kaum ähnlich. War Julia etwa die Maria, die Anna Ruf suchte? Anna bedankte sich bei Frau Ludwig, die noch kurz auf ihren Nachbarsjungen hinwies, der unter Drogenverdacht stand. Als die Journalistin schon fast aus der Tür war, fiel ihr noch eine Frage ein: „Wissen Sie, wann die Weibrechts damals an Weihnachten losgefahren sind? Schon am 24. Oder später?“ Die Seniorin dachte kurz nach. „Das kann ich nicht sagen. Aber als das Haus gebrannt hat, waren sie auf jeden Fall schon weg.“ Anna Ruf kräuselte die Augenbrauen. „Welches Haus?“ – „Na das neben der Weinstube. Das hat doch am 27. Dezember gebrannt. Sie wissen schon. Die Sache mit der Toten.“ Tatsächlich erinnerte sich Anna Ruf daran, beim Durchblättern der Zeitungen vom Dezember 1996 etwas von einem Brand gelesen zu haben. Eine tote Unbekannte war darin gefunden worden. Das Haus stand neben der Weinstube? Das erforderte einen Anruf bei der Polizei.

Der Polizeisprecher brauchte etwas, um den Sachverhalt herauszusuchen. Ja. Damals habe das Haus gebrannt. Dort habe es damals Gästezimmer gegeben, die die Weinstube betrieb. Am 27. Dezember 1996 habe es dort aus ungeklärter Ursache in einem der Zimmer gebrannt. Eine tote Frau wurde gefunden, die aber nie identifiziert wurde. Man ging damals davon aus, dass sich eine Landstreicherin dort über die kalten Tage einquartiert hatte. Das Ehepaar Weibrecht war ja nicht da und das Schloss aufgebrochen. Wahrscheinlich hatte sie Kerzen angezündet und dabei hat irgendetwas Feuer gefangen. Man habe alle Vermisstenanzeigen abgeglichen, auch DNA-Vergleiche gab es. Aber das sei nie erfolgreich gewesen. Niemand wurde vermisst.

1996

Warum war es plötzlich so unglaublich heiß hier? Träumte sie noch? Gerade war Elena doch noch in Prag im Haus ihrer Eltern. Damals, als alles noch gut war und sie noch lebten. Immer wieder hatte sie diesen Traum von damals. Aber heiß war es darin nicht. Als sie die Augen aufschlug sah sie, wie die Vorhänge mit dem irritierenden Blümchenmuster in Flammen standen. Überall Rauch. Ihr erster Gedanke: Wo war Maria? Dann fiel es ihr ein. Sie war in Sicherheit. Zum Glück. Der Rauch hatte sich mittlerweile im ganzen Zimmer verteilt. Die Kerze, war es die Kerze? Elenas Augenlider sanken unaufhörlich nach unten. Es war, als zöge sie jemand wie einen Vorhang zu. Immer weiter nach unten, immer dunkler. Schließlich schlief sie wieder ein…

2016

Ihr nächster Weg führte Anna Ruf noch einmal ins Krankenhaus. Sie wollte Schwester Helga mit ihrem Verdacht konfrontieren. War die Tote aus dem Haus etwa Elena? Und tatsächlich konnte sich Schwester Helga, die von den Spekulationen sichtlich schockiert war, plötzlich doch wieder an den Nachnamen erinnern. Frolow habe diese Elena geheißen. Bei der Polizei in Hall kannte man den Namen nicht. Aber hatte die alte Ludwig nicht etwas von Tschechien gesagt? Das könnte doch sein. Zum Glück kannte Anna Ruf von einem Praktikum bei einer Zeitung in Dresden noch eine Kollegin, die zufällig sehr gut tschechisch sprach und lange Jahre in Prag gelebt hatte. Die hatte ausgezeichnete Kontakte zur Polizei dort und hatte schon die ein oder andere grenzübergreifende Geschichte recherchiert. Sie hatten sich schon damals gut verstanden und sie freute sich, Anna Rufs Stimme zu hören. Nachdem der aktuelle Stand in Karriere und Privatleben upgedatet war, schilderte Anna Ruf ihr Anliegen. Versprechen konnte die Kollegin zwar nichts, aber sie wollte sich mal schlau machen. Am nächsten Tag klingelte Anna Rufs Handy in der Mittagspause. Zwei Anrufe hatte es gekostet. In Tschechien gab es natürlich diverse Elena Frolows, aber zum Glück hatte Schwester Helga in den Akten auch das damals von ihr angegebene Geburtsdatum herausgesucht. Die gesuchte Elena Frolow hatte bis zu ihrem 18. Geburtstag in Prag gelebt und sei dann 1994 nach Benecko umgezogen. Das sei ein Touristenort im Riesengebirge. Die Adresse, die der Polizist nach langer Bearbeitung durch seine alte Bekannte herausgab, gehörte zur Bedienstetenunterkunft eines Hotels.

Dort führte Anruf Nummer zwei hin. Der etwa 80-jährige Besitzer erinnerte sich noch dunkel an Elena. Sie habe da als Kellnerin gearbeitet, sei ganz alleine gewesen. Ihre Eltern seien kurz zuvor gestorben und sie habe deshalb Prag verlassen. Eines Tages habe sie ihre gesamten Habseligkeiten gepackt, ihren Lohn und das Trinkgeld abgeholt und gesagt, sie gehe nach Deutschland. Sie sei damals schwanger gewesen und habe gesagt, sie ziehe nun zum Vater des Kindes. Er habe sich für sie gefreut und nie wieder etwas von ihr gehört. Eigentlich hatte Elena ihm versprochen, mal eine Karte zu schreiben. Aber das junge Glück, dachte er, habe sie davon abgehalten. Warum solle so ein junges hübsches Mädchen auch so einem alten Mann schreiben? Er habe gar nicht gewusst, dass sie sich da nie abgemeldet hatte.

1996

Sabine Weibrecht konnte es nicht fassen. Da hatte ihr das Schicksal doch tatsächlich doch noch eine Tochter geschenkt. Klar. Sie hätte es sich auch gewünscht, dass es unter anderen Umständen gewesen wäre. Aber es war wie ein Weihnachtswunder, dass Elena plötzlich vor ihrer Tür stand mit diesem kleinen Wunder. Natürlich hatte sie die junge Tschechin hineingebeten. Sie kannten sich ja schon länger und es war kalt. Sie sah so verzweifelt aus. Und als sie ihr auch noch erzählte, wer der Vater der Kleinen war, musste Sabine Weibrecht auch erstmal tief durchatmen. Elena war völlig am Ende, so dass Sabine– noch völlig unter Schock - die junge Tschechin in eines der Gästezimmer nebenan schickte. Die waren über die Feiertage nicht belegt. Sie sollte sich hinlegen. Sabine gab ihr noch eine Schlaftablette. Unterdessen wollte sie sich um die Kleine kümmern. Doch dann überschlugen sich die Ereignisse…

Teil 4

2016

Anna Ruf hatte keine Beweise für ihre Theorie. Alles, was sie hatte, war ein Verdacht. Die Tote in dem abgebrannten Haus musste Elena Frolow gewesen sein. Und die Tochter der Weinstubenbesitzer musste Maria sein. Es passte alles zusammen. Hatte Sabine Weibrecht Elena umgebracht, um an das Kind zu kommen? Wusste sie, dass Elena niemand vermissen würde? Sie mussten sich kennen. Sie brauchte ein Geständnis, auch wenn das Risiko bestand, dass sich Anna völlig lächerlich machte und die Weinstubenbesitzerin verärgerte. Eventuell ging es hier um Mord. Und Kindesentzug. Oder wie war der juristische Begriff dafür? Und wenn ihre Theorie stimmte, dann musste Julia alias Maria davon erfahren, dass ihre Mutter nicht ihre Mutter sondern eine Mörderin war. Dass ihre richtige Mutter tot war. Und Gregor Weibrecht muss es gewusst und mitgespielt haben. Vielleicht war er sogar Marias Vater.

Anna Ruf beschloss, den Abend in der Weinstube zu verbringen und zu warten, bis der letzte Gast gegangen war. Sabine Weibrecht reagierte auf ihre Anwesenheit zunehmend nervöser. Ahnte sie, dass Anna ihr auf die Schliche gekommen war? Nachdem Sabine Weibrecht den Ex-Schaffner Bernhard, der seit seiner Pensionierung fast sämtliche Abende an der Theke der Weinstube verbrachte, abkassiert hatte, kam sie zu Anna. „Willst du noch was?“ – „Ja, mit dir reden.“ Als Sabine sagte, sie sei eigentlich müde und ob das sein müsse, schoss es aus Anna heraus: „Du kennst diese Elena Frolow, die 1996 zu Weihnachten bei dir war, oder? Und sie war es, die in eurem Gästehaus gestorben ist. War das wirklich ein Unfall? Und Julia – ist die wirklich von euch? Oder die Tochter von ihr?“ Sabine Weibrecht stockte der Atem. Mit aufgerissenen Augen starrte sie Anna Ruf an. Bevor sie ihre Stimme wiederfand, war es Gregor Weibrecht, der sich aus der Küche im hinteren Teil der Weinstube näherte. „Es ist Zeit für die Wahrheit, Sabine“, erklärte er mit warmer Stimme. Und wohl das erste Mal nach 25 Jahren Ehe hörte seine Frau auf ihn. „Es stimmt“, begann sie zu erzählen. „Aber es war wirklich ein Unfall. Elena kannten wir aus dem Urlaub. Anfang der 90er sind wir öfter in ein Hotel im Riesengebirge gefahren. Elena hat dort irgendwann als Kellnerin angefangen. An Weihnachten 1996 stand sie plötzlich vor unserer Tür. Mit dem Baby. Sie war ziemlich verzweifelt, wusste nicht wohin. Da hab ich sie in ein Gästezimmer geschickt, wo sie sich ausschlafen sollte. Offenbar ist dort dann eine Kerze umgefallen. Sie hat es wohl zu spät gemerkt. Sie hatte eine Schlaftablette genommen. Die Kleine war bei mir. Als ich nach ihr sehen wollte, war es schon zu spät. Das Zimmer brannte lichterloh. Ein schrecklicher Anblick. Da schoss es mir durch den Kopf: Wo würde die Kleine hinkommen? In irgendeine fremde Familie? Oder musste sie gar in einem tschechischen Kinderheim leben? Das wollte ich nicht. Ich erklärte Gregor alles. Wir wollten erstmal nur weg und stiegen mit der Kleinen ins Auto. Unsere Taschen waren schon gepackt, weil wir zwischen Weihnachten und Silvester ohnehin wegwollten. Erst auf der Fahrt haben wir überlegt, wie wir das alles erklären. Die Polizei würde Fragen stellen wegen der Toten. Das Beste wäre, zu sagen, wir waren schon längst weg, als es passierte. Die Versicherung würde schon alles übernehmen. Wir hätten nicht gewusst, wer die Tote war. In der Nacht kamen wir sogar nochmal kurz zurück und Gregor demolierte das Schloss, damit es nach Einbruch aussah. Und dann dachten wir uns die Geschichte mit der unbemerkten Schwangerschaft aus, fuhren ins Ausland und kamen irgendwann wieder. Natürlich haben die Leute geredet. Aber das war uns egal. Gesehen hatte uns niemand, also waren wir offiziell während des Brandes weg. Wir wollten, dass Julia mit viel Liebe aufwächst.“ Anna brauchte etwas, um das alles zu verdauen. Mord war es also nicht. Aber der Rest der Geschichte stimmte. Eine Antwort fehlte aber noch. „Aber warum kam Elena zu Ihnen? Gregor ist der Vater, oder?“ Gregor atmete tief. „Nein. Es ist mein Bruder Thomas. Wir haben ihn Anfang 1996 mal mitgenommen nach Tschechien, weil er sich gerade von seiner Frau getrennt hatte. Zur Ablenkung. Wir haben schon gemerkt, dass da was war zwischen den beiden. Dass Elena aber schwanger geworden war, wussten wir auch erst, als sie hier vor der Tür stand. Er war damals wieder zurück zu seiner Frau. Aber eigentlich nur, weil sie ja einen gemeinsamen Sohn haben. Hätte seine Frau von Elena und dem Kind erfahren, hätte sie ihn nicht nur verlassen, sondern ihm auch den Kontakt zu Johannes verboten. Sie war da knallhart. Er ist nach dem Urlaub zurück zu ihr, aber lange hat es nicht gehalten. Mittlerweile sind sie getrennt. Elena hatte Johannes damals im Haller Tagblatt auf der Wunschseite entdeckt. Die Ähnlichkeit zu seinem Vater. Und der Nachname passte auch. Eigentlich war sie hier, um ihm von dem Baby zu erzählen. Sie wusste ja nichts von einer Frau und einem Kind. Stattdessen kam sie völlig aufgelöst erst zu uns und wollte wissen, ob das stimmt. Dann passierte der Unfall. Und den Rest kennen sie ja.“ – „Das heißt, Julia oder Maria, wie sie eigentlich heißt, weiß bis heute nicht, dass Sie eigentlich ihr Onkel sind und nicht ihr Vater? Und ihr Bruder weiß es auch nicht?“ – „Nein“, schaltete sich Sabine Weibrecht ein. „Und sie glauben gar nicht, wie schwer das war. Nach der endgültigen Trennung von seiner Frau hat er so oft von Elena erzählt. Einmal ist er sogar nochmal ins Hotel gefahren. Aber da hat man ihm nur gesagt, dass sie da nicht mehr arbeitet. Sie habe einen Deutschen kennengelernt und sei zu ihm gezogen. Er hat sie nie gefunden. Wie sollte er auch. Irgendwann hat er aufgegeben. Ihr Glück wollte er ja auch nicht zerstören. Für mich war das ein versöhnliches Ende. Er sollte ruhig davon ausgehen, dass sie glücklich ist. Das war ihm wichtig. Aber vielleicht ist es ja nach 20 Jahren wirklich Zeit für die Wahrheit.“ Über Weihnachten komme die Familie ohnehin zusammen, da könne man die Karten auf den Tisch legen. Sabine und Gregor Weibrecht hatten Angst, ihre Julia zu verlieren. Und Gregor dazu. Sie wollten sich genug Zeit nehmen, das Geständnis vorzubereiten.

Anna Ruf schrieb ihre Christkind-Geschichte dann doch ohne Marias Geschichte. Die sollte, wenn alle Beteiligten sich mit der neuen Situation angefreundet hatten, nochmal gesondert erzählt werden. Wie lange es gedauert hatte, bis alle im Hause Weibrecht am Weihnachtsabend wieder ihre Sprache gefunden hatten, weiß Anna Ruf nicht. Kurz vor Silvester bekam sie aber doch noch einen Anruf von ihrem gesuchten Christkind. Julia Weibrecht, die ihren Namen, den sie schon fast ihr ganzes Leben trug, behalten wollte, meldete sich bei ihr. Mit ihren Eltern habe sie gerade zum ersten Mal seit Weihnachten wieder geredet. Eigentlich habe sie schon länger geahnt, dass da irgendetwas nicht stimme. Sie sei ihren Eltern so gar nicht ähnlich. Und die Gerüchte um den Kauf im Ausland habe sie auch mal irgendwann aufgeschnappt. Sie habe sich aber nie getraut, zu fragen. Sie liebte ihre Eltern und wollte sie nicht verletzen. Auch wenn es schwer fiel. Ihren Onkel Thomas habe sie schon immer besonders gemocht. Und vor ein paar Tagen hätten sie auch das erste Mal etwas Zeit als Vater und Tochter miteinander verbracht. Nun wollte sie wissen, ob Anna Ruf ihr noch etwas zu ihrer leiblichen Mutter sagen könne. Oder ob sie jemanden gefunden habe, der sie kannte. „Schwester Helga“, sagte die Journalistin, „sie war bei deiner Geburt dabei.“ Sie gab Julia die Kontaktdaten.

Anna Ruf hatte mittlerweile die Polizei informiert, wer die Tote von 1996 war und arbeitete an der Reportage für die Zeitung. Gegen das Ehepaar Weibrecht wurde ermittelt, weil sie den Einbruch fingiert, die Identität der Toten verschleiert und das Kind an sich genommen hatten. Das alles aber wohl verjährt. Die Weibrechts interessierte aber nur eines: Dass Julia wieder anfing, mit ihnen zu reden und den Kontakt nicht ganz abbrechen wollte. Und dass nun endlich die Wahrheit herausgekommen war.

Ende

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Leiter der Crailsheimer Schulen: Vom Glück, gute Lehrer zu haben

„Für mich als Schüler war Schule eher Last als Lust“, sagt Ulrich Kern. Doch jetzt ist er Lehrer und hat seine Berufswahl nie bereut. weiter lesen